Fragen über Fragen in der Spielzeit 2015/2016

Suche nach Heimat am E.T.A.-Hoffmann-Theater

Fragen über Fragen in der Spielzeit 2015/2016

 Wenige Tage, ehe Rainer Lewandowski mit dem Beginn der 33. Bayerischen Theatertage in Bamberg so etwas wie den Auftakt in seinen Ruhestand feiert, bat dessen designierte Nachfolgerin, Sibylle Broll-Pape, die zukünftige Intendantin am E.T.A.-Hoffmann-Theater, zur Vorstellung ihrer ersten Spielzeit an der Regnitz in den Theater-Treff. Vieles ist neu, vieles wird anders, weniges bleibt so, wie es war. Von dem bisherigen Ensemble beispielsweise hat die aus der freien Theaterszene Kommende gerade einmal Iris Hochberger übernommen, außerdem noch Eckhart Neuberg, Volker Ringe und Florian Walter. Das hat ihr nicht wenig Kritik eingebracht. Broll-Pape hat ein Ensemble von überwiegend sehr, sehr jungen Leuten um sich geschart, die freilich allesamt von Schauspielschulen kommen, „die etwas zu sagen haben“.

 

Die Spielzeit 2015/2016 verspricht am ETA Hoffmann Theater (so lautet die offizielle neue Schreibweise) eine hochkarätige zu werden, das steht außer Frage. Zu dieser ersten von Broll-Pape verantworteten Pressekonferenz hatte sich auch Oberbürgermeister Andreas Starke eingefunden. Starke stellte bei diesem „ganz wichtigen Ereignis“ sogleich fest, dass der Nachname der baldigen Leiterin für fränkische Zungen „ausgesprochen schwierig“ auszusprechen sei. Jedenfalls „sind wir alle sehr hoffnungsvoll, sehr optimistisch und voller Erwartungen“, was denn künftig am E.T.A.-Hoffmann-Theater geboten werde.

 

Um ein Motto zu finden, das dem Spielplan so etwas wie einen roten Faden gibt, sei man durch die Stadt gegangen und habe sich gefragt, was die Bamberger interessieren könne. Die fünfzehn Premieren, darunter sieben Uraufführungen beziehungsweise Werke in eigener Bearbeitung, werden sich mit unserer Heimat auseinandersetzen, mit Deutschland, dem Vaterland, der Muttersprache. Die Stücke und Stoffe fragen danach, was es heißt, deutsch zu sein. „Ich möchte kein Theater machen, das Antworten gibt, sondern eines, das Fragen stellt“, sagte Broll-Pape.

 

Ein gewisser Schwerpunkt liegt dabei auf dem Zeitgenössischen. Auf zeitgenössischen Texten, auf zeitgenössischen Zugriffen auf und Umsetzungen von Klassikern, auf einer heutigen Ästhetik und einer Formsprache von und für heute. Zum Auftakt wird das, nach einem rauschenden Eröffnungsfest am 16. Oktober, zu erleben sein in den „Nibelungen“, diesem „deutschesten aller deutschen Stoffe“ (Heiner Müller), nach Friedrich Hebbel. Regie wird die Hausherrin führen, für die Dramaturgie zeichnet Chefdramaturg Remsi Al Khalisi verantwortlich, Bühne und Kostüme besorgt Rainer Sinell. Auch wird – und hier spielt das Zeitgenössische mit hinein – mit Videomaterial (Peer Engelbracht, Stephan Komitsch) gearbeitet.

 

Ein Auftragswerk von Konstantin Küspert, „rechtes denken.“ (vom 18. Oktober an, im Studio), fragt danach, warum es für Menschen immer wieder attraktiv ist, sich über Begriffe wie „Nation“ und „Rasse“ zu definieren, fragt, ob Demokratie zu anstrengend ist, weil Widersprüche auszuhalten, Kompromisse auszuhandeln sind. Küspert, 1982 in Regensburg geboren, ist Dramaturg am Badischen Staatstheater in Karlsruhe und hat sich unter anderem mit dem NSU-Prozess auseinandergesetzt. Sibylle Berg untersucht in ihrem jüngsten Stück, „Viel gut essen“, das Denken und die Befindlichkeiten des Mittelstandes hierzulande, wie sie beispielsweise am Stammtisch zutage treten: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Premiere im Studio ist am 27. November, Regie führt der junge, vielversprechende Niklas Ritter, der als Videokünstler und Regisseur unter anderem am Staatstheater Meiningen, am Schauspiel Leipzig, in Köln und in Frankfurt hervorgetreten ist.

 

Zu den Jungen zählen zudem Robert Gerloff, der im März Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ – so gut wie der einzige Klassiker im Programm – auf die Bühne im Großen Haus bringen wird. Gerloff, Jahrgang 1982, hat als Regieassistent unter anderem mit

Martin Kušej, Stefan Pucher und Amélie Niermeyer zusammengearbeitet. Zu den längst renommierten Regiepersönlichkeiten hingegen gehört Isabel Osthues, die bei Christoph Marthaler am Schauspielhaus Zürich Hausregisseurin war und in Bamberg „Krähwinkel“ nach August von Kotzebue in Szene setzen wird, eine „Komödie mit Schlagermusik“ (vermutlich Ohrwürmer aus den Fünfzigern, so genau steht das noch nicht fest). Premiere ist am 4. Dezember.

