Die Junge Deutsche Philharmonie kommt nach Bamberg

Herbsttournee „Sinnsuche“ mit Jonathan Nott

Die Junge Deutsche Philharmonie kommt nach Bamberg

Auch ein lediglich kursorischer Blick auf die Liste der ehemaligen Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie und auf deren weitere Stationen macht schnell klar, dass es sich hier um einen Spitzenklangkörper mit allerhöchsten künstlerischen Ansprüchen handelt. Kein Wunder, denn sie versammelt die besten Studierenden an deutschsprachigen Musikhochschulen. Zu den Ehemaligen zählen beispielsweise Stefan Dohr, Solo-Hornist der Berliner Philharmoniker und dessen Kollege am Kontrabass, der aus dem mittelfränkischen Georgensgmünd gebürtige Peter Riegelbauer, oder der Fagottist Volker Tessmann, der seit einem Jahrzehnt an der Musikhochschule Hanns Eisler lehrt und dessen Schülerin Sophie Dartigalongue im Mai das Probespiel um die Solostelle bei den Wiener Philharmonikern gewonnen hat.

 

Auch in den Reihen der Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie finden sich einige Ex-Junge-Deutsche-Philharmoniker, etwa Christian Dibbern (2. Geige). Und zwei Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie besuchen aktuell die Joseph-Keilberth-Akademie, in welcher die Bamberger Symphoniker den Nachwuchs fördern: die Geigerin Ai Koda und der Bratscher Sebastian Steinhilber. Deren bald scheidender Chefdirigent Jonathan Nott – er wechselt 2016 zum Orchestre de la Suisse Romande – trat im Oktober 2014 in der Nachfolge von Lothar Zagrosek das Amt des Ersten Dirigenten und Künstlerischen Beraters der Jungen Deutschen Philharmonie an. Hinzu kommt, dass die Bamberger Symphoniker von diesem September an eng mit dem Nachwuchsorchester zusammenarbeiten werden. Pro Saison soll eine Probenphase an der Regnitz stattfinden und mit einem öffentlichen Konzert im Joseph-Keilberth-Saal ihren Abschluss finden.

 

Symphoniker-Intendant Marcus Rudolf Axt freut sich sehr über diese Kooperation, die nebenbei auch zur Folge hat, dass man in Bamberg endlich einmal ein zweites Spitzenorchester neben den heimischen Symphonikern wird hören können. „Es ist eine der schönsten Aufgaben unseres Orchesters“, so Axt, „dem bedeutendsten Nachwuchsorchester Deutschlands eine Plattform zu bieten. Die Junge Deutsche Philharmonie ist das wichtigste Sprungbrett in den Orchesterberuf für junge Musiker.“ Man verstehe diese Patenschaft nicht nur symbolisch, sondern wolle sie mit Inhalt füllen. „Sie wird zum herausragenden Bestandteil der Education-Projekte der Bamberger Symphoniker, die vom Kindergarten bis zur Berufsausbildung junge Menschen mit unserem Orchester verknüpfen.“

 

Vom 26. September bis zum 5. Oktober 2015 begibt sich die Junge Deutsche Philharmonie auf „Sinnsuche“ und tourt durch die großen Konzerthäuser Europas. Zwischen der Alten Oper in Frankfurt (27. September) und dem Großen Musikvereinssaal in Wien (30. September) stehen Gastspiele in den slowenischen Perlen Ljubljana und Maribor an. Zum Finale reist man am 5. Oktober nach Berlin in die Philharmonie (das Konzert wird von 20 Uhr an live in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker übertragen), der Auftakt hingegen findet in Bamberg statt, am 26. September.

 

Das Niveau der Jungen Deutschen spiegelt sich auch in den Namen der Solisten, die mit ihr konzertier(t)en. Die Pianisten Pierre-Laurent Aimard, Bernd Glemser und Kit Armstrong zum Beispiel, die Geigerinnen Julia Fischer und Carolin Widmann, die Trompeter Reinhold Friedrich und Marco Blaauw zählen dazu, auch die Komponisten Heiner Goebbels, Wolfgang Rihm und Hans Zender, und unter den Dirigenten, die am Pult des Orchesters standen, finden sich Pierre Boulez, Andrés Orozco-Estrada, Kent Nagano und Sir Neville Marriner. Solist in diesem Herbst ist einer der großen Bratscher unserer Zeit, der Franzose Antoine Tamestit.

 

1979 in Paris geboren, wurde Tamestit unter anderem bei Tabea Zimmermann ausgebildet. Ihm sind zahlreiche Auszeichnungen zuteil geworden – beispielsweise gewann er 2004 den Ersten Preis beim ARD-Wettbewerb – und dass er mit den herausragendsten Orchestern und Dirigenten arbeitet, versteht sich, etwa mit den Wiener Philharmonikern unter Ricardo Muti, mit denen er vor sieben Jahren beim Festival in Luzern sein Debut gab.

 

In Bamberg und auf Tournee wird Tamestit Sofia Gubaidulinas Konzert für Viola und Orchester von 1996 machen. Das etwa halbstündige Werk der gebürtigen Russin tatarischer Abstammung, die 1992 nach Deutschland übersiedelte, um fortwährenden Repressalien zu entkommen, ist ungewöhnlich besetzt, unter anderem mit Wagnertuben, Cembalo und üppigem Schlagzeug (darunter Glockenspiel, Marimba, Vibraphon und Xylophon). Und es beginnt ganz ungewöhnlich, nämlich mit einer Solokadenz der Bratsche.

 

Im zweiten Programmteil ist dann Bruckners Neunte zu hören, die Jonathan Nott zuletzt ja am Pult seines Nochstammorchesters einige Male, in Bamberg und andernorts, aufgeführt hat. Nach der Neunten von Gustav Mahler, die Nott und die Junge Deutsche Philharmonie auch als DVD herausgebracht haben, also