„15 Cent. Er bezahlte die Streichhölzer und ging.“

Die Fäden laufen in Jochen Distelmeyers „Otis“ nicht zusammen

„15 Cent. Er bezahlte die Streichhölzer und ging.“

Zuletzt bleibt nur ein Bild: Verzetteltes Stückwerk, das wie Haftnotizen an Blumfeld-Magneten den Kühlschrank ziert. Darin vereinzelt glänzende Passagen kluger Reflexion, Exkurse ins Hauptstadtleben, Wort-Spielchen, Notizen für Buchkapitel, überbordende Berichterstattung, lexikalische Endlosschleifen und vor allem der lahme, spürbar missglückte Versuch, Bezüge untereinander herzustellen. „Debütroman misslungen!“ dürfte kein allzu hartes Urteil für den Erstling sein. Wenige Passagen bestechen durch Qualität. Große Teile des Papierbergs steuern hilflos von Insel zu Insel, Odysseus oder Tristan, dem Protagonisten, gleich, der sich als verkappter Schriftsteller immer wieder an der Odyssee abarbeitet, ohne Erfolg. Distelmeyer mag das Parade-Buch der „Dialektik der Aufklärung“ gewählt oder rein zufällig in sein Buch gepackt haben. Blitzgescheiten Kommentaren zu Politik, Kultur und Lebenswelt stellt er Belanglosigkeiten im Alltag seiner Hauptfigur gegenüber und streckt diese allzu oft mit unerträglichen Ausschnitten jenseits von Form und Inhalt.

 

Die Kampfeslust von Distelmeyers Pop-Ära ist verloren, das Bewusstsein für das andere der Vernunft hat gesiegt. Wenn dem Autor etwas gelungen ist, dann die Zwiegestalt der Vernunft auf eine niederschwellige Härte herunterzubrechen wie vor ihm kein anderer. Der linkspolitische Troubadour der Aufklärung mutiert zum unentschlossenen Kritiker, der überlegt, ob intelligente Reflexion, Satire oder doch die nackte Realität des Alltags das effektivste Werkzeug sind, um den Kampf fortzusetzen. Er bleibt bis zum Ende unentschlossen. Tristan gelingt es nicht, die Odyssee konfliktfrei zu übertragen. Der Autor schwankt zwischen Belanglosigkeit und Erkenntnis. Die Abbildung der Realität ist zu unerträglicher Länge gezogen, greift als Stilmittel einer unkonventionell gemeinten Literatur daneben, macht das Buch langatmig und langweilig. Niemand will sich durch knapp 300 Seiten lesen, um an ein paar Stellen für ein paar Minuten exzellent unterhalten zu werden.

 

Jochen Distelmeyer, Otis. Reinbek: Rowohlt, 2015. 281 Seiten, 19,95 Euro.

Oliver Will
02.04.2015

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