Es grünt so grün

Neben den Operetten florieren auch die Musicals an fränkischen Theatern

Es grünt so grün

 „Singin’ in the rain“, das Musical über den epochalen Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm, hat in Nürnberg (Staatstheater) das neue Musicaljahr eingeläutet und einen überwältigenden Erfolg errungen. Ähnlich euphorisch berichteten die Medien über die am Landestheater in Coburg laufenden Musicals. Zu „Hair“ und „My fair Lady“ hat sich seit dem 14. März das Krimi-Musical „Thrill me“ hinzugesellt.

 

Musicals sind aber auch an den anderen fränkischen Opernhäusern en vogue, und selbst Einspartenhäuser wagen sich an diese Gattung. So hat sich das Stadttheater Bamberg kürzlich von den Monty Pythons zum Musical „Spamalot“ inspirieren lassen, das auf dem Kultfilm „Die Ritter der Kokosnuss“ beruht und mit britisch-schwarzem Humor die Gralssuche der Artusritter persifliert. Und natürlich sollte man dabei nicht vergessen, sich „on the bright side of life“ zu orientieren…

 

Am Hofer Theater erlebte im Herbst das Musical „Der große Houdini“ von Paul Graham Brown seine Uraufführung, ab 23. April kommt der Klassiker „Anatevka“ hinzu.

 

Gespannt sein darf man auf die Wiederaufnahme einer Produktion des Fürther Stadttheaters: das Musical „fast normal – next to normal“ wurde anlässlich seiner deutschsprachigen Erstaufführung geradezu frenetisch von Publikum und Presse gefeiert. Das 2010 mit dem Pulitzerpreis gekrönte Broadway-Musical zeigt in seiner eher untypischen Handlung das Leben einer vermeintlich „normalen“ Familie und beschreibt dabei den Kampf einer Frau mit einer bipolaren Störung und die Auswirkungen, die diese Krankheit auf ihre Angehörigen hat. Die ganze Familie scheint unter Hochdruck zu stehen. Sensibel und realitätsnah loten das Musical die Höhen und Tiefen aus, durch welche die Mutter, ihr Mann und ihre Kinder gehen. Vom 30. April bis zum 31. Mai wird es insgesamt acht Termine geben, doch wird sich sputen müssen, wer dieses Ereignis nicht verpassen will.

 

Wie man es am Würzburger Dreispartentheater mit der Operette und dem Musical hält, wollten wir direkt von der künstlerischen Leitung wissen und sprachen deshalb mit Intendant Hermann Schneider.

 

  • Herr Schneider, wie steht das Theater Würzburg zu den Gattungen Operette und Musical? Sind sie neben dem „seriösen“ Opernrepertoire, dem sich größere Dreispartenhäuser ja vor allem widmen, eine Konzession an den breiteren Publikumsgeschmack, oder ist die Pflege dieser beiden Kunstformen des Musiktheaters Ihrem Haus ein wichtiges künstlerisches Anliegen?


    HS: Zunächst besteht für mich kein zwangsläufiger Widerspruch zwischen der Konzession an einen Publikumsgeschmack und einem wichtigen künstlerischen Anliegen. Entscheidend ist einzig die Qualität. Und die musikalische Komödie ist hier ein ebenso schweres, wie lohnendes Terrain.
     

  • Beschränken Sie sich bei der Operette auf „Klassiker“ wie die ‚Fledermaus‘, den ‚Bettelstudent‘ o. ä., oder haben Sie auch schon verloren geglaubte Schätze aus dem riesigen Repertoire gehoben?

    HS: Nein, wir beschränken uns auf die Klassiker, weil wir im Musiktheater andere programmatische Ziele verfolgen: unbekannte Opern der deutschen Romantik wie etwa Schubert, Marschner oder Pfitzner und das Zeitgenössische mit Uraufführungen.
     

  • Was sind diesbezüglich Ihre Pläne für die nächsten Spielzeiten?

    HS: Wir alternieren seit einigen Jahren zwischen der Operette und dem Musical: Das hat inhaltliche wie dispositionelle Gründe. In der kommenden Spielzeit steht daher nach dem „Zigeunerbaron“ in dieser Saison das Musical „Jekyll und Hyde“ auf dem Spielplan.
     

  • Nun zum Musical. Auch in dieser Sparte gibt es ja „Klassiker“ wie ‚My fair Lady‘, ‚Hair‘ oder Ähnliches. Hatten Sie da in der Vergangenheit auch Mut zu Neuem bzw. planen Sie für die Zukunft, Neues aus der Taufe zu heben?

    HS: Wir produzieren in der Regel Gegenwärtiges wie Lloyd-Webbers „Sunset Boulevard“ zum Beispiel („Kiss me,Kate!“ vor neun Jahren ist die berühmte Ausnahme). Aber wir haben auch Eigenproduktionen gemacht: So haben wir Frank Felicettis Fantasy-Musical „Goscior“ uraufgeführt, und wir erarbeiten regelmäßig eine Revue, sei es in den Kammerspielen mit „Garderobe Nr. 1“ oder eben im Großen Haus, wie in dieser Spielzeit das „Café ReWue“, das sich mit Würzburg befasst, in musikalischem Gewande mit Schlagern und Songs aus dem ganzen 20. Jahrhundert.
     

  • Wie steht es um die Interpretation - will heißen: Inszenierung - älterer Operetten oder Musicals, deren Zeitbezug sich heute nicht mehr so selbstverständlich mitteilt, aktualisieren Sie da im Sinne des so genannten Regietheaters?

    HS: Das ist ganz unterschiedlich: Entscheidendes Stilmittel in der Operette ist die ironische Brechung, wenn sich das Genre oder der Darsteller selbst „auf die Schippe nimmt“, Anspielungen auf Gegenwart und Alltag kann der Gefängnisdiener Frosch auch in einer an sich traditionellen „Fledermaus“ machen. Aber wir haben auch schon kräftig aktualisiert, wie vor einigen Spielzeiten mit der „lustigen Witwe“, die Scheinwelt der Finanzkrise und den faden Glamour im Show- und Politbusiness.
     

    Copyright Fotos:

     

    Sophie Berner (Lina Lamond), Gaines Hall (Don Lockwood), Filipina Henoch (Kathy Selden), Robin Poell (Cosmo Brown), Ensemble und Chor, Staatstheater Nürnberg (Musiktheater): “Singin’ in the Rain” (Premire: 14.02.15), Foto © Jutta Missbach

     

     

    Wiederaufnahme “next to normal”, Foto © Thomas Langer

 

Martin Köhl
24.03.2015

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