Von der Werkschau zum Kulturthema

Anmerkungen zur Kunst im öffentlichen Raum in Bamberg und andernorts (III)

Von der Werkschau  zum Kulturthema

 Toleranz ist von Gleichgültigkeit nicht immer gut zu unterscheiden, in der Politik wie in der Kunst. Was waren das noch für Zeiten, als ein missvergnügtes Publikum ein neutönerisches Werk gnadenlos ausbuhte oder sich der Volkszorn an einem öffentlich aufgestellten Standbild entlud! Heute applaudieren wir brav auch den befremdlichsten musikalischen Stacheldrahtverhauen und gehen unterschiedslos freundlich an dem vorüber, was uns die zeitgenössische Kunst für den öffentlichen Raum anbietet. Wer will schon mangelnden Kunstverstandes geziehen werden? Da ging es jüngst in Paris ganz anders zu. Als Paul McCarthy im vergangenen Oktober auf der mondänen Place Vendôme ein unförmiges Plastikteil mit dem Tarnnamen „Tree“ aufstellen ließ, das wegen seiner eindeutigen Form im Volksmund schnell als „Analstöpsel“ bezeichnet wurde, waren rechte wie linke Pariser aus recht unterschiedlichen Gründen dermaßen aufgebracht, dass es schnell um das in den Rang eines Kunstwerks erhobene grüne Monstrum geschehen war. Die Bürger zerlegten das Artefakt nächtens in seine Bestandteile und „begrünten“ dergestalt den berühmten Platz. Ob die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk aber an solcherlei Aktivitäten dachte, als sie neulich bezüglich des Umgangs mit der Kunst im öffentlichen Raum wünschte, „dass die Bürger aktiv werden und sich selbst Dinge aneignen“, darf bezweifelt werden.

In Bamberg liegt der letzte Aufruhr bereits 40 Jahre zurück, als es große Aufregung um den aus heutiger Sicht eigentlich sehr zeitgemäßen und künstlerisch beachtlichen Röhrenbrunnen gab. Über das peinliche Bad der Botera in der Regnitz 30 Jahre später regte man sich kaum mehr auf, weil das Eventgehabe vor kapp 10 Jahren bereits en vogue war. Ob Bernd Goldmanns 2006 geäußerter Traum, Claes Oldenburg und seine Popkunst in Bamberg zu präsentieren, also zum Beispiel eine überdimensionale Wäscheklammer auf dem Domberg oder ein riesiges Tortenstück auf dem Schönleinsplatz, wohl heute noch das Zeug zum Aufreger hätte? Freilich wäre es ungerecht, die gewachsene Toleranz im Umgang mit moderner Kunst verallgemeindernd in die Rubrik Gleichgültigkeit einzusortieren oder es bloßer Gewöhnung zuzuschreiben. Dass Lernprozesse auch in breiteren Bevölkerungskreisen stattgefunden haben, wird man füglich behaupten dürfen. Die Skulpturenausstellungen des Internationalen Künstlerhauses haben dazu den entscheidenden Beitrag geleistet, denn sie überforderten die kleinstädtische Bevölkerung schon deshalb nicht, weil sie auf die Abwechslung von abstrakter Kunst (Avramidis und Wortelkamp), gegenständlicher Kunst (Botero, Mitoraj, Lüpertz) und dem spielerisch-konkreten Element (Luginbühl) vertrauten und damit den Facettenreichtum zeitgenössischer Kunst augenfällig demonstrierten. Natürlich bleibt die einmütige Zustimmung zu einem Kunstwerk - und vor allem zu seiner Aufstellung! - eine eher seltene Ausnahme. Eine solche ist sicher die Positionierung der hoch aufstrebenden Avramidis-Figur auf dem Bamberger Pfahlplätzchen, wo die Statue gleich ihrer engen Umgebung zum Himmel strebt. Die Altstadt verträgt es, ja gewinnt noch dabei, wenn Neues mit Gespür verortet wird.

Womit wir abermals bei der Platzfrage wären. Auf Dauer wird man in den gefragten Arealen nicht weiterhin mal hier, mal dort etwas Neues aufstellen können, ohne die Frage der Verweildauer zu klären. Bei Projektausstellungen, seien sie auf ein Künstlerprofil, auf ein Thema oder ein bestimmtes Material bezogen, ist dies nie ein Problem, weil sie von vorneherein temporär sind. Auch die höchst überzeugende Werkschau Roland Wagenhäusers an der Mußstraße gehört in diese Kategorie, denn sie wird dort ebenso wenig einen ewigen Standort finden wie auf der Böhmerwiese. Nähern wir uns ihr von der anderen Seite, also vom Markusplatz her. Dort steht Wagenhäusers monumentale Eisenskulptur (als Ergebnis eines gewonnenen Wettbewerbs, notabene!) an prominenter Stelle, aber sie hätte noch mehr Umgriff bzw. Abstand vertragen.

Spaziert man in Richtung Weide, so stolpert man an einem Sammelsurium von Kunst und Krempel vorbei. Zunächst gilt es, das Ehrenmal der Freiwilligen Feuerwehr Bamberg zu umschiffen, das mit künstlerischem Anspruch „zum Gedenken an unsere gefallenen, vermissten und verstorbenen Kameraden“ dort errichtet wurde. Einige Papierkörbe, Streu- und Schaltkästen, Parkscheinautomaten und Infostände weiter harrt das etwas überdimensionierte „Zelt der Begegnung“ aus, an dessen die Religionen verbindender Triftigkeit aber schon aus aktuellem Anlass kaum gezweifelt werden darf. Rechts erheischt ein Marienschrein en miniature die Aufmerksamkeit der Passanten, „errichtet von opferwilligen Verehrern der heiligen Jungfrau Maria im Jahre 1860“. Vorbei am Stadtbusunterstand und an beschmierten Umspann- und Trafoeinrichtungen geht es zum Spielplatz, über dessen Möblierung wir nicht meckern wollen. Zwischendrin eine Überraschung: An dem aquatischen Jüngling, der hoch auf seiner Säule stehend das Fischergewerbe und, mit dem Gemüse in der Hand, wohl auch das Gärtnergewerbe symbolisieren soll, kann man seine Freude haben; man möchte ihm seinen Standort gerne auf ewig zusichern!

