Regentonnenvariationen im Zeichen der Eule

Lyrik und mehr bei "Lesen!" in Fürth

Regentonnenvariationen im Zeichen der Eule

Anno 1997 hat Hans Magnus Enzensberger, der, nebenbei, in Erlangen studierte, festgestellt, dass „die Zahl von Lesern, die einen neuen, einigermaßen anspruchsvollen Gedichtband in die Hand nehmen“, sich „empirisch ziemlich genau bestimmen“ lasse. Sie liege „bei ±1354“. Schon wahr, Arthur Rimbauds „Une saison en enfer“ ist ein halbes Tausend Mal gedruckt worden und war nach vier Dekaden noch zu haben. Die Erstausgabe von Mallarmés „L’après-midi d’un faune“ brachte es auf stolze 195 Exemplare. Nun ist Jan Wagner für seinen Lyrikband „Regentonnenvariationen“ (den wir in unserer Rubrik „Lese- & Hörstoff“ besprechen) der Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik zuerkannt worden, und es steht zu hoffen und zu wünschen, dass in der Folge dieser Auszeichnung dem Gedicht mehr Beachtung zukommen werden wird.

 

Beachtung schenkt man der Lyrik auf jeden Fall in Fürth, dessen Literaturfest „LESEN!“ heuer in die vierte Auflage geht. Der 27. Juni steht ganz im Zeichen des Gedichts, und niemand anderer als Jan Wagner wird aus seiner preisgekrönten Sammlung vortragen. Vertreten sind auch fränkische Lyriker, Fitzgerald Kusz beispielsweise, Helmut Haberkamm und der in Nürnberg lebende Wittenberger Tobias Falberg. Zum Ausklang dieses an Versen und Metaphern reichen Samstags präsentiert die Bamberger Lyrikerin Nora Gomringer von 22 Uhr an im Kulturforum gemeinsam mit dem Schlagzeuger Philipp Scholz ihr neues Programm „Peng! Du bist tot! – Fatale lyrische Momente“, laut Ankündigung ein „dynamisches und humorvolles Zusammenspiel aus Wort und Klang“.

 

Für den Leipziger Buchpreis nominiert waren auch Michael Wildenhain und Norbert Scheuer. Letzterer wird am 3. Juli seinen leisen, lakonischen Roman „Die Sprache der Vögel“ vorstellen, der den Krieg in Afghanistan mit der Liebe zu den Vögeln kombiniert. Wildenhain, der diesjährige Dresdner Stadtschreiber, Jahrgang 1958 und just vor einer Dekade Stipendiat der Bamberger Villa Concordia, liest am 26. Juni aus dem Roman „Das Lächeln der Alligatoren“. Es ist ein Buch der Liebe und des Verrats, dem es gelingt, das Private und das Politische miteinander zu verbinden.

 

Im Jüdischen Museum macht sich am 2. Juli bei einer Lesung mit Musik Volker Titel auf die Suche nach den Fürther Wurzeln der Verlegerdynastie Ullstein. Zwei Tage später liest der Wassermann-Preisträger Sten Nadolny im Kulturforum aus seinem „Ullsteinroman“. Der Familie gilt auch die Ausstellung „Ullstein – Im Zeichen der Eule“. Zu den weiteren Offerten des Festivals zählen ein Kirchen-Poetry-Slam mit Michael Jakob und das Lesewohnzimmer im Freien auf der Adenauer-Anlage.

 

Copyright Foto: © Susanne Altenberger

Jürgen Gräßer
19.06.2015

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