Urbanes Bauen in Franken

Ein Rückblick auf 70 Jahe Architektur in fränkischen Städten (1)

Urbanes Bauen in Franken

 Art5drei beginnt mit dieser Ausgabe eine Artikelserie über die architektonische Entwicklung fränkischer Städte seit dem II. Weltkrieg. Neben einer bilanzierenden Rückschau, die auf die Bewertung der baulichen, ästhetischen und stadträumlichen Qualitäten der Architektur dieses Zeitraumes zielt, sollen auch Fragen nach den Optionen für die Zukunft gestellt werden. Zu Wort kommen werden Fachleute wie Architekten, Baureferenten, Hochschullehrer und Städteplaner, aber auch Politiker. Die ersten beiden Folgen gelten Bamberg, anschließend geht es in andere fränkische Städte. Die Einschätzungen der Befragten werden vorzugsweise in Interviewform veröffentlicht. Den Anfang macht Carsten Jonas, der in den achtziger und neunziger Jahren Baureferent der Stadt Bamberg gewesen ist, später Professor an der Universität Erfurt.

 

Herr Jonas, nach knapp 10-jähriger Tätigkeit als Leiter des Planungsamtes übernahmen Sie 1986 die Funktion eines Baureferenten bei der Stadt Bamberg. Wie beurteilen Sie die bauliche und ästhetische Qualität dessen, was vor Ihrer Tätigkeit in Bamberg neu gebaut worden ist, also quasi die Architektur der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre?

 

Carsten Jonas: Architektur aus der Zeit der fünfziger Jahre ist in Bamberg mit einigen guten bis sehr guten Beispielen vertretenen. Zu den sehr guten Beispielen der fünfziger und frühen sechziger Jahre gehören vor allem Bauten von Hans Rothenberger, des       langjährigen Leiters des Bamberger Hochbauamtes. Insbesondere seine Schulen wie die Pestalozzischule, die Hugo-von-Trimberg-Schule, die Hainschule und das Eichendorf-Gymnasium, aber auch die Turnhalle der Kunigundenschule und das Hallenbad sind zu erwähnen.

 

Und wie schätzen Sie für die Zeit vor Ihrem Amtsantritt den Umgang mit dem Altbestand ein, also mit jenem baulichen Patrimonium, das später in den Rang des Welterbes erhoben wurde?

 

Carsten Jonas: Sicherlich kann man froh sein, dass der Altbestand zum weitaus größten Teil erhalten blieb. Allerdings: neben der oftmals gehörten Behauptung, der Erhalt des Altbestandes sei das Verdienst "der Bamberger", will ich den ehemaligen hessischen Generalkonservator - Prof. G. Kiesow - zitieren, der einmal sagte „Armut ist die beste Denkmalpflege“. Mit anderen Worten: Bamberg sollte heilfroh     sein, dass der anderenorts verheerende Investitionsdruck der 1960er und 1970er Jahre an dieser Stadt vorbei gegangen ist; dann nämlich wäre auch hier "kein Halten" mehr gewesen. 

 

Heute weiß man mehr, hätte man damals manches anders machen müssen?

 

Carsten Jonas:  Ich bin kein Besserwisser!

 

Nun zur Bilanz Ihrer Dienstzeit: Was halten Sie für rundum gelungen, was für zumindest geglückt, und was bereuen Sie im Nachhinein?

 

Carsten Jonas: Planerisch rundherum gelungen ist das verdichtete und damit flächensparende Wohngebiet am Cherbonhof; zufrieden war ich auch, als es gegen die Parkplatz- und Autofahrer-Lobby gelang, die mittlere Promenade als Zentralen Omnibus-Bahnhof und den Innerstädtischen Ring durchzusetzen; schließlich war ich froh darüber, dass der vom Stadtrat bereits beschlossene Abriss des Alten E-Werks und der ehem. Chirurgie - nicht ganz ohne Tricks - doch noch verhindert werden konnte; nicht zuletzt freue ich mich bis heute über den Standort der Konzerthalle (siehe unten). Zumindest geglückt ist - trotz einiger architektonischer Mängel - die Sanierung der Oberen Mühlen. Ich bereue vor allem die "Theatergassen", für deren Durchsetzung - u. a. zulasten einer früheren Synagoge !!! - es allerdings einen erheblichen verwaltungsinternen Druck gab. Trotzdem aber hätte man (hätte ich) schon damals wissen müssen, das derartige Passagen nur funktionieren, wenn sowohl am Eingang als auch am Ausgang attraktive Einrichtungen bereits vorhanden sind; der Schillerplatz aber - d. h. der "Ausgang" der Theatergassen - bietet Derartiges nicht (und vielleicht könnte man ja diese Erfahrung beim geplanten "Quartier an der Stadtmauer" nutzen ...).