Am Schiffbauplatz erwartet uns die nächste Maria, diesmal als goldbesäumtes Halbrelief auf hoher Säule. Sie wird eskortiert von Luginbühls Recycling-Skulptur, Wortelkamps Stimmgabel-Plastik und dem darob verschobenen Dreiklang vor der Konzerthalle. Das ist ziemlich viel auf dieser kurzen Meile, und man kann den Stadtheimatpfleger Ekkehard Arnetzl schon verstehen, wenn er sich mit seinen Mitanwohnern durch ein alljährliches Stelldichein im Juli einen stillen Protest gegen diese Überfrachtung des öffentlichen Raumes - er nennt es „soziale Verfügungsfläche“ - ausgedacht hat.

Am Ende dieses teils fragwürdigen Parcours’, gleich hinter der Konzerthalle, wartet Bernd Wagenhäusers Metallparadies auf halböffentlichem Raum, eine Privatinitiative, die zugleich eine späte Genugtuung für das Dramolett um die Siechenkreuzung darstellt. Zur Erinnerung: dort hatte der Künstler den ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen, doch vor der Realisierung knickte die Politik seinerzeit ein. Was auf der Wiese vor dem Welcome Kongresshotel wie die Privilegierung eines einzelnen Künstlers anmutet, beruht in Wirklichkeit auf dessen Beharrungsvermögen und ist hart erarbeitet. Wagenhäusers Werkschau ist ein höchst überzeugendes Stück Kunst im öffentlichen Raum und zeigt einen Metallbildhauer, der mit handwerklicher Verve um seine Objekte ringt. Zugleich stellt sie, als Künstlerprofil, eine von mehreren Möglichkeiten dar, temporäre Ausstellungen konzeptuell sinnvoll zu realisieren.

Eine andere wollen wir hier skizzieren, weil es für sie in Bamberg vor einigen Jahren geradezu eine „Steilvorlage“ gab. Um die Jahrtausendwende stand die Stadt an zwei aufeinander folgenden Jahren für jeweils ca. 10 Tage unter einem verbindlichen Kulturthema. 1999 war es der „Totentanz“, 2000 die „Apokalypse“, und beide Projekte fanden überregionale Resonanz. Von den Bamberger Symphonikern über das Stadttheater, die Staatsbibliothek, die Museen bis hin zur Volkshochschule und anderen Einrichtungen wurden entsprechende Beiträge geliefert. Eine Themenliste für weitere Projekte dieser Art lag damals vor, doch eine Fortsetzung unterblieb wegen Desinteresses der oder des politisch Kulturverantwortlichen. Es hätte schon damals nahe gelegen, zu den realisierten Kulturthemen auch Künstlerwettbewerbe mit dem Fokus auf lokalen oder regionalen Kulturschaffenden auszuschreiben (wenn rechtlich möglich). Angesichts neuer kulturpolitischer Konstellationen gibt es Hoffnung, dass diese Idee wieder aufgegriffen wird und sich damit auch eine Form thematisch sinnvoll eingebundener temporärer Ausstellungen in Bamberg – und warum auch nicht andernorts? – durchsetzt.

In München lobt das Kulturreferat regelmäßig Wettbewerbe zu bestimmten Themen aus, ohne dass diese zu übergreifenden Kulturthemen für die ganze Stadt erklärt werden. Eine Kommission entscheidet über die Auswahl der Kunstwerke. Auch die künstlerische Aneignung mancher trister Utensilien städtischer Infrastruktur dient mittlerweile als ein Weg zur Kunst im öffentlichen Raum bzw. am Bau. Unter dem Motto „Kunst, bitte benutzen“ gibt es dafür in der Stadt Münster bereits ein originelles Vorbild, das die Möglichkeiten künstlerisch-kreativen Umgangs mit dem Grau urbaner Möblierung in erfrischender Weise aufzeigt: das Projekt „The Moon in Alabama“ mit den leuchtenden Objekten Tobias Rehbergers. Man stelle sich nur vor, was aus dem oben beschriebenen Objekt-Sammelsurium in Bamberg, dem deprimierenden Umgriff fränkischer Bahnhöfe oder der Monotonie mancher Fußgängerzonen werden könnte, ließe man sich von dieser Idee inspirieren! Die ultimative Möglichkeit der künstlerischen Aneignung des öffentliche Raumes wird aber nur jenen wenigen Städten vorbehalten bleiben, die es eines Tages glücklich zur „Kulturhauptstadt Europas“ geschafft haben, da sich dann Toleranzspielräume für zeitgenössische Kunst auftun, wie sie es nur selten gibt. Die wagemutige hölzerne Straßenüberspannung, die Arne Quinze für Mons, Europas Kulturhauptstadt 2015, erfunden hat, ist wohl nur in einer solchen Konstellation denkbar. Und auch sie ist temporär…

Die Skulptur "Centurione I" von Igor Mitoraj an der Unteren Brücke, Foto (c) Werner Knorr

Martin Köhl
03.02.2015

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