"Offen aus Tradition"

Migration und Kulturtransfer beim Tag der Franken

Die Zahl nicht nur der Jahrestage und Jubiläen, sondern auch die der thematisch bestimmten Tage ist Legion, und so gibt es selbstverständlich auch einen Tag der Franken. Dieser wurde vom Bayerischen Landtag in die Wege geleitet und erinnert seit 2006 an das historische Datum der Teilung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation am 2. Juli 1500. Auf dem Reichstag in Augsburg wurden damals sechs Reichskreise verkündet, darunter auch ein Fränkischer. Zentraler Veranstaltungsort des ersten Tags der Franken war Nürnberg (Mittelfranken), darauf folgte Oberfranken mit Bamberg, 2008 vertrat Miltenberg Unterfranken.

 

In diesem Jahr ist man wieder in Mittelfranken angelangt. Am 5. Juli wird der Tag der Franken in Erlangen gefeiert werden. Für das Motto „Franken – offen aus Tradition“ ist die historische Hugenottenstadt prädestiniert, vereint sie doch eine lange Geschichte mit einer längst internationalen Ausrichtung, nicht nur über die Friedrich-Alexander-Universität, Technologie-konzerne wie Siemens und andere Industrieansiedlungen.

 

„Franken“, sagt Richard Bartsch, der aus Nürnberg stammende Bezirkstagspräsident von Mittelfranken, „wurde und wird von Menschen aus allen Gegenden Europas und der Welt gestaltet und geprägt.“ Schon seit Jahrhunderten hätten Zuwanderer und Fremde auch das fränkische Leben beeinflusst und bereichert. Und sie tun das noch immer. Erinnert sei hier en passant nur an die Tatsache, dass die erste Pizzeria hierzulande im März 1952 in Würzburg eröffnet wurde, und zwar von dem aus den Abruzzen über Nürnberg an den Main gekommenen Nicolino di Camillo. „Sabbie di Capri“, Sand aus Capri, taufte Camillo sein heute unter anderem Namen noch immer bestehendes Lokal.

 

Etliche Gruppen und Vereine von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund werden am Tag der Franken Einblicke in fremde und fränkische Traditionen gewähren, in Fest- und Alltagsrituale. Es darf zugeschaut und mitgefeiert werden. Beispielsweise können sich Besucher am Stand des Arabischen Museums Nürnberg in der Kunst der Kalligraphie versuchen, während der Heimat- und Geschichtsverein Erlangen – naturgemäß – dazu einlädt, die fränkische Heimat zu erforschen. Kultur und Heimat lässt sich auch an der von Land zu Land, ja von Region zu Region unterschiedlichen Küche festmachen. Davon zeugen internationale Spezialitäten, die beim Stadtverband der Erlanger Kulturvereine zu verkosten sind.

 

Was nun alles genau beim Tag der Franken geboten werden wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Man feile derzeit noch an einem runden Programm, versprach aber schon mal allerlei unterhaltsame und informative, fremde und fränkische Beiträge. Der Festtag beginnt jedenfalls um 9 Uhr mit einem ökumenischen und interreligiösen Gottesdienst auf der Hauptbühne am Erlanger Marktplatz. Zum anschließenden Festakt, den die Stadtkapelle Erlangen mit einem musikalischen Reigen aus Melodien rund um den Globus umrahmt, wird auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer erwartet.

 

Sodann wird der Bayerische Rundfunk in einer Gesprächsrunde mit Ehrengästen aus Politik und Gesellschaft der „fränkischen und nicht-fränkischen Sicht und Seele“ nachgehen, und dem Kabarettisten Oliver Tissot obliegt die Aufgabe, das Bühnengeschehen gewohnt locker und launig zu kommentieren. Eine auch vor dem Hintergrund des Kulturtransferschwerpunkts sehr treffende Wahl, denn Tissot ist, obgleich in Nürnberg geboren, österreichischer Staatsbürger: Sein Vater stammt aus Oberösterreich. Auf der Hauptbühne hat sich mit dem Erlanger Klaus Karl-Kraus für den Nachmittag ein weiterer Kabarettist angekündigt.

 

Musik, Trachten und Tanz, unter anderem in Kooperation mit der islamischen Begegnungsstätte Medina, locken in den Schlosspark. Bei Lesungen im Palais Stutterheim kommt die Literatur zum Zuge. Die in Hamburg als TV-Journalistin und Moderatorin arbeitende Anne Chebu, 1987 in Nürnberg geboren, die sich in der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ engagiert, wird ihr Buch „Anleitung zum Schwarz sein“ (Münster: Unrast Verlag, 2014) vorstellen. Der Lyriker, Erzähler und Übersetzer Nevfel Cumart – im rheinland-pfälzischen Lingenfeld geboren, in Stade aufgewachsen, in Bamberg lebend – wird das tun, auf was er sich vorzüglich versteht: lesend zwischen Orient und Okzident, zwischen der Türkei und Franken flanieren. Cumart ist ein Mittler zwischen den Kulturen, auch ein Vermittler von Kultur, wie er, man verzeihe das Wortspiel, im Buche steht.

 

Abschließend sei noch hingewiesen auf die von der Bezirksheimatpflege kuratierte Ausstellung in der Hugenottenkirche. Unter dem Titel „Fremde in Franken. Migration und Kulturtransfer“ versammelt sie Beispiele der Zuwanderung nach Franken während der letzten zwei Millennien. Noch eine finale Volte zurück zu Bartsch. „Über diesen Tag [der Franken] hinaus“, verspricht der Bezirkstagspräsident, werde die Veranstaltung dazu beitragen, die „Toleranz füreinander und die gemeinsame Identität der Menschen in dieser Region zu stärken. Nicht nur Gebürtige, sondern auch Zugezogene, die sich hier zunächst vielleicht fremd vorkamen, sollen in Franken eine Heimat finden, sich fränkisch fühlen, Franken sein.“ Sollte sich dies tatsächlich erfüllen – wir würden es nur allzu gern begrüßen.

 

Copyright Foto: © ETM Sabine Ismaier

 

Jürgen Gräßer
19.06.2015

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