Drei Jahrzehnte Kissinger Sommer

Ein Gespräch mit der langjährigen Intendantin

Drei Jahrzehnte Kissinger Sommer

Vor 30 Jahren wurde der „Kissinger Sommer“ aus der Taufe gehoben, und ebenso lange hat ein und dieselbe Impresaria diesem erfolgreichen Festival ihren Stempel aufgedrückt: Dr. Kari Kahl-Wolfsjäger.

 

Als im Frühling 1985 das ambitionierte Programm eines neuen Musikfestivals in Bad Kissingen angekündigt wurde, musste jedem melomanischen Musikjournalisten angesichts der dort aufgebotenen hochrangigen Interpreten sofort klar werden: da müssen wir hin, das müssen wir uns anhören, darüber müssen wir berichten! Wir, das war eine fränkische Zeitung, deren Feuilletonchef diesem Vorschlag gegenüber zunächst reserviert reagierte, und das aus verständlichen Gründen. Soll man den ohnehin knappen Platz für die Kulturberichterstattung dem Festivalprojekt einer Kleinstadt opfern, mag sie auch ein berühmter Bäderort sein?

 

Es brauchte keine 30 Jahre für den Befund, dass es sich gelohnt hat, denn der „Kissinger Sommer“ erreichte schon nach kurzer Zeit ein Renommée, das ihn umstandslos in die großen Musikfestivals auf Bundesebene einreihen ließ. Verantwortlich dafür war das Zusammenwirken illustrer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit einflussreichen Politikern und mit einer künstlerischen Leiterin, der es aufgrund ihrer Verbindungen und eines sicheren Gespüres für eine erfolgreiche Programmgestaltung gelang, dem „Kissinger Sommer“ zu überregionalem Publikumszuspruch und internationalem Flair zu verhelfen.

 

Das Festival ist fester etabliert denn je zuvor, doch dessen Spiritus Rector, Kari Kahl-Wolfsjäger, wird sich im kommenden Jahr zurückziehen und Tilman Schlömp, bislang künstlerischer Leiter des Bonner Beethovenfestes, Platz machen. Grund genug also für ART. 5|III, mit der langjährigen Festivalchefin ein Gespräch zu führen, das zugleich den Anlass für eine bilanzierende Rückschau bietet. Unser Redaktionsmitglied Martin Köhl, der das Festival seit Anbeginn an journalistisch begleitet, unterhielt sich mit der Impresaria.

 

Frau Dr. Kahl-Wolfsjäger, über welches berufsspezifische „Kapital“ verfügten Sie, als Sie 1985 in Bad Kissingen anfingen? Will heißen: welche einschlägigen Erfahrungen, welche künstlerischen Verbindungen hatten Sie?

Kari Kahl-Wolfsjäger: Nun, ich bin von Haus aus Journalistin, und wenn man im Magazinwesen und in der internationalen Politik unterwegs ist, ergibt es sich quasi automatisch, dass man über zahlreiche Verbindungen von internationaler Bedeutung verfügt. Nehmen Sie nur Peter Ustinov, mit dem ja alles hier begann, prominenter geht es nicht! Ich muss allerdings hinzufügen, dass auch meine zeitweilige Tätigkeit als Regieassistentin die Affinität zur Kulturwelt wesentlich verstärkt hat.

 

 

Warum fiel Ihre Wahl auf Bad Kissingen und welche spezifischen Möglichkeiten und Potenziale sahen Sie hier?

 

Kari Kahl-Wolfsjäger: Meine Wahl fiel überhaupt nicht auf Bad Kissingen, im Gegenteil: aus Berliner Perspektive widerstrebte es mir, mich auf die mir unbekannte und für mich ungewohnte Provinz einzulassen. Aber der frühere Bad Kissinger Politiker Eduard Lindner schaffte es mit Versprechungen, die er auch hielt, mich hierher zu holen. So schwärmte er von den wunderbaren Räumlichkeiten in der Bäderstadt, und als ich mich vor Ort umschaute, fand ich es bestätigt.

