Expressiver Realismus, Landschaftsbilder, Wegmarken, Aufbrüche

Ein Rundgang durch die Kunsthalle Schweinfurt

Expressiver Realismus, Landschaftsbilder, Wegmarken, Aufbrüche

Dass die Kunst nach Brot geht, ist ein alter, obgleich in vielen Fällen leider noch immer allzu wahrer, Hut. Frühe Belege hierfür finden sich beispielsweise bei dem Melanchton-und-Luther-Schüler und Gelehrten Michael Neander, aber auch bei Luther selbst, sowie, über anderthalb Jahrhunderte später, in Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ (1772), in welchem Lessing den Prinzen von Guastalla in der zweiten Szene des ersten Aktes den Hofmaler Conti fragen lässt, was denn die Kunst mache. Conti darauf, kurz und knapp: „Prinz, die Kunst geht nach Brot.“

 

Ohne Mäzene, ohne Förderer stünden viele – durchaus auch durchaus mehr als bloß begabte – Künstler vor dem Fastnichts, und auch an Kunst Interessierte blickten häufig ins Leere, gäbe es da nicht Menschen wie Peggy Guggenheim, wie Reinhold Würth, wie Ernst Sachs (und dessen Familie, dessen Nachfahren). Dem Letztgenannten, 1867 in Konstanz-Petershausen geboren, knapp fünfundsechzig Jahre später in Schweinfurt verstorben, verdankt die unterfränkische Wälzlagermetropole, die schon mit dem schönen Schlagwort „Zukunft findet Stadt“ für sich einnimmt, das nach ihm benannte Hallenbad, welches nach Plänen des gebürtigen Würzburgers Roderich Fick in den frühen Dreißigerjahren erbaut wurde.

 

Seit Mai 2009 gehört das ehemalige Ernst-Sachs-Bad der Kunst. Auf um die 2000 Quadratmetern werden unter dem Dach der Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt in der großzügig geschnittenen Kunsthalle neben wechselnden Ausstellungen zwei Präsentationen auf Dauer gezeigt. Zum einen ist da die Sammlung der Stadt Schweinfurt, die sich der deutschen Kunst nach 1945 annimmt, zum anderen die Sammlung Joseph Hierling (der Münchner Sammler hat sie dem Haus von allem Anfang an als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt), die sich Expressiven Realismus widmet.

 

An Hierlings Exponate – sie sind im Untergeschoss untergebracht – knüpfen gleich eingangs im linken Flügel des Erdgeschosses die „Wegmarken“ an, deren überwiegend chronologische Hängung sowie der Katalog, der dreiunddreißig Jahre Sammlungstätigkeit und eine halbe Dekade Kunsthalle widerspiegelt und zu dessen Erwerb ganz unbedingt geraten sei, sich zu großen Teilen Andrea Brandl (und Museumsleiter Erich Schneider) verdankt. Anhand ausgewählter Arbeiten lassen sich die bedeutendsten Entwicklungslinien deutscher Kunst von den Fünfziger bis in die Siebziger hinein verfolgen. Abstraktes also ist vertreten ebenso wie Figuratives, sodann das Informel und der Neo-Expressionismus. Ein Schwerpunkt liegt auf Künstlern, die mit dem Freistaat oder mit Franken verbunden sind, indem sie etwa ihre Ausbildung an der Nürnberger Akademie genossen beziehungsweise im Fränkischen leb(t)en, in und um Schweinfurt oder in beziehungsweise bei Würzburg.

 

Zudem gestatten die „Wegmarken“ dem betrachtenden Besucher Ausflüge bis in die Jetztzeit (Rupprecht Geiger, Sati Zech, Christopher Lempfuhl, um nur einige zu nennen) sowie gelegentlich in die Jahre vor 1950, etwa über „Das Federspiel“, entstanden um 1920, zur Hochzeit der (literarischen) Moderne. Geschaffen hat diese leicht erotisch anmutende Darstellung einer Dame mit leuchtendem Haar Fritz Burkhardt, der 1900 im unterfränkischen Arnstein geboren und im April 1983 in der bayerischen Kapitale verstorben ist. Burkhardts Ölgemälde lässt an Otto Dix und an George Grosz denken. Dass die Feder, mit welcher die Portraitierte in ihrer Linken spielt, sich wie deren Haar in Braunkastanienrot kleidet, ist ein feiner Zug.