 

Die „SZ“ kürte kürzlich, im Zusammenhang mit der Diskussion um die Münchner Konzertsaalmalaise, die Bamberger „Sinfonie an der Regnitz“ zu Bayerns gelungenstem Ort für die Pflege der klassischen Musik. Können Sie sich da jeglichen Stolz verkneifen?

 

Carsten Jonas: Nein, jeglichen Stolz kann ich mir da überhaupt nicht verkneifen, obwohl: der Erfolg             hat bekanntlich viele Väter. Mir zugute halten möchte ich allerdings, dass es mir gelang, Paul Röhner den jetzigen Standort auf dem vormaligen Gelände der Kaliko mit unverbaubarem Blick auf St. Michael schmackhaft zu machen; dem damaligen Wettbewerb nämlich hatte ein ganz anderes - und gänzlich ungeeignetes - Grundstück zugrunde gelegen.

 

Ist das unter Architekten unumstrittene Gebot, nur mit den aktuellen Stilmitteln, Formen und Materialien neu zu bauen, für Sie sakrosankt? Gibt zumindest dort, wo noch Ruinen vom Dagewesenen zeugen, auch die Option einer Rekonstruktion, z.B. im Mühlenviertel?

 

Carsten Jonas: Nein, diese Option gibt es m. E. nicht, wobei ich mich u. a. auf Georg Dehio - einen der Mitbegründer der Denkmalpflege in Deutschland - stützen kann, der 1905 anlässlich einer „Kaiserrede“ feststellte: „Der Historismus des 19. Jahrhunderts hat ... außer seiner echten Tochter, der Denkmalpflege, auch ein illegitimes Kind gezeugt, das Restaurationswesen. ... Der Unterschied ist durchschlagend. Auf der einen Seite die vielleicht verkürzte, verblasste Wirklichkeit ... auf der anderen die Fiktion.“

 

Auch wenn Sie bei der folgenden Frage vielleicht etwas zurückhaltend oder zumindest diplomatisch sein müssen: Lässt sich Ihnen ein bilanzierendes Urteil über die ca. 20 Jahre nach Ihrem Bamberger Wirken entlocken?

 

Carsten Jonas: Nein, das lässt sich mir nicht entlocken (und das meine ich nicht negativ)!

 

In Bamberg ist in den letzten Jahren ein Gebäude nach dem anderen, vor allem Kirchen, wegen gravierender Bauschäden geschlossen worden. Schauten die Statiker früher nicht so genau hin, schlagen jetzt sie aufgrund erheblich präziserer Diagnosemöglichkeiten früher Alarm oder leiden wir einfach nur unter kollektivem Sicherheitswahn?

 

Carsetn Jonas: Die Art und Weise, wie zu Zeiten des Barock mit dem gotischen Dachstuhl der Oberen Pfarre umgegangen worden war, würde man heute keinem Studierenden der Tragwerkslehre im ersten Semester durchgehen lassen; zu den anderen Beispielen allerdings (St. Michael usw.) fehlt es mir an ausreichenden Kenntnissen.

 

Sie haben sich auch mit Stadtentwicklung und Stadtplanung beschäftigt. Wie stehen Sie zu den Plänen und den Möglichkeiten im Konversionsgebiet? Und gleich anschließend die nächste Frage: Haben Sie für Bamberg eine Vision oder gar eine Utopie parat?

 

Carsten Jonas: Lassen Sie mich die vorletzte und letzte Frage bitte zusammen beantworten.            Was das Konversionsgebiet angeht, so bin ich froh über das Ergebnis des Wettbewerbs; auch für mich gehörte die Planung von Morpho-Logic zu den        herausragenden Arbeiten (eine Arbeit, die allerdings im Bereich des Berliner Rings   noch mit der Planung von Pesch und Partner abgestimmt werden müsste). Was darüber hinaus eine Vision für die Gesamtstadt angeht, so könnte sie lauten: „WELTKULTURERBE 2.o2“ oder: EIN SELBSTBEWUSSTES – ZWISCHEN „BOOM-TOWN“ UND „SHRINKING CITY“ GELEGENES - BAMBERG

Damit meine ich, dass sich Bamberg positionieren sollte zwischen einerseits den wachsenden Metropolen bzw. „boom-towns“, die sich zwar allgemeiner Wertschätzung erfreuen, jedoch auch durch Anonymität, überteuerte Wohn- und Lebenshaltungskosten, zunehmende Gentrifizierung und Segregation gekennzeichnet sind, und andererseits den schrumpfenden Städten bzw. „shrinking cities“, die sich ohne Hilfe von außen kaum halten können und zunehmend der Unterstützung verschiedenster Förderprogramme des Bundes und der Länder bedürfen.

