SMS aus Stalingrad

Franz Ullrichs wundersame Anastrophen

SMS aus Stalingrad

Hier kommt so einiges, hier kommen so einige, zusammen: Zum Ersten natürlich der Bamberger Architekt, Stadtplaner und Regierungsbaumeister Franz Ullrich, der mit der „SMS“ nun auch zum feinsinnigen Autor geworden ist. Sodann die in Klausenburg / Cluj arbeitende Künsterlin Ana Botezatu, die ein Dutzend Linolschnitte beigesteuert hat. Dritter im kreativen Bunde ist Richard Wientzek, Volker-Hinniger-Preisträger von 2008, von dem eine im Original farbige, bei Erich Weiß aber schwarz-weiß gehaltene Tuschezeichnung stammt. Über die eine Vierte hinzukommt, Ullrichs Mutter, die dem Sohn die schließlich zum Titel führende, von Wientzek zeichnerisch umgesetzte SMS schickte. Auf einer Finnlandreise im Sommer 1994 hatte der zeitweilig zum Autor mutierende Architekt mit den assoziationsreichen Aufzeichnungen vom Rande des Alltags begonnen, und als nach zwei Jahrzehnten das Notizbuch endlich gefüllt war, die vorliegende Auswahl getroffen. Statt von Aphorismen spricht Ullrich, weil er „das Dasein als ein großes Geschenk von Gott“ versteht, von Anastrophen, also Hinaufwendungen zum Guten. Proben gefällig? Voilà: „Wenn ich in Dir bin, bin ich außer mir.“ Oder: „Lebt man einen Traum, verändert er das Leben.“ Ganz schlicht: „Allein unter Menschen“, sowie, mit „Sprache“ spielend (so ist das Kapitel überschrieben, dem es vorangestellt ist), der Shakespeares wie der Goethes: „Design oder Nicht-Sein“. Als Zulieferin des Mottos wird hier Claudia Kaspar genannt, Ullrichs Frau. Eine Zugabe noch: „Nach dem Tod wird das Leben bedeutungslos.“ Das Lesen dieser Sammlung hingegen ist es nicht. Man tut es mit Erkenntnisgewinn und, oft, mit einem Schmunzeln.

 

Franz Ullrich, SMS aus Stalingrad. Anastrophen. Bamberg: Erich Weiß, 2014. 64 Seiten, 8 Euro.

Jürgen Gräßer
26.11.2014

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