 

Vertreten sind naturgemäß auch Skulpturen, etwa der beeindruckend gewichtige Bronzeguss „Spanischer Kampfstier“ (um 1955) des Unterfranken Julius Bausenwein oder die in ihrer Ausdruckskraft nicht minder einnehmende hölzerne „Doline“ von 1998, die die in Stuttgart lebende Ingrid Hartlieb geschaffen hat. Weiters findet sich beispielsweise Fritz Koenigs „Paar“ (aus Eisen) von 1958, das sich ohne die Arbeiten Henry Moores kaum denken lässt. Koenig, 1924 in Würzburg geboren, zog es schon früh nach Niederbayern, wo er heute noch – auf einem Gestüt bei Landshut – arbeitet und lebt. Ausgebildet an der Münchner Akademie bei Anton Hiller, lehrte er von 1964 an plastisches Gestalten an der Technischen Universität der bayerischen Landeshauptstadt. 1959 nahm Koenig an der zweiten, fünf Jahre später an der dritten documenta teil. Das dem Bildhauer von internationalem Renommee liebste Material hört seit den späten Siebzigern auf den Namen Eisen. Für Schlagzeilen sorgte Koenig vor allem mit seiner von 1967 bis 1971 in Ganslberg für das World Trade Center geschaffenen Bronzeskulptur „The Sphere“, die bei den Anschlägen am 11. September 2001 arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, seit März des Folgejahres aber als Denkmal im Battery Park an die Opfer gemahnt.

 

Wie Fritz Koenig war Karl Hartung auf der zweiten und dritten documenta vertreten, nahm aber schon an der Kasseler Premiere 1954 teil. Dem bedeutenden, 1908 in Hamburg geborenen, 1967 in Berlin verstorbenen Bildhauer gilt die Ausstellung „Aufbruch – Aufbrüche“, die noch bis zum 14. April im Tiefparterre zu sehen ist. Mehr dazu in unserer gedruckten Februar-März-Ausgabe. Hier nur so viel, dass zu Hartungs prominenten Schülern auch Günter Grass zählt. In dem in der Hamburger Wochenzeitung „DIE ZEIT“ veröffentlichten, „Genau hingucken“ betitelten Nachruf auf seinen Lehrer bekennt Grass, durchaus anerkennend, Hartung habe ihm den „Spaß an vorschnellen Ergebnissen“ genommen: „Unsere Originalität durften wir einmotten, für später. Indem wir seine Zeitrechnung übernahmen – für die Herstellung eines Wirbelknochens wird ein Jahr Arbeitszeit benötigt – wurden wir Epigonen seiner Langatmigkeit.“ Hartung habe „mit einer unnachgiebigen Strenge, die alles Anekdotische, jede erzählende Geste ausschloß und floskelhaftes Beiwerk vermied“, langsam und „gegen die leichte Hand“ gearbeitet.

 

Noch bis zum 1. März in Augenschein genommen werden kann „Natur und Bild“, eine von Kunsthalle und Kunstverein gemeinsam präsentierte Ausstellung mit aktuellen Gemälden und Grafiken Heinz Altschäffels. Der gebürtige Schweinfurter, dem man am heutigen Montag, den 12. Januar, zu seinem Einundachtzigsten gratulieren darf – was wir gern tun wollen – ist seiner unterfränkischen Heimat immer verhaftet geblieben. „Provinz ist nur in einem selbst und nicht der Ort, in dem man lebt“, bekennt der unermüdlich Schaffende, der noch immer im besten Sinne gierig ist auf Neues.

 

Auch diese Ausstellung hat Andrea Brandl kuratiert, und mit ihr und mit dem Künstler selbst wird am 29. Januar sowie am 26. Februar – jeweils von 18 Uhr an – eine Führung angeboten. Seit 2012, so die Kuratorin über Altschäffel, habe dieser „in seinen informellen Farbräumen weichere Töne angeschlagen, die er zu ungewöhnlich intensiver Leuchtkraft und exquisiten haptischen Qualitäten“ steigere. Bildnis und Natureindruck bildeten seit Anbeginn seines künstlerischen Schaffens die vorherrschenden Themen. Längst seien dabei „Menschenbild und Landschaft eins“ geworden. Altschäffels Figuren muteten wie „Gäste einer Zwischenwelt an, seine Landschaften erweisen sich als visionäre Lichträume – trotz aller Assoziationsmöglichkeiten – und sind kein Abbild dieser Welt“, so Brandl weiter. Auch der Titel der Ausstellung spiele auf diesen wechselseitigen Dialog an. Natur sei eben viel mehr, als die „uns umgebende Landschaft oder die sichtbare Welt, die der Mensch gestaltet hat“.

