Blick nach vorn und Blick zurück

Karen Müllers Retrospektive im Porzellanikon

 Zu den ganz wenigen deutschen Keramikkünstlern von internationalem Ruf gehört Karen Müller. Seit bald vier Jahrzehnten hat sie sich nahezu ausschließlich dem Werkstoff Porzellan verschrieben, den sie mit den Händen (und mit Hölzern) in eine plastische Form bringt. Das Porzellanikon in Hohenberg zeigt bis zum 28. Juni in einer umfassenden Retrospektive rund hundert ihrer Arbeiten, darunter Schalen ebenso wie oft mannshohe Plastiken.

Müller sagt von ihrem Tun: „Porzellan habe ich immer als die Primadonna aller Werkstoffe verstanden und manchmal auch verwünscht. Denn Porzellan, ein Primärgestein, das über Jahrmillionen in den Erdschichten komprimiert wurde, lässt sich nicht beliebig behandeln oder gar beherrschen. Es will erfühlt und erfahren werden und widersetzt sich jedem oberflächlichen Zugriff. In diesen vom Material vorgegebenen Ketten zu tanzen, die Härte des Steins zu mildern, seine Schwere zu lösen, ihn zu beleben für Auge und Ohr durch Form und Klang, dies ist mein Anspruch und Anliegen: ein steter Austausch, ein Annäherungsversuch auf Messers Schneide, der diese Arbeit für mich bis heute so reich und so riskant, so schwer und schön zugleich gemacht hat.“

Die Faszination der Schale sieht Müller in der zeitlosen archaischen Form. Sie verzichtet bewusst auf zusätzliche Glasuren. Obgleich sie aus dem scheinbar schweren Material Porzellan gefertigt sind, wirken die Objekte ungemein leicht. Müller begreift die dynamisch-lebensfrohen Skulpturen als Ausdruck ihres Humors. Sie sind so begehrt, dass viele bereits in Müllers Elmauer Werkstatt einen Käufer finden und so von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden (können).

Jürgen Gräßer
03.02.2015

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