Alice Sara Ott und Francesco Tristano

Klavier für Vier im Rheingau

Alice Sara Ott und Francesco Tristano

 Nichts weniger als den „panischen Schrecken der Natur vor der ewigen Schönheit“ hieß es (vonseiten des Komponisten selbst), hat Igor Strawinsky – über den, das sei am Rande hier festgehalten, Jonathan Cross im September bei Reaktion Books in London eine neue Biographie herausbringen wird – in seinem für die Compagnie von Sergej Diaghilev geschriebenen „Le Sacre du Printemps“ (Claude Debussy machte daraus „Massacre du Printemps“) darstellen wollen. Die Uraufführung Ende Mai 1913 im Théâtre des Champs-Élysées, am Pult stand Pierre Monteux, der schon die Premiere von „Petruschka“ geleitet hatte, geriet zu einem Skandalon sondergleichen.

 

Am heutigen Samstag kann man das „Sacre“ im Fürst-von-Metternich-Saal auf Schloss Johannisberg in einer Version für zwei Klaviere erleben, denn beim Rheingau Musik Festival sind Alice Sara Ott und Francesco Tristano zu Gast. Den Auftakt dieses spannenden Programms macht – in einer Bearbeitung des jungen Luxemburgers Tristano – Ravels „Boléro“. Auf Claude Debussys „Trois Nocturnes“ (für zwei Klaviere eingerichtet von Maurice Ravel) folgt „La Valse“, dann Tristanos „A soft shell groove“ und zum Abschluss eben das „Sacre“, von dem Adorno im Januar 1928 anlässlich einer Frankfurter Aufführung unter Clemens Krauss behauptete, es sei schnell alt geworden: „Die impressionistische Deszendenz des Elementarischen darin ist heute recht offenbar, und Scholle bleibt Scholle, auch wenn sie zu noch so massigen Erdklumpen geballt ist.“ Es herrsche darin eine „Romantik der Frühe“.

 

Der Sonntag steht im Rheingau dann ganz im Zeichen der Kinder. Gefeiert wird von 13 Uhr an auf dem Gelände des Sankt Vincenzstiftes Aulhausen. Klanginstallationen des Franzosen Etienne Favre gilt es zu bestaunen oder die Klangrohre (auch zum Hieinundwiederhinausrufensingenklatschentrommeln), die Michael Bradke gestaltet hat. Außerdem laden Toni Geiling und sein Wolkenorchester zum Mitsingen ein. Am Abend spielt im Kloster Eberbach Kit Armstrong die Goldberg-Variationen. Sein Mentor Alfred Brendel sagte über den Kalifornier, er sei die „größte musikalische Begabung“, der er in seinem Leben begegnet sei. Wer es nicht nach Eberbach schafft und dennoch die Goldberg-Variationen von einem Talent, wie es kaum ein zweites gibt, gedeutet hören möchte, muss sich bis zum 13. September gedulden und dann in die Alte Oper zu Igor Levit gehen. Und bis dahin Anna Enquists „Kontrapunkt“ (Luchterhand, 2008) lesen, oder Richard Powers‘ noch nicht ins Deutsche übertragene „The Gold Bug Variations“. Oder beides.

 

Alice Sara Ott und Francesco Tristano © Marie Staggat

Jürgen Gräßer
11.07.2015

Eure Meinung? Leserbrief verfassen