Zehn Jahre Fürther Badstrasse 8

Vom Flussbad zum kreativen Kulturort

Zehn Jahre Fürther Badstrasse 8

Wer hierzulande auf eine Künstlerkolonie angesprochen wird, dem dürfte wohl zu allererst jene in Worpswede einfallen, wo um 1900 herum Künstler (und Literaten) wie Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Clara Westhoff, Paula Modersohn-Becker einander begegneten, was zu einem durchaus fruchtbaren Austausch führte. Davon handelt, nebenbei, der aktuelle Roman von Klaus Modick, „Konzert ohne Dichter“ den wir in unserer Rubrik „Lese- & Hörstoff“ aktuell vorstellen.

 

Man muss aber nicht ins Teufelsmoor bei Bremen, nach Worpswede eben, reisen, oder Modick lesen, um dergleichen zu erleben. Es reicht ein Ausflug nach Führt, genauer: in die Badstraße 8. Denn dort ist eine Art Künstlerkolonie en miniature zu finden. Das Gelände gehörte einst zum Flussbad, wo sich an heißen Sommertagen tausende Badegäste tummelten. Als Begegnungsstätte wie als Naherholungsgebiet kam den Flussauen eine enorme Bedeutung zu. Außerdem boten eine Schmiede und eine Werkstatt inklusive Zeichenräumen, die dort in den zwanziger Jahren errichtet worden waren, Handwerken eine gute Ausbildungs- und Wirkungsstätte.

 

Da von diesem Ort über Jahrzehnte hinweg eine gerade für Künstler magische Anziehungskraft ausging, lag es mehr als nahe, diese sowohl stadt- als auch naturnahe Idylle bewahren zu wollen und als Kulturort zu gestalten. So gründete sich anno 2005 der Verein „Kulturort Badstraße 8“, der demzufolge 2015 sein zehnjähriges Jubiläum feiern kann. Dem Verein ist es gelungen, in dieser Idylle eine kreative Oase zu schaffen, die ihrem Namen alle Ehre macht. Es ist ein „Kulturort“ geschaffen worden, an dem sich viele Künste und kulturelle Angebote begegnen.

 

Das macht die große zentrale Halle möglich, die für (Kinder-)Theater ebenso genutzt werden kann wie für Filmvorführungen, für Performances unterschiedlichster Couleur und Improvisationskunst oder für Lesungen. So geschehen jüngst Ende Mai, als sich im Rahmen der Criminale Nürnberg Fürth die Autoren Franz Zeller, Roger M. Fiedler und Arno Strobel unter dem Motto „Sägen, Feilen, Morden“ der Kriminalität im digitalen Zeitalter widmeten. In den kommenden Wochen wird das Jubiläumsprogramm unter anderem noch eine Ausstellung und zwei Konzerte in den Kulturort bringen.

 

Vom 6. Juni an zeigt Birgit Maria Götz eine Auswahl aktueller Arbeiten. Die Fürtherin des Jahrgangs 1968 kann sich den Vorteil eines ganz klaren Heimspiels zu Nutze machen, denn seit zehn Jahren, von allem Anfang an also, hat sie in der Badstraße 8 ihr eigenes Atelier (dem 2010 eine Nürnberger Dependance in der Kilianstraße folgte). Götz studierte zunächst Kommunikationsdesign. Daran schloss sich an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg das Studium der freien Malerei an, unter anderem bei Ralf Fleck und Johannes Grützke. In ihrem Badstraßen-Atelier bietet Götz immer wieder einmal Kreativkurse an, deren Palette von Stillleben über figurative Malerei bis hin zu Portrait- und Aktzeichnungen reicht.

 

Am 12. Juni darf man sich auf ein ungewöhnliches Konzert freuen. Das lässt sich schon aus dem Namen Eric Satie schließen, der auf dem Programm steht und so scheinbar verrückt anmutende Sachen komponiert hat wie die „Trois morceaux en forme de poire“ (Drei Stücke in Form einer Birne) für Klavier zu vier Händen oder die „Vexations“ (Quälereien), eine langsame Melodie, die 840 Mal wiederholt werden soll. Das kann dauern. Satie hat aber auch die wunderschönen (und) kurzen drei „Gymnopédies“ geschrieben. Und wir tippen mal, dass es deren bekanntestes ist, ein wahrer Ohrwurm, den das exzentrische New Yorker Duo „Glockabelle“ nach Fürth bringen wird. Dahinter verbergen sich die bezaubernde Französin Annabelle Cazes und ein immer einmal wieder wechselnder Schlagzeuger (beispielsweise Jazz-Ikone Kevin Shea). Die in Paris klassisch ausgebildete Pianistin spielt zwei Casio VL Tones und Glockenspiel. Schon diese Kombination klingt spannend, erfährt aber noch mehr Reiz dadurch, dass Cazes sich Metallkappen überstülpt. Ja, bei so viel Exzentrik darf Satie tatsächlich nicht fehlen, aber auch die Ramones und die Kinks sind mit dabei. So entsteht eine Melange aus klassischem Klavier, Synthesizer-Pop, Rhythmus, Klang und Gesang (in französischer wie englischer Zunge).

 

Am 11. Juli hält von 20.30 Uhr an mit den „Los Zingaros“ argentinischer Tango Gitano Einzug in den Kulturort Badstraße 8. Der Gitarrist Alejandro Montero, der Geiger David Macchione und Alexander Gárate, ein gebürtiger Baske, der 1991 nach Argentinien ging, am Akkordeon, mischen Musik der Sinti und Roma mit Tango. Das klingt nach der perfekten Musik für einen Sommerabend in der Badstraßen-Idylle. Der Verein um den Vorstand Sami Haidar, Kathrin Hausel und Michael Müller, seine Mitglieder, Freunde und Förderer haben allen Grund zu feiern. Glückwunsch zum Zehnjährigen, und weiter so!

 

Copyright Fotos: © 2mcon, Bamberg (www.2mcon.de)

 

Jürgen Gräßer
19.06.2015

Eure Meinung? Leserbrief verfassen