Chopin Klavierkonzert Nr. 2

Nelson Freire, Gürzenich (Decca)

Chopin Klavierkonzert Nr. 2

Zu seinem Siebzigsten im vergangenen Oktober hat der brasilianische Pianist Nelson Freire, dem Joachim Kaiser zugesteht, „manuell absurd begabt“ zu sein, sich und, naturgemäß, uns Hörern ein Geschenk gemacht: Zusammen mit dem Gürzenich-Orchester unter Lionel Bringuier (dem neuen Chefdirigenten der Zürcher Tonhalle) hat er Chopins f-Moll-Klavierkonzert op. 21 als Konzertmitschnitt aus der Kölner Philharmonie bei Decca herausgebracht. Als anregende Appetitmacher schickt Freire sieben Köstlichkeiten aus der chopinschen Klaviertraumfabrik voraus, darunter die f-Moll-Ballade, die bereits auf Freires erster LP – damals war er zwölf – zu finden war. Hier rückt er sie mit wunderbar luftigem Leggiero-Spiel, das die Melodiestimme leuchten lässt, ins poetisch Verzückte, und auch die Berceuse op. 57 atmet lyrischen Zauber, elegante Noblesse und schönstes Rubato. Die As-Dur-Polonaise hat man allerdings schon weitaus kraftvoller, heroischer gehört, von der jungen Martha Argerich etwa oder dem alten Vladimir Horowitz. Im 2. Klavierkonzert, das zeitlich vor Chopins erstem entstanden ist, gelingt Freire die Balance zwischen Pathos und Clarté, zwischen grüblerischer Wehmut und heiterer Ausgelassenheit, und im Larghetto eine Art Chanson d’Amour, ganz so, wie vom Komponisten intendiert. „Nie eine Oper komponiert“, sagt, in „Chopin“, Gottfried Benn über diesen, „keine Symphonie, / nur diese tragischen Progressionen / aus artistischer Überzeugung / und mit einer kleinen Hand“. Eine feine Auswahl dieser tragischen Pretiosen und Progressionen bündelt Freires empfehlenswerte Neueinspielung. Abschließend noch ein Hinweis auf ein Rezital mit Freire: Am 24. Mai spielt er in Liège unter anderem die Englische Suite Nr. 3, Beethovens späte As-Dur-Sonate op. 110 sowie Werke von Granados und Robert Schumann.

Jürgen Gräßer
02.04.2015

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