 

 

Wie haben Sie es geschafft, eine so große Anzahl von Künstlern und Künstlerinnen mit Weltruf in die fränkische Provinz zu holen und diese – beispielsweise Cecilia Bartoli, Grigory Sokolov, Lang Lang, Arcadi Volodos, Vadim Repin, Lorin Maazel, Jewgenij Kissin, Heinrich Schiff und viele andere mehr – auch noch zu „Wiederholungstätern“ zu machen. Lag es ganz einfach nur an guten Honoraren oder kommen die Interpreten gerne, weil ihnen die familiäre Atmosphäre und die von Ihnen gewährleistete Betreuung zusagt?

 

Kari Kahl-Wolfsjäger: Wir schwimmen mangels wirklich großer Mäzene nicht in Geld, deshalb galt für mich ein ähnliches Prinzip wie im Bayreuth der Epoche Wolfgang Wagners. Die Künstler und Künstlerinnen müssen zu uns kommen wollen, weil es ihnen bei uns gefällt, auch wenn sich das Honorar eher am unteren Rand der Skala befindet. Dafür gibt es aber eine fundamentale Voraussetzung: man muss sie kennen. Genau das kann ich von mir sagen.

 

 

Welche Orientierung hat das Festival aus Ihrer Sicht im Laufe der Zeit genommen, welche Akzentwechsel, welche neuen Schwerpunkte?

 

Kari Kahl-Wolfsjäger: Natürlich gab es Akzentverschiebungen, aber mein Grundprinzip, das Festival auf drei solide Säulen zu stellen, ist unverändert geblieben. Sie lauten: große klassische Musik, Programme mit jungen Künstlern und Neue Musik.

 

 

Damit ist auch die naheliegende Frage bezüglich der Nachwuchsarbeit beantwortet. War diese denn nachhaltig, kann man also beispielsweise sagen, dass berühmt gewordene Künstler die entscheidenden Impulse für ihre Karriere beim „Kissinger Sommer“ erhalten haben?

 

Kari Kahl-Wolfsjäger: Da bin ich mit Behauptungen vorsichtig, aber der Blick auf Künstler, die ganz früh und als gänzlich Unbekannte bei uns gewesen sind, also vor knapp 30 Jahren, ist bezüglich deren weiterer Karriere erhellend. Nehmen Sie nur Weltstars wie Diana Damrau oder Frank Peter Zimmermann. In jüngerer Zeit könnte ich die mittlerweile sehr angesagten Pianisten Herbert Schuch, Igor Levit und Kit Armstrong nennen.

 

 

Haben Sie je eine künstlerische oder organisatorische Entscheidung bedauert oder könnten Sie jederzeit sagen, dass Sie alles im wesentlichen wieder so machen würden?

 

Kari Kahl-Wolfsjäger: Auch wenn es vielleicht unbescheiden wirkt: angesichts unseres anhaltenden Erfolges wüsste ich nicht, was ich bedauern oder anders machen sollte. Wäre ich noch einmal am Anfang, würde ich meine Aufgabe in fast allen Belangen wieder so anpacken wie 1985.

 

 

Vor welchen Herausforderungen steht der „Kissinger Sommer“ in naher Zukunft?

 

Kari Kahl-Wolfsjäger: Es mag Sie vielleicht wundern, aber die Herausforderungen sind weniger auf künstlerischem oder organisatorischem Gebiet zu finden, denn da sind wir gut aufgestellt. Sorgen macht mir hingegen der Mangel an anspruchsvollen Unterkunftsmöglichkeiten in Bad Kissingen. Ohne 5-Sterne-Hotels geht es nun einmal nicht.

 

 

Wie geht es nach Ihnen weiter?

 

Kari Kahl-Wolfsjäger: Nun, meinen unlängst gekürten Nachfolger werde ich demnächst kennen lernen. Herr Tilman Schlömp ist Dramaturg in Bonn, kommt also aus der Kultursparte. Er wird mir beim diesjährigen „Kissinger Sommer“, der ja längst fertig ist und dessen ausführliches Programm wir demnächst präsentieren werden, über die Schulter schauen können und dann seinen eigenen Weg gehen müssen. Ich mache mir da keine Sorgen und habe ein gutes Gefühl bezüglich meiner Nachfolge und der weiteren Zukunft unseres Festivals.

 

 

Dann danken wir für dieses Gespräch, wünschen auch für Ihre Zukunft alles Gute und freuen uns auf die am 19. Juni beginnende Jubiläumsedition des „Kissinger Sommers“.

 

Copyright Fotos: Igor Levi, © Felix Broede und David Garrett, © Universal Music

 

Martin Köhl
17.06.2015

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