Eine derartige Positionierung könnte auch deshalb gelingen, weil sich Bamberg keineswegs verstecken muss. Schließlich befindet sich diese Stadt in keiner regionalen Diaspora, sondern ist Zentrum eines Wirtschaftsraums mit ca. 2oo.ooo Einwohnern und Teil der Metropolregion Nürnberg, der das Europäische Raumentwicklungskonzept (EUREK) eine wichtige Brückenfunktion im Hinblick auf die neuen EU-Mitgliedsstaaten im Osten zuweist.

 

Planungsinhalte einer solchen Vision könnten sein:

 

1. Aus der Vergangenheit die weiterhin verfolgenswerten Charakteristika der Bamberger Altstadt und

 

2. aus der Gegenwart beispielgebende Antworten auf die derzeit bundesweit diskutierten Herausforderungen, als da sind:

 

- Anforderungen aus der notwendigen Energiewende, die sich daraus ergeben, dass die Städte zwar nur 2% der Erdoberfläche bedecken, jedoch zu jeweils 8o% zu Ressourcenverbrauch und klimaschädlichem Treibhausgas beitragen.

 

Daraus folgt, dass die Energieversorgung der Städte von fossilen auf erneuerbare Energien umzustellen ist, dass - neben einem gut ausgebauten öffentlichen Personen-Nahverkehr - mehr Verkehr zu Fuß oder mit dem Fahrrad abzuwickeln ist und, dass für eine erhöhte Energieeffizienz der Gebäude gesorgt werden muss; kurz: dass die qualitative Weiterentwicklung der Städte im Sinn des "smart-city-Konzepts" mit Nachhaltigkeit zu verbinden ist.

 

-  Anforderungen, die sich aus dem demographischen Wandel ergeben, d. h. dem Phänomen, dass einerseits die Gesamtzahl der Bewohner aufgrund  negativer natürlicher Bevölkerungsbilanz sinkt, andererseits aber der Anteil älterer Menschen gegenüber den Jüngeren aufgrund rückläufiger Geburtenraten und höherer Lebenserwartung steigt. Daraus folgt die Notwendigkeit einer kommunalen, aber auch privaten Infrastruktur, die einerseits Konzepte für unausgelastete Gemeinbedarfseinrichtungen - z. B. Schulen - enthält und andererseits dem steigenden Anteil älterer Menschen und ihrer Bedürfnisse - z. B. durch das Angebot generationenübergreifender Wohnformen - Rechnung trägt.

 

- Anforderungen, die sich aus den soziokulturellen Veränderungen ergeben, insbesondere aus wachsender Wohlstandspolarisierung, Statusabgrenzungen, prekären Beschäftigungsverhältnissen usw..       Daraus folgt die Notwendigkeit, allen Menschen im Rahmen gesellschaftlicher Inklusion die Möglichkeit zu erhalten bzw. zu gewähren, sich vollständig und gleichberechtigt an allen sozialen Prozessen zu beteiligen, und zwar unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten, ihrer ethnischen und sozialen Herkunft, ihrem Geschlecht oder Alter.

 

Zusammengenommen könnte daraus eine - in der Tradition der europäischen Stadt stehende - Vision entstehen, die auf sich aufmerksam macht durch:

 

1. eine uneitle und energieeffiziente Architektur;

 

2. einen stadträumlich unverwechselbaren Städtebau und

 

3. eine Stadtplanung, die gekennzeichnet ist durch

-   eine hinreichende und damit flächensparende Dichte;

-   eine verträgliche Mischung der Nutzungen;

-   einen nachhaltigen öffentlichen Personen-Nahverkehr;

-  eine vielfältige Eigentümerschaft und - damit einher gehend - eine breit gestreute Verantwortlichkeit.

 

Nicht zuletzt sollte diese Vision nicht durch externe Erwartungen übergeordneter Gebietskörperschaften und überregionaler Anleger geprägt sein, sondern - als Ausfluss kommunaler Planungshoheit - durch die Wertvorstellungen ortsansässiger kommunaler Akteure.

 

 

Copyright Fotos:

 

Pestalozzischule Bamberg, Foto © 2mcon, Bamberg

 

Trimbergschule Bamberg, Foto © 2mcon, Bamberg

 

Im Interview: Carsten Jonas, Foto © privat

Martin Köhl
02.04.2015

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