Klaus Modick über Rilke und Worpswede

Ein Konzert, nicht ganz ohne Dichter

Klaus Modick über Rilke und Worpswede

Unter Ekphrasis versteht man in der Literaturwissenschaft die Beschreibung eines Kunstwerkes. Dergleichen findet sich häufig im Gedicht, etwa bei W. H. Auden, René Char und Ludwig Steinherr, bisweilen auch im Roman, bei Orhan Pamuk, John Banville und bei Klaus Modick (schon in „Das Grau der Karolinen“ von 1986). Der jüngste Roman des fleißigen Oldenburgers nimmt, immer wieder, Heinrich Vogelers „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ in den Blick. Während das Gemälde vom Publikum gefeiert wird, ist es für seinen Schöpfer Symbol mehrfachen Scheiterns: es kriselt in seiner Ehe, es nagen ihn künstlerische Selbstzweifel und auch die Freundschaft Vogelers zu seinem Seelenverwandten, dem lyrischen Leuchtstern der berühmten Worpsweder Künstlerkolonie, Rainer Maria Rilke, ist dabei, Federn zu lassen. Für einen akkuraten akustischen Goût sorgen Passagen in Plattdeutsch, und dass Modick mit der norddeutschen (Moor-)Landschaft vertraut ist, hat er bereits mit seinem wunderbaren novellistischen Debüt „Moos“ (1984) bewiesen. Ein kurzzeitiger Abstecher führt den Leser nach Florenz, am Rande werden auch Berlin und Russland tangiert, letzteres via Lou Andreas-Salomé, die Geliebte, die „Muse und sorgsame Mutter“ Rilkes, wie Freud sie einmal nannte. Modick legt mit dem „Konzert“ einen gekonnten, leichtfüßigen, welthaltigen, überaus lesbaren Künstlerroman vor, der sich auf die Gedichte Rilkes, dessen Tagebücher und Briefe sowie Vogelers Lebenserinnerungen beruft. Und auf dessen Gemälde. (Ach ja, einen weiteren Worpswede-Roman hat 2010 Moritz Rinke vorgelegt, „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“.)

 

Klaus Modick, Konzert ohne Dichter. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2015. 240 Seiten, 17,99 Euro.

Jürgen Gräßer
22.06.2015

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