Altes Haus für junge Kunst

Die Nürnberger Akademie der Bildenden Künste

Altes Haus für junge Kunst

Preisfrage: Wo steht die älteste Kunstakademie im deutschsprachigen Raum? Prompte Antwort: In Nürnberg. Denn deren Wurzeln gehen – wer hätte es gewusst – auf den aus Frankfurt gebürtigen Jacob von Sandrart (1630 bis 1708) zurück, der 1662 eine „Maler-Academie“ ins Leben rief. Dem berühmten Kupferstecher, Kunsthändler und Verleger standen der Mathematiker, Astronom und Stecher Georg Christoph Eimmart sowie der Maler und Architekt Elias von Goedeler und der Ratsherr Joachim Nützel zur Seite.

 

Zunächst traf man sich in Sandrarts Wohnung, um zu zeichnen und über Kunst zu reden, bis alsbald die Stadt die Trägerschaft übernahm und Joachim von Sandrart die „Academie“-Leitung anvertraute. Gewiss nicht, weil die letzte Silbe seines Namens das englische Wort für „Kunst“ bildete, sondern weil er eben ein verständiger und in Sachen Kunst ein auch über die deutschen Lande hinaus berühmter Mann gewesen war.

 

Im Laufe der Jahrhunderte kam es zu einer Vielzahl von Orts- und Namenswechseln. Von 1699 an bis 1819 hat die Akademie ihr Zuhause im Katharinenkloster. 1820/1821 wird die Institution in „Königliche Kunstschule“ umbenannt, die ehemals freie Reichsstadt geht an das Königreich Bayern, und König wie Landesregierung folgen der Devise „In Nürnberg Industrie – In München Kunst“. 1833 wird aus der Akademie die „Kunst- und Kunstgewerbeschule“, was zur Folge hat, dass sich die Lehre an den Bedürfnissen des Kunsthandwerks ausrichtet.

 

1897 bezieht man einen Neubau in der Flaschenhofstraße, von 1928 an nennt sich die Einrichtung „Staatsschule für angewandte Kunst“, was wiederum heißt, dass die freie Kunst in ihr keinen Platz hat. Im April 1940 setzt Oberbürgermeister Willy Liebl die Erhöhung des Hauses in die „Akademie der bildenden Künste in der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg“ durch. Liebl macht damit sein von Dürer, Sachs und Butzenscheibenromantik geprägtes Nürnbergbild, in dem eine erstklassige Kunsthochschule nicht fehlen darf, komplett.

 

Nach den Luftangriffen im August 1943 muss man nach Ellingen in das vormalige Deutschordensschloss ausweichen. Als Sep Ruf das heute denkmalgeschützte Ensemble von Pavillons in der Bingstraße 1956 fertiggestellt hat, geht es endgültig zurück nach Nürnberg. Anno 2012 kann die Akademie, die sich heute als „Nürnberger Kreativlabor mit offenem Forschungsauftrag“ begreift, mit zahlreichen Ausstellungen ihr 350-jähriges Gründungsjubiläum feiern.

 

Lang ist die Liste der Bekannten und Berühmten, die mit der Kreativwerkstätte verbunden sind, zu welcher seit 2013 ein Erweiterungsbau von Hascher Jehle Architektur gehört, der es erlaubt, dass alle Studierenden, rund 300, auf einem Campus unterrichtet werden können. Neben den Klassen für Freie Kunst, Malerei, Bildende Kunst, Bildhauerei, Künstlerische Konzeptionen, Kunsterziehung, Gold- und Silberschmieden sowie Grafik-Design werden noch die arg renommierten Aufbaustudiengänge Architektur und Stadtforschung angeboten.

