Knallerausstellung im Neuen Museum

Gerhard Richters „Ausschnitt“ in Nürnberg

Knallerausstellung im Neuen Museum

Was für ein Einstand! Seit September erst ist Eva Kraus neue Direktorin des Neuen Museums in Nürnberg und präsentiert doch bereits mit der „Ausschnitt“ betitelten Ausstellung einen der fraglos wichtigsten Künstler unserer Zeit überhaupt: Gerhard Richter. So darf es denn auch nicht wirklich wundernehmen, wenn Angelika Nollert, Kraus‘ Vorgängerin, über die von ihr noch mitorganisierte, noch bis zum 22. Februar laufende, von Richter selbst zusammengestellte Schau sagt: „Das ist sozusagen unsere Knallerausstellung.“

 

Ende 2013 hatte das an der Luitpoldstraße gelegene Haus knapp zweieinhalb Dutzend Werke Richters als Dauerleihgabe erhalten. Damit verfügt das Neue Museum über die drittgrößte Sammlung von Arbeiten des in Köln lebenden Malers, Bildhauers und Photographen. Sie stammen aus dem Besitz des Berliner Kunstsammler-Ehepaars Ingrid und Georg Böckmann.

 

Richter, der darauf abzielt, sich ein Bild von der Welt zu machen, leugnet jedweden privaten Einfluss auf sein Schaffen. Seine Absicht: „Nichts erfinden, keine Idee, keine Komposition, keinen Gegenstand, keine Form – und alles erhalten: Komposition, Gegenstand, Form, Idee, Bild.“ So beschrieb Richter selbst einmal sein paradox anmutendes Unterfangen einer Malerei, die auf allen Ebenen der Subjektivität des Künstlers zu entkommen sucht.

 

Es ist ein Werk ohne Autor, ohne Schöpfer, was da seit den späten Fünfzigern und vor allem – von seinem Frühwerk lässt Richter kaum etwas gelten, hat vieles vernichtet – nach seiner Flucht in den Westen im März 1961 und dem Neubeginn in Düsseldorf Richters Atelier(s) verlässt. An der dortigen Kunstakademie studierte er bei Ferdinand Macketanz und bei K. O. Götz, dem Meister des Informel und surrealistischen Lyriker, der im Februar seinen Hundertsten feiern konnte.

 

„Nachdem es keine Priester und Philosophen mehr gibt“, sagt Richter, „sind die Künstler die wichtigsten Leute auf der Welt.“ Und unter denen ist der Dresdner des Jahrgangs 1932, der im Übrigen über seine Mutter, die einer Kulmbacher Bierbrauerfamilie entstammt, fränkische Wurzeln hat, einer der bedeutendsten. Was sich auch an Auktionserfolgen ablesen lässt. Sein „Abstraktes Bild“ erzielte vor zwei Jahren 34 Millionen Dollar, der „Domplatz, Mailand“, 1968 entstanden, wurde im vorvergangenen Mai in New York für 37,1 Millionen Dollar versteigert. Der höchste Preis, der je für ein Gemälde eines lebenden Künstlers gezahlt wurde.

 

Der Titel der Ausstellung, „Ausschnitt“, rührt von einem großformatigen Bild von 1971 und will vor Augen führen, dass die 28 Arbeiten lediglich einen Ausschnitt aus dem umfassenden Schaffen Richters, der seit seinem 80. Lebensjahr nicht mehr malt, zeigt. Außerdem weist er darauf hin, dass der Richter-Werkkomplex ja nur ein Teil der Dauerleihgabe aus der Sammlung Böckmann ist, zu der auch Arbeiten von A. R. Penck, von Isa Genzken und Gotthard Graubner gehören. Dieser „außerordentlich reiche Zuwachs kapitaler Werke“, wie es in einer Hausmitteilung heißt, mache das Neue Museum zu einem „Zentrum der bedeutendsten Vertreter deutscher Gegenwartskunst“.

 

Zeitlich reicht die Ausstellung von 1957 bis 2003. Viele prominente Gemälde, abstrakte wie fotorealistische, vereinen sich zu einem großen Panorama. Darunter befinden sich das „Waldstück“, ein verwischtes Fotobild aus dem Jahr 1965, dann das abstrakte Farbtafelbild „Sechs Farben“ (1966) und das „Seestück (bewölkt)“ von 1969, von dem man auf den ersten Blick kaum zu sagen vermag, ob es sich nun um ein Foto oder um ein Gemälde handelt. Dann sind da noch der an die Vanitas-Arbeiten barocker Meister erinnernde „Schädel mit Kerze“ (1983) als Sinnbild für die Vergänglichkeit des Irdischen, sowie eine ganze Reihe abstrakter Bilder, vom ungemein farbenfrohen „Ingrid“ (1984) bis hin zu „Decke“ (1988), das als Übermalung der zweiten Version des Gemäldes „Erhängte“ zum Umfeld des großen RAF-Zyklus „18. Oktober 1977“ gehört.

 

Die Ausstellung wird ergänzt durch ein vielfältiges Begleitprogramm. Selbstverständlich werden Führungen angeboten (auch, am 24. Januar um 16 Uhr, für Gehörlose), aber auch die Workshops „Erscheinen und Verschwinden“ (für Kinder ab zehn Jahren am 6. Dezember von 10 Uhr an, von 14 Uhr an dann für junge Leute ab 14 Jahren; für Erwachsene am 31. Januar, 14 Uhr). Die mit dem Deutschen Filmpreis 2012 ausgezeichnete Dokumentation „Gerhard Richter Painting“ (Buch und Regie: Corinna Belz) erlaubt Einblicke in den Schaffensprozess Richters. Ein Film, der durch ruhige Einstellungen fasziniert und ein emphatisches Porträt des nicht mehr so jungen Künstlers – Richter öffnete Belz im Frühjahr und Sommer 2009 sein Atelier – bei der Arbeit zeigt.

 

Auf Richter soll 2015, der wie dieser mit der Düsseldorfer Akademie verbundene, Gotthard Graubner folgen, 2016 schließlich wird A. R. Penck gezeigt, der sich mit Richter den Geburtsort teilt. Mit dieser Trilogie an Einzelausstellungen sollen die Neuzugänge des Museums gebührend gewürdigt werden.

 

Copyright Bilder: 
Gerhard Richter, „Abstraktes Bild“, 1988, Leihgabe aus Privatbesitz © Gerhard Richter, 2014
Gerhard Richter, „Ingrid“, 1984, Leihgabe aus Privatsammlung © Gerhard Richter, 2014
Gerhard Richter, „Schädel mit Kerze“, 1983, Leihgabe aus Privatsammlung © Gerhard Richter, 2014

 

Jürgen Gräßer
26.11.2014

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