Das schöne Mädchen von Seite Drei

Nora Gomringer-Bossong begibt sich auf Recherche und holt den Bachmann-Preis

Das schöne Mädchen von Seite Drei

 Die große Verliererin heißt zweifelsohne Teresa Präauer, Nora Gomringer die große Gewinnerin. Präauer, aus Linz gebürtig, in Wien zuhause und in Göttingen (bei Wallstein, besser geht es kaum, so meinen wir, bei aller Bescheidenheit) verlegt, kam beim Klagenfurter Literaturwettstreit um den Ingeborg-Bachmann-Preis dreimal in die Stichwahl und ging am Ende – fast sträuben sich die Finger, es niederzuschreiben – ganz und gar leer aus.

 

Doch beginnen wir mit dem von der BKS-Bank gestifteten, mit 7000 Euro dotierten Publikumspreis. Dieser ging mir recht klarer Mehrheit an Valerie Fritsch für ihren Amputationstext „Das Bein“. Die Grazer Schriftstellerin und Photokünstlerin durfte sich am vergangenen Sonntag zudem über den mit 10 000 Euro ausgestatteten Kelag-Preis freuen, auch wenn sie sich erst in einer nötigen Stichwahl durchsetzen konnte, nämlich gegen Teresa Präauer. Der 7500 Euro schwere 3sat-Preis wurde, abermals nach einer Stichwahl, Dana Grigorcea, die aus Bukarest stammt und in Zürich lebt, zuerkannt. Mit dem unter anderem vom Opernhaus ihrer Geburtsstadt handelnden Beitrag „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ setzte sich Griogorcea, so wollte es die von dem Text begeisterte Jury, durch, und zwar gegen: Präauer.

 

Zehn Autorinnen und gerade einmal vier Steller der Schrift – manch einer verstieg sich angesichts dieses Geschlechterverhältnisses dazu, die 39. Tage der deutschsprachigen Literatur am Wörthersee als BachFRAU-Wettbewerb auszugeben – waren in Klagenfurt ins Rennen gegangen um eine der prestigereichsten Auszeichnungen, die einem Autor (oder, naturgemäß, einer Autorin) deutscher Zunge in seinem Schriftstellerleben zuteilwerden kann. Benannt nach Ingeborg Bachmann, die 1964 – Bachmann zählte damals noch keine vier Jahrzehnte – mit dem ganz oben angesiedelten Büchnerpreis bedacht worden war, gehören zu den in Klagenfurt seit 1977 Siegreichen beispielsweise der stupend begabte Hermann Burger (1985; „Die Wasserfallfinsternis von Badgastein“),  1992 Alissa Walser („Geschenkt“), sechs Jahre hernach, für „PONG“, die spätere Villa-Concordia-Stipendiatin und Büchner-Preisträgerin von 2013, Sibylle Lewitscharoff und vor acht Jahren Lutz Seiler („Türksib“), der überwiegend im Gedicht zuhause ist, aber doch für sein spätes Romandebüt („Kruso“, 2014) unmittelbar den Deutschen Buchpreis erhielt.

 

In diesen frühen Julitagen nun ging der Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 nach drei Stichwahlen (im Rennen war ganz dezidiert eben auch: Teresa Präauer) an Nora Gomringer, mithin an die seit 2010 amtierende Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, für das und für dessen Stipendiaten sie sich ganz ungemein starkmacht. Das soll, hat die frisch Gekürte bereits deutlich gemacht, auch nach ihrem fulminanten Erfolg bei der Klagenfurter Hitzeschlacht so bleiben, obgleich sie jetzt noch wesentlich seltener als ohnehin schon sich eine Atempause wird gönnen können.

 

Wer am Wörthersee vorn, oder überhaupt, mitspielen möchte, der muss sich medial präsentieren und gewiss auch verkaufen können. Das ist nicht erst seit den letzten Wettbewerben so. Rainald Goetz beispielsweise ritzte sich schon anno 1983 – als promovierter Mediziner wusste er, wie man das macht – vor laufender Kamera beim Vortrag seines Textes „Subito“ die Stirn auf, was zur Folge hatte, dass am Ende nicht nur Hände und Manuskript von Blut getränkt waren. Ungeachtet dieser Aktion ging Goetz damals (in der Jury saßen Koryphäen wie Walter Hinck und Gert Ueding, und auch ein Marcel Reich-Ranicki) leer aus, und der Bachmann-Preis an Friederike Roth für einen Auszug aus „Das Buch des Lebens“.