 

Einigermaßen omnipräsent ist, um an der Spitze der Akademie anzufangen, deren Präsident er seit bald einem Jahrzehnt ist, der Konzept- und Aktionskünstler Ottmar Hörl. Man kennt seine, sich aus vielen Figuren zusammensetzenden, Installationen wie etwa jene zu Richard Wagners Jubiläum 2013, die aus 500 Wagner-Figuren im Stadt-Raum Bayreuth bestand. Wagner ist aufgrund seiner teils antisemitischen Schriften auch eine umstrittene Persönlichkeit. Was wiederum daran erinnert, dass gegen Hörl, der sich immer mit Geschichte, Politik und Gesellschaft auseinandersetzt, 2009 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, weil in einer Nürnberger Galerie einer seiner Gartenzwerge fröhlich die Hand erhob: zu einem unseligen Gruß. Hörl selbst versteht seine Gartenzwerg-Installation als „Persiflage auf das Herrenmenschentum der Nazis“. Die Ermittlungen wurden eingestellt, und Hörl legte im Oktober selbigen Jahres in Straubing mit einer weiteren Installation mit 1200 Hitlergruß-Gartenzwergen nach.

 

Es mag aber sein, dass Hörl darin dem Selbstverständnis der Akademie – deren schöpferisches Potential, deren Ruf unbestritten sind – folgt: Einen lebendigen kreativen Diskurs unterschiedlicher Positionen zu pflegen. „Alle Formen und Ausprägungen einer zeitgenössischen künstlerischen Praxis“ sollen ermöglicht und „diese auch im jeweiligen gesellschaftlichen und historisch-kritischen Zusammenhang“ erfasst werden. Grundlage ist die „ Förderung der individuellen Entwicklung der Studierenden“.

 

Diese haben immer wieder große Erfolge vorzuweisen. So hat Jasmin Schmidt, die in der Klasse von Thomas Hartmann bis 2013 Freie Malerei studierte, im November den Bayerischen Kunstförderpreis erhalten. Daniel Kiss aus der Klasse von Michael Munding wurde für seine multimediale Abschlussarbeit der Kulturpreis Bayern zugesprochen. Auch Hans Peter Reuter, der jahrzehntelang an der Akademie wirkte und für seine Arbeiten aus blauen Kacheln bekannt ist, ist – in der Kategorie Künstler und Kulturschaffende – mit dem Kulturpreis Bayern bedacht worden.

 

Über den mit 15 000 Euro dotierten Danner-Preis für ihre Arbeit „Pfefferlinge“ darf sich Isabelle Enders freuen, Absolventin des Studiengangs Gold- und Silberschmieden. „Ausgangspunkt für meine Arbeiten ist oft eine simple Frage, wie hier die, warum meine Pfeffermühle mehr um statt in mein Frühstücksei mahlt.“ Seit 2012 ist Enders im Aufbaustudiengang „Kunst und öffentlicher Raum“ bei Simone Decker eingeschrieben. „Ich freue mich, wenn meine Formgebungen über die Funktionalität hinaus erzählerisch sind und so die Kommunikation bei Tisch anregen, indem sie vielleicht Assoziationen vom Ameisenbär bis zum medizinischen Gerät wecken“, sagt Enders, Noch bis zum 11. Januar nimmt sie an der „Ausstellung Danner-Preis“ im Schlossmuseum Aschaffenburg teil.

 

Wer in Nürnberg bleiben möchte, hat die Möglichkeit, Ausstellungen in der Akademie Galerie auf dem AEG-Gelände zu besuchen: „Ja, ich will 2!“ zeigt bis zum 21. Dezember Werke aus der Klasse des Bildhauers Marko Lehanka. Vom 15. Januar bis zum 8. Februar präsentieren Studierende der Klasse Michael Hakimi (Freie Kunst mit Schwerpunkt Malerei) ihre Arbeiten.

 

Copyright Fotos:
Klasse Michael Munding © AdBK Nürnberg, 2014
Klasse Marko Lehanka © AdBK Nürnberg, 2014
Klasse Michael Hakimi © AdBK Nürnberg, 2014
Erweiterungsbau, Hascher + Jehle Architektur © AdBK Nürnberg, 2013
AdBK, Architekt Sep Ruf © AdBK Nürnberg, 2014
AdBK, Architekt Sep Ruf © AdBK Nürnberg, 2013

Jürgen Gräßer
26.11.2014

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