 

„Pathos und Verwandlung“, noch bis zum 29. Februar in der Kunsthalle zu sehen, ehe die Retrospektive von Mitte März bis Ende April in der Städtischen Galerie Rosenheim gezeigt werden wird, versammelt Gemälde von Helmut Pfeuffer aus einem halben Jahrhundert. Zu den Exponaten zählen frühe Landschaften und figürliche Frauenbilder und –akte ebenso wie Arbeiten, die sich des Körpers und seiner Krankheiten, auch der Hysterie, annehmen. Des Weiteren werden in der großen Halle im Erdgeschoss Landschaftsbilder präsentiert, etwa die „Heroische Landschaft“ (2006; Öl/Dispersion auf Leinwand) und, aus dem Folgejahr, „Lied von der Erde III“, die beide, wie der Titel der Arbeit von 2007 zu erkennen gibt, zu Pfeuffers Mahler-Zyklus gehören. Über Gustav Mahler und die bildende Kunst ließe sich so manches sagen. Seine Frau, Alma, war die Tochter des Wiener Landschaftsmalers Emil Jakob Schindler, und ihr Stiefvater Carl Moll förderte Oskar Kokoschka, etwa indem er diesen beauftragte, Alma zu portraitieren. Elf Monate nach Mahlers Tod begannen die beiden, Oskar und Alma, eine Affäre, die die junge Witwe überwiegend als dreijährigen Kampf und Krampf erachtete. Hier sei nur noch vermerkt, um die Brücke zurück zu Franken zu schlagen, dass in Gustav Mahlers Hamburger Arbeitszimmer Dürers Stich „Melencolia“ hing.

 

Auch Helmut Pfeuffer, Jahrgang 1933, ist in Schweinfurt geboren. Er studierte an den Akademien in Nürnberg und Stuttgart und ist seit 1960 als freischaffender Maler in Süddeutschland tätig. „Die Geschichte der Kunst“, äußerte sich Pfeuffer 1982, sei, „seit etwa der Renaissance“, die „Geschichte der Spaltung des Menschen von der Natur. Sie ist auch die Geschichte der Ausbeutung des Menschen und der Natur.“ An diesem Donnerstag, den 15. Januar, führt Kurator und Museumsleiter Erich Schneider von 18 Uhr an durch die Sonderausstellung. Und am Sonntag, den 25. Januar, heißt es von 15 Uhr bis 16.30 Uhr an „Abstrakt ist schön“. So nennt sich eine Führung mit inhaltsbezogenem Tanz in der Dauerpräsentation „Wegmarken“ und in der Sonderausstellung „Helmut Pfeuffer“, zu welcher die Museumspädagogin Friederike Kotouc und Heike Meidel-Masuch, Tanzpädagogin, bitten.

 

Über Pfeuffers Mahler-Zyklus, der seit 1987 entsteht, lässt sich, wie die soeben angeführte Tanz-Führung andeutet, eine Volte schlagen zu den „Wegmarken“, denn selbstverständlich thematisieren einige der Sammlungsstücke die Musik. Etwa „Winterreise II zu Franz Schubert“. Der lange in Würzburg tätige, seit 1977 in Veitshöchheim lebende Helmut Booz hat das Ölgemälde 2008 geschaffen. Inspiration holt Booz sich häufig in der Oper, in der Musik, der Mozarts beispielsweise oder eben, wie hier, Schuberts. Wer nicht nur sehen will und hören und tanzen, dem sei abschließend noch die Lektüre von Gerhard Roths Roman „Winterreise“, 1978 bei S. Fischer herausgekommen, empfohlen. (Wir meinen den österreichischen Autor, nicht den deutschen Hirnforscher gleichen Namens; beide sind sie übrigens im Sommer 1942 geboren.) Vor allem aber breche man nun auf und besuche, dazu ist nur zu raten, die Kunsthalle Schweinfurt.

 

Zur weiteren Information:

 

Kunsthalle Schweinfurt
im ehemaligen Ernst-Sachs-Bad
Rüfferstraße 4
97421 Schweinfurt
Fon: +49 (0)9721-51 4734, Fax: +49 (0)9721-51 4749
E-Mail: info@kunsthalle-schweinfurt.de

 

Öffnungszeiten:

Täglich: 10.00 – 17.00 Uhr
Donnerstag 10.00 – 21.00 Uhr
Montags geschlossen.
Jeder 1. Donnerstag im Monat freier Eintritt.

 

Eintrittspreise:

Eintritt    5,- €
Ermäßigter Eintritt  3,50 €
Kleingruppenkarte 1          4,- €
(1 Erwachsener und bis zu 3 Kinder unter 18 Jahren)
Kleingruppenkarte 2          8,- €
(2 Erwachsene und bis zu 3 Kinder unter 18 Jahren)
Öffentliche Sonntagsführung zuzüglich Eintritt            1,50 €
Audio-Guide         2,- €

 

Fotos © 2mcon, Bamberg

 

Jürgen Gräßer
12.01.2015

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