Johanniskapelle: Jetzt aber zügig, à huit!

Die Trombone Unit Hannover zeigt in Bamberg, wie man’s macht

Johanniskapelle: Jetzt aber zügig, à huit!

 Man möge doch, lässt Goethe ziemlich zu Beginn des ersten Kapitels des fünften Buches von „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1878f.) den Theaterdirektor Serlo, Förderer und Freund des Titelhelden, sagen, „alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören“. Dieses Vergnügen hatten, gleich mehrfach, am vierten Adventssonntag in der Bamberger Johanniskapelle, die sich seit Juni frisch saniert von ihren schönsten Seiten als Raum für Kunst und Kultur zeigt, geschätzte viereinhalb Dutzend Zuhörer. Die Trombone Unit Hannover – und mit ihr der gastgebende Verein Neues Palais Bamberg – hatte zur Matinee geladen.

 

Nur drei Absätze vor dem Zitat geht in den „Lehrjahren“ die Rede davon, dass das (wie Gustav Mahler) herzkranke Feinsliebchen Mignon mit ihren auswendig vorgetragenen Liedern, „gewöhnlich von der ernsten und feierlichen Art“, bei „jedermann Erstaunen“ erregte. Das nun, das Jeden-Staunen-Machen-Können, teilen sich die acht Posaunisten mit Goethes Mignon, ob sie nun auswendig spielten – Beethovens drei Equale, ernst, in d-Moll, D-Dur und B-Dur, und, feierlich, drei Motetten Bruckners, jeweils in wechselnder Viererbesetzung – oder doch nach Notentext. Denn was die Trombone Unit aus den Noten herausholt, wie sie sie Musik werden lässt, ist schlichtweg nichts weniger als ein unerhörtes Ereignis zu nennen.

 

Das Oktett weiß, was es tut, und wie! Nicht vergessen werden darf der Neunte im hannoverschen Bunde, Lars Karlin, der als Arrangeur von Gnaden der Trombone Unit Bearbeitungen auf den Leib schreibt. Beispielsweise von George Frideric Handels Ouvertüre zur Ende April 1749, also fast auf den Tag genau vier Monate vor Goethes Geburt, im Londoner Green Park uraufgeführten „Music for the Royal Fireworks“, mit der das Konzert begann. Das Gute, das ein bisschen auch Erstaunliche an Karlins Versionen ist: Er vermag noch den kanonischsten Klassikern so neue wie spannende Seiten abzugewinnen.

 

Langeweile stellt sich hier nicht ein, auch abgeschmackte Arrangements sucht man vergebens bei dem Schweden, der in der Nachfolge von Jesper Busk Sørensen, der zu den Berliner Philharmonikern wechselte, als Soloposaunist im Åarhus Symfoniorkester wirkte. Seine Stelle in Dänemark gab Karlin auf, um in Berlin ein Aufbaustudium zu machen, seine erste Solo-CD vorzubereiten, die im Februar bei Genuin erscheint, und als Freischaffender zu arbeiten. Karlin ist eben, wie die anderen Ensemblemitglieder auch, gefragt. Und zwar so sehr, dass er am Sonntag verhindert war und dem erst dreiundzwanzigjährigen Karol Gajda den Vortritt ließ. In Karlins Weihnachtslieder-Potpourri à la „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer“, das am Ende des offiziellen Teils stand, hatte Gajda Gelegenheit zu zeigen, dass er sich auch wunderbar auf Swingeinlagen versteht, wie man sie etwa von Jiggs Whigham kennt.

 

Auch das macht das Phänomen Trombone Unit aus: Dass sie ungemein flexibel ist (und dadurch wach und motiviert bleibt), dass sie sich nicht nur einer einzigen Stilrichtung verschrieben hat, dass sie des Öfteren Pulte tauscht und Stimmen, und dass das Oktett nicht als festgefahrene Einheit auftritt. Auch dadurch, dass man mal zu viert oder zu sechst musiziert, so in einer Bruckner-Etüde. Sehr satt, sehr sauber, natürlich nicht nur hier: die beiden Bassposaunisten Tomer Maschkowski und Mateusz Sczendzina, der wie sein Vornamensvetter Dwulecki, Tenor- und Altposaune, aus Polen kommt.