 

Kotzebue war zu Lebzeiten (geboren 1761 in Weimar; ermordet wurde der „Verräter des Vaterlandes“ im März 1819 von dem Burschenschaftler Karl Ludwig Sand, einem gebürtigen Wunsiedler, in Mannheim) einer der meistgespielten Autoren in der deutschsprachigen Bühnenlandschaft, auch zu Zeiten Hoffmanns im Bamberger Theater. Apropos: Lange suchen nach einem Stoff von E.T.A. Hoffmann, der noch nicht in dem nach ihm benannten Hause gemacht worden ist, mussten Broll-Pape und Al Khalisi, sind dann aber doch mit den „Elixieren des Teufels“ fündig geworden. Die Adaption von Hoffmanns Schauerroman besorgt der junge Regisseur und Videokünstler Hannes Weiler. Sie wird am 22. Januar erstmals zu sehen sein.

 

Broll-Pape möchte ihr Haus gern öffnen, etwa durch die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen in der Stadt. Da dürfen die Bamberger Symphoniker, genauer deren Akademisten, nicht fehlen. Das musikalische Theaterprojekt nach dem Buch von Thea Dorn und Richard Wagner (dem aus dem Banat stammenden Schriftsteller) untersucht „Die deutsche Seele“ und kommt am 29. April zur Uraufführung. Auch eine Kooperation mit dem Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia ist vorgesehen. „Doctor Faustus Lights the Lights“ (1938) nennt sich der Text von Gertrude Stein, ursprünglich als Libretto gedacht, der am 17. Juni im Studio Premiere hat. Regie führt Christoph Hetzenecker, Bühne und Kostüme sind von Lena Kalt, Remsi Al Khalisi nimmt sich der Dramaturgie an. Und obgleich Steins „Faustus“, wie so viele Texte der Moderne (man denke nur an „The Waste Land“, an „An Anna Blume“, an die „Ursonate“, an „Finnegans Wake“), bereits selbst Musik ist, oder – beim lauten Lesen – wird, wird Iris ter Schiphorst ein Auftragswerk dazu komponieren.

 

Iris ter Schiphorst, 1956 in Hamburg geboren, hat Kompositionskurse bei Luigi Nono und bei Dieter Schnebel besucht. Sie gehört der Akademie der Künste Berlin an und ist derzeit Stipendiatin der Villa Concordia. Zahlreich sind ihre Bühnenwerke, darunter „Anna’s Wake“ (1992; vergleich hierzu das soeben angeführte letzte Buch von James Joyce), „Bernada Albas Haus“ (1999), „Effie Briest“ (2000), „Die Gänsemagd“ (2009).

 

Das jugendliche Publikum will Broll-Pape mit dem Stück „Auf Eis“ (Premiere 11. März) von Petra Wüllenweber ansprechen, das sich mit der Droge Crystal Meth beschäftigt. Und die ganz Kleinen (aber auch deren Eltern, Großeltern) dürften großen Gefallen finden an „Peterchens Mondfahrt“. Das klassische Märchen – es ist Sibylle Broll-Papes liebstes – wird vom 20. November an in der Regie von Nicole Claudia Weber als Familienstück ab sechs Jahren geboten. Bühne und Kostüme stammen von Tanja Hofmann, einer gebürtigen Bambergerin, die unter anderem auf Kuba, an der Oper Frankfurt, an der Semperoper („Don Giovanni“, Premiere ist in diesem Juni) Erfolge feiert.

 

Das Caldéron-Spiel im Juli wird beibehalten. Tobias und Laura Goldfarb, die sich bestens auf Freilichtaufführungen verstehen, führen in der Alten Hofhaltung Regie in „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“. Neu hingegen ist ein Theaterprojekt im Bamberger Stadtraum, auf Plätzen, in den Gassen, vor Brunnen, in Schaufenstern im Juni und Juli. „Stadt Land Fluss“ nennt sich die Uraufführung, für die Gesine Danckwart verantwortlich zeichnet. Neu ist sodann der „Bamberger Salon“, der im Gewölbekeller Fragen und Anliegen der Literatur, der Wirtschaft, der Politik, von Globalem und Regionalem, der Musik verhandeln will. Und zu Silvester verspricht Broll-Pape eine wunderbare Jahreswechselfeier, die fest etabliert werden soll. Zu dieser sind nicht nur Theaterbesucher geladen. Ein offenes Haus zu führen und Lust auf Theater zu machen, das ist der baldigen Intendantin ein großes Anliegen. Viel Glück dabei!

 

Copyright Fotos:

 

Andreas Starke, Sibylle Broll-Pape, Remsi Al Khalisi, Dieter Strattner © 2mcon, Bamberg

 

Dieter Strattner, Sibylle Broll-Pape, Remsi Al Khalisi, Laura Kemp © 2mcon, Bamberg

Jürgen Gräßer
04.05.2015

Eure Meinung? Leserbrief verfassen