Aufforderung zum Tanz, à la française

Die Bamberger Symphoniker mit Debussy und Ravel

Aufforderung zum Tanz, à la française

 Wenn es auch kaum eine tiefere Bedeutung hatte, so hatte es durchaus Sinn: Als Encore wählte die bezaubernde und bezaubernd spielende Alina Ibragimova, die am Silvesterabend ihr Debüt mit den Bamberger Symphonikern gab, die „Méditation“, also das symphonische Intermezzo aus Jules Massenets Oper „Thaïs“. Am Pult stand Robin Ticciati, der bis 2013 Erster Gastdirigent der Bayerischen Staatsphilharmonie war. Wenn der einunddreißigjährige Londoner im späten Februar an die Regnitz zurückkehren wird, wird er sein einundfünfzigstes Dirigat der Bamberger Symphoniker mit einer Mediation eröffnen, jener aus der Feder von Toshio Hosokawa, dessen Schaffen im Übrigen mehrfach beim diesjährigen Mozartfest in Würzburg im Mittelpunkt stehen wird.

 

Die „Méditation“ Massenets zuzugeben hatte auch insofern Sinn, als sie ja ein Ohrwurm sondergleichen darstellt. Aus ebensolchen bestand das komplette Programm des Silvesterkonzertes im ausverkauften Joseph-Keilberth-Saal, aus Schmankerln, aus Delikatessen, aus Publikumslieblingen, Ohrwürmen. Und allesamt waren sie französisch angehaucht, entstammten zumindest, auch wenn sie sich doch einmal in spanische oder wienerische Klangwelten begaben, französischer Provenienz, zumindest dann, wenn wir den gebürtigen Kölner Jacques Offenbach, der die allerletzte Silvesterzugabe komponiert hatte, den westlichen Nachbarn zuschlagen. Schließlich verbrachte Offenbach den Großteil seines Lebens, von der Ausbildung am Pariser Conservatoire bis zum Tod durch Herzversagen im Oktober 1880, an der Seine.

 

Anders als etwa für Bach und Beethoven sei für Massenet die Musik niemals das „Allumfassende“, nie „la voix universelle“ gewesen, schrieb Claude Debussy einmal. Vielmehr mache Massenet aus der Musik eine „reizvolle Besonderheit“. Und genauso, sehr in sich gehend und bei der Sache, leuchteten Alina Ibragimova, Robin Ticciati und die Bamberger Symphoniker die „Méditation“ aus, als eine besonders reizvolle, zauberhaft kantable Melodie, wobei man an deren Beginn durchaus an eine Zeile aus Mörikes bekanntestem Gedicht denken mochte: „ – Horch, von fern ein leiser Harfenton!“

 

Einen besonderen Reiz zeichnete auch Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ nach Stéphane Mallarmé aus. Ulrich Biersack zauberte da im sehr moderaten Neunachteltakt, im Piano und „doux et expressif“ auf seiner Flöte nahezu ein „Lied aus reinem Nichts“ – um mit dem Troubadour Wilhelm von Aquitanien zu sprechen – hervor, in das peu à peu die prächtig aufgelegten Holzbläserkollegen über Harfenarpeggien einfielen. Und nach gut zehn spannungsvollen, auch erotischen, jedenfalls erotisierenden Minuten (Ticciati hatte großes Gespür für Dramatik) sollte dieses Vorspiel, und mit ihm der Faun, wieder in einem Fastnichts versinken. Bravo!

 

Den Auftakt hatte die Ouvertüre op. 9, „Le carnaval romain“, von Hector Berlioz gemacht, die 1844 unter Leitung des sich bestens auf Orchestrierung (man denke etwa an das fein und seelenruhig ausgestaltete Englischhorn-Solo) verstehenden Komponisten ihre Uraufführung erlebte. „Der römische Karneval“ gab, wenn man ihn als eine Art Maskenball verstand, den roten Silvesterfaden vor: eine fast einzige Aufforderung zum Tanz. Rhythmus war Trumpf an diesem letzten Dezemberabend, etwa in der im Original für Klavier geschriebenen Habanera des mit Manet, der ihn portraitierte, und mit Verlaine befreundeten Emmanuel Chabrier.