 

Gomringer nun wird immer wieder als eine der großen Exponentinnen der Poetry-Slam-Szene gefeiert, und in der Tat ist es so, dass sie fesselnd und einnehmend und berauschend (sich und die Zuhörer) vorzutragen weiß, dass sie sich auf das Sich-in-Szene-Setzen auf das Allerbeste versteht. Was in Klagenfurt zweifelsohne von großem Vorteil ist. Hervorgetreten also ist Gomringer bislang überwiegend, ja fast ausschließlich, mit Gedichten (zunächst, 2000, im Selbstverlag, dann bei Gruppelo und seit 2006 bei Voland & Quist, wo 2013 ihre „Monster Poems“ und vor einigen Wochen unter dem Titel „Morbus“ ihre Krankheitsgedichte herausgekommen sind, illustriert jeweils von Reimar Limmer und selbstverständlich mit begleitender Audio-CD). Für die Münchner Komponistin Helga Pogatschar, eine ehemalige Concordia-Stipendiatin auch sie, hat die Künstlerhausdirektorin 2013 ein Libretto verfasst, daneben immer wieder Glossen etwa für die Neue Zürcher Zeitung, auch kleine Feuilletons von ihren zahlreichen Reisen und Stipendienaufenthalten und Literaturfestteilnahmen zwischen Venedig, Helsinki, New York, Nowosibirsk und Medellin.

 

In Klagenfurt betrieb die Fünfunddreißigjährige auf Einladung der FAZ-Redakteurin Sandra Kegel am Donnerstagvormittag (als zweite Vortragende überhaupt) „Recherche“. Oder, genauer: Sie, Nora Gomringer, schickte ihre Vornamensvetterin und Schriftstellerkollegin Bossong auf die Suche nach Erkenntnissen im Falle eines Dreizehnjährigen, der vom Balkon im fünften Stock in den Tod sprang. Dass Nora Bossong selbstverständlich in realiter existiert und, beispielsweise, fast Seite an Seite mit Nora Gomringer in „Reclams großem Buch der deutschen Gedichte“ (dritte und erweiterte Auflage, 2013) zu finden ist, Nora G. mit „Haushaltsjahr“ (S. 836), Nora B. mit „Revolutionäres Idyll“ und „Zweihundertsechzig Tage in Fátima“ (beide S. 838), scheint nichtmals die dpa begriffen zu haben. Sonst würde die in einer knappen Meldung vom Sonntagmittag wohl kaum davon sprechen, dass Gomringers Text von der Recherche „einer Autorin namens Nora Bossong“, sondern von der Recherche „der Autorin Nora Bossong“ handele. Und nur am Rande sei, nicht zum ersten Mal, festgehalten, dass Gomringer, wie es eingangs in der Meldung heißt, nicht in „Neunkirchen an der Saar“ geboren ist. Das gemeinte Neunkirchen liegt zwar im Saarland, aber an der Blies, die, zugegeben, zu großen Teilen durch das Saarland fließt. Genug, genug.

 

Und zurück an den Wörthersee und in den See von Wörtern (der im „Wörtersee“ verströmenden, verebbenden „Bilderflut“ hat schon 1981 Robert Gernhardt ein Gedicht gewidmet). Nachdem Gomringer vorgetragen hatte, brach das Publikum in lautstarken Jubel aus, ein Beifallssturm, in welchem auch Bravorufe auszumachen waren. Auch die Jury unter dem Vorsitz von Hubert Winkels war arg angetan. Und doch gab es auch Einwände. Winkels sprach von einem Hörspiel, erkannte gegen Schluss hin auch etwas „Kalauerhaftes, Jandlhaftes“, führte das „Raumschiff Klagenfurt“ an und warf das Wort von einem extremen Literatur-in-der-Literatur-Spiel in das Studio. Und er fragte danach, was denn Gomringers glänzend-großartiger Vortrag dazu tue, „um uns zu beeindrucken. Können wir uns überhaupt davon lösen?“ Irgendwann könne man die „Inszenierung nicht mehr trennen von dem, was eigentlich ästhetisch auf Textebene läuft“.

 

Klaus Kastberger, der sich „köstlich unterhalten“ hatte, meinte: „Wir alle haben diesen Text geschrieben.“ Nora Gomringer (oder Bossong) „war unser Medium. Wir zeichnen uns selber aus, wir sagen: Klagenfurt ist der Nabel der Welt!“ Und so hege er etwas Zweifel an diesem „total gewieften, medial inszenierten“ Text. Kastberger stellte die These auf, dass ohne den Bachmann-Preis, „ohne diese ganze Inszenierung“ es Gomringers Text „in dieser spezifischen Verfassung gar nicht geben“ könne. Worauf Winkels dann allerdings sofort entgegnete: „Aber das ist ja das Beste, was man über uns sagen kann!“ Die Jurorin Hildegard Elisabeth Keller fand es wunderbar, dass „Recherche“, dieses „abgründige Spiel mit den Welten“, das die Leser (und Zuhörer) zu Voyeuren mache, in Gomringer die „denkbar beste Performerin“ gefunden hatte.