 

Für sechs Posaunen gesetzt hat diese Etüde im Übrigen Enrique Crespo, welcher zwischen 1969 und 1980 am ersten Posaunenpult der Bamberger Symphoniker saß (und später mit German Brass im Joseph-Keilberth-Saal gastieren sollte). Deren koordinierter Soloposaunist ist seit jetzt vier Jahren der famose „Grieche aus Korfu“, Angelos Kritikos, der mithin ein Heimspiel hatte und nicht nur von seinen posaunistischen Symphonikerkollegen Hannes Voithofer und Christoph Weber mit Bravi gefeiert wurde. Auch die Hornisten Hasko Kröger und Reinhold Möller, dem wir ein großes Dankeschön für das Bildmaterial schulden, lauschten Kritikos & Co.

 

Neben all den genannten Vorzügen vermag die Trombone Unit auch mit dem Raum zu spielen. In der gotischen Kapelle St. Johannis führten die Posaunisten dies vor Aug‘ und Ohr in Gesängen der Hildegard von Bingen. So blies Maschkowski vom Nebenzimmer, Michael Zühl, der dem in der Apsis positionierten Tobias Schiessler antwortete, von der Empore aus. Es blieb viel Freiraum für kleine Ausflüge in die Improvisation, etwa für das Experimentieren mit dem durch Albert Mangelsdorff bekannt gewordenen mehrstimmigen Spiel.

 

Perfektes Musizieren in allen sieben (Posaunen-)Lagen, so oder so ähnlich lässt sich das von der Trombone Unit Gebotene zusammenfassen. Ihre Lehrjahre verbrachten die Acht, wie der Name nahelegt, in der niedersächsischen Landeshauptstadt. An der dortigen Musikhochschule studier(t)en sie in der Klasse von Jonas Bylund, und die macht ihrem Namen eben alle Ehre. Sie ist klasse, zählt sie doch derzeit zweifelsfrei zu den zwei, drei besten auf dem europäischen Kontinent. Bylund, nebenbei, Schwede wie zwei andere Größen (Christian Lindberg, der mit der Bayerischen Staatsphilharmonie, als sie noch nicht so hieß, romantische Posaunenkonzerte eingespielt hat, und Nils Landgren), war in der Saison 1992/93 Soloposaunist der Bamberger Symphoniker.

 

Drei Jahre zuvor hatte Bylund den zweiten Preis beim ARD-Wettbewerb in München gewonnen. Ganz wie 2007 sein Schüler Frederic Belli, der Gründervater der Trombone Unit, die 2011 beim Deutschen Musikwettbewerb triumphierte. Belli, aus dem Kinzigtal gebürtig, zeichnete locker und gekonnt für die Moderation (und feine Phrasierungen) verantwortlich, die, wo es passte, durchaus mit Humor gewürzt daherkam. Belli ist Soloposaunist beim SWR in Freiburg und spielt weiters im Lucerne Festival Orchestra, Seite an Seite mit Jörgen van Rijen, bei welchem wiederum – in Rotterdam – Tomer Maschkowski studierte, der einzige der Truppe, der nicht aus Bylunds Schule stammt.

 

Viel wäre noch zu sagen, viel wäre noch zu schreiben über die acht Hochglanzposaunisten der Trombone Unit Hannover. Belassen wir es dabei, zusammenfassend festzuhalten: Wenn die Trombone Unit aufspielt, dann wird Musik, gleich welcher Couleur, gleich welchen Alters, vor allem eines – gegenwärtig. Wir wollen es ja nicht ausposaunen, aber es ist schon so: die Trombone Unit Hannover sucht – vermutlich weltweit – ihresgleichen.

 

Weil im unmittelbaren Umfeld der zu Beginn zitierten Goethe-Stelle das Wort „Vergnügen“ fällt, und weil man, so der Theatermensch Serlo weiter, alle Tage nicht nur wenigstens ein kleines Lied hören, sondern auch „ein gutes Gedicht lesen“ solle, sei zum Ausklang noch Brechts „Vergnügungen“ von 1954 angeführt, von denen einige an diesem vierten Advent in der Johanniskapelle zu genießen waren, beispielsweise „Begeisterte Gesichter“.

 

Vergnügungen

 

 

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen

Das wiedergefundene alte Buch

Begeisterte Gesichter

Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten

Die Zeitung

Der Hund

Die Dialektik

Duschen, Schwimmen

Alte Musik

Bequeme Schuhe

Begreifen

Neue Musik

Schreiben, Pflanzen

Reisen

Singen

Freundlich sein.

 

 

- Bertold Brecht

 

Fotos © Reinhold Möller

Jürgen Gräßer
21.12.2014

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