 

In Maurice Ravels „Tzigane“ geheißener Konzertrhapsodie für Violine und Orchester konnte Alina Ibragimova erstmals ihr fulminantes Geigenspiel ausstellen, zumal in der an technischen Schwierigkeiten nicht armen Einleitung. Dass sie sich auch auf stillere, introvertiertere, melancholischere Töne versteht, sollte Ibragimova im zweiten Programmteil in Ernest Chaussons „Poème“ beweisen. Apropos „Poème“: Denken durfte man hier an Rilkes dunkles „Liebes-Lied“, ein Jahrzehnt nach der Chausson-Uraufführung durch den Widmungsträger der Rhapsodie, den großen Belgier Eugène Ysaÿe, in den „Neuen Gedichten“ 1907 im Leipziger Insel-Verlag vorgelegt, dessen Schlussverse lauten:

 

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,

nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,

der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?

Und welcher Geiger hat uns in der Hand?

O süßes Lied.

 

Die Tonsprache, das Vokabular von Claude Debussy ist in den frühen und mittleren Werken Ravels vernehmbar, etwa in den drei Orchesterliedern „Shéhérazade“ auf Texte von Tristan Klingsor, die Rolf Urs Ringger ein „auskomponiertes Decrescendo“, ein in Musik gesetztes „Verstummen“ genannt hat. Den „Boléro“ hingegen, 1928 uraufgeführt im Palais Garnier und getanzt von Ida Rubinstein, kann man als ein einziges Crescendo verstehen, vom Pianissimo hin zum wahrhaft orgiastischen Schluss. Was Wunder, dass Ravels Meisterwerk später in einschlägigen Filmen zur Untermalung zum Einsatz kommen sollte (Oswalt Kolle, „Wunder der Liebe“, 1968; Andrei Tarkowski, „Stalker“, 1979, „Love Exposure“ von Sion Sono, 2008).

 

Hundertneunundsechzigmal – das sind über 4000 Schläge – wird die triolensatte Rhythmusfigur auf der kleinen Trommel wiederholt: vor Jens Herz, zwischen den Hörnern und den Violinen positioniert, konnte man nur den Hut ziehen. Überhaupt begeisterten die Musiker mit ihren glänzenden Soli, ob sie nun am Sopransaxophon, am Horn, an der Celesta oder an der Oboe (phänomenal, wie so oft: Ivan Podyomov) agierten. Ein anderer Rhythmus, ein anderer Tanz prägte den finalen Punkt des offiziellen Programms. „La valse“, Maurice Ravels 1920 fertiggestelltes „Poème choréographique pour orchestre“ ist eine Art Nachruf auf den Wiener Walzer, dramatisch, brachial, gewaltig, chaotisch. Schön, dass Ticciati den Überblick wahrte und die Tuttiausbrüche nicht ins plärrend Derbe ausarten ließ.

 

„If you want to dance, please do”, rief Ticciati den Zuhörern zu, sprang vom Podium, um die sich zu stehenden Ovationen und Mitklatschen erhebende Menge zum Tanz aufzufordern. Zuvor hatte er noch gewünscht, die Musik möge doch die Welt durchdringen, „to make it a better place“. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer, dass Ticciatis Desiderat baldmöglichst – so wie an diesem frühen Silvesterabend im Keilberth-Saal – wahr werde, und dass es „Le Galop infernal“ aus Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ war, der so flotte und lebensfrohe wie populäre Cancan, mit dem die Bamberger Symphoniker und Robin Ticciati ihr Publikum in das baldige neue Jahr hinausschickten.

 

Fotos © Sussie Ahlburg

Jürgen Gräßer
04.01.2015

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