 

Für Meike Feßmann verlor „Recherche“ bei stiller Lektüre doch ganz ungemein gegenüber Gomringers allseits gelobtem Vortrag. Sandra Kegel, auf deren Vorschlag die Bambergerin in Klagenfurt teilnehmen konnte, widersprach Feßmann heftig: „ Dieser Text funktioniert natürlich auch auf Papier. Und ich finde, man kann einem Text jetzt nicht seine Performance oder seinen Vortrag zum Vorwurf machen.“

 

Feßmann sprach immerhin von Montage und machte „unendlich viele Stimmen in diesem Text“ aus. Dem wir nur zustimmen können. Da sind nicht nur die wechselnden Perspektiven, die Stimmen der Bewohner des Hauses. Da sind auch die Stimmen etwa von Franz Werfel, von Peter Bichsel und die des ziemlich großartigen Lyrikers Durs Grünbein (Träger des Georg-Büchner Preises, 1995, also mit Anfang Dreißig), da ist die Stimme von „Alice in Wonderland“, jedenfalls die des verrückten Hutmachers, da kommt Bachmann selbst vor, nämlich mit ihrem „Malina“-Roman, den sie in einem Interview „eine geistige, imaginäre Autobiographie“ nannte. Und am 23. Dezember 1972, weniger als ein Jahr vor ihrem Tod in Rom (keine Anspielung auf Wolfgang Koeppen), sagte die Bachmann Christine Koschel gegenüber, „Malina“ sei „eine einzige Anspielung auf Gedichte“. Die Paul Celans nämlich: „Mohn und Gedächtnis“.

 

Bei Gomringer sind es Gedichte etwa von Goethe, von Kurt Schwitters („Anna Blume“). Und vielleicht auch, warum nicht, von Mörike – in der Literatur wie in der Literaturwissenschaft ist ja vieles erlaubt – wenn man das in einer leicht an „Fifty Shades of Grey“ gemahnenden Szene zum Einsatz kommende herrlich „blaue Band“ (aus Taft, und zweimal pro Woche von einem jungen Mann einer ehemaligen Professorin für Germanistik an der Universität Bern auf deren ausdrücklichen Wunsch um die Kehle geschnürt), wenn man es nur weit genug dehnt. Auch zitiert sich Gomringer quasi selbst, wenn sie Nora Bossong im Zuge ihrer „Recherche“ den sprachschöpferischen Herrn Thomas fragen lässt, ob er denn „auch etwas mit Sprache“ arbeite. „Ich werde etwas mit der Sprache machen“ heißt ein Gomringer-Band von 2011.

 

Dass sie etwas mit Sprache macht, dass sie dies zumal im Vortrag auf das Gelungenste immer wieder unter Beweis zu stellen vermag, das hat Nora Gomringer nun am Sonntag in Klagenfurt den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis eingebracht, und anderntags im heimischen Bamberg den Eintrag ins Goldene Buch der Stadt.

 

Nochmal zurück zu Teresa Präauer, die auf Einladung des Juryvorsitzenden Hubert Winkels gelesen hatte. Sie trug am Samstagmittag als Vorletzte der vierzehn Wettstreiter ihren Beitrag „Oh, Schimmi“. Sie tat dies überaus eindrucksvoll in reichen dynamischen Schattierungen und wechselnden Tempi. Für diese Musikalität wie für diese „riesige Affengeschichte“ (Sandra Kegel) wurde Präauer enthusiastisch gefeiert. Meike Feßmann urteilte: „Das war ein Zauberkunststück auf offener Bühne. Derart ermunternd und witzig, mit allen sprachlichen Mitteln.“ Feßmann schloss: „Also ich fand das ganz toll.“

 

„Das ist ganz großartig gemacht“, äußerte sich Sandra Kegel. Eine tolle Idee – der Mann, der sich zum Affen macht – und wunderbar durchgespielt. Vor allem könne Präauer, die in diesem Jahr für „Johnny und Jean“ den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis (7500 Euro) erhielt und mit diesem Roman auch für den Preis der Leipziger Buchmesse, der dann an Jan Wagner ging, nominiert war, „einfach zeichnen“. „Sie kann Bilder“, sagte Kegel, „sie kann Figuren zeichnen.“ Dass dieses sich eben nicht nur im Vortrag abzeichnende Können Präauer in Klagenfurt nichts gebracht hat, ist sehr bedauerlich. Und vielleicht auch eine Riesenaffengeschichte, der ganz eigenen Art.

 

Nora Gomringer mit Bachmann-Preis-Urkunde, Foto © Pressestelle der Stadt Bamberg

Nora Gomringer beim Eintrag ins Goldene Buch, mit OB Starke und dem Zweiten Bürgermeister Christian Lange, Foto © Pressestelle der Stadt Bamberg

Jürgen Gräßer
07.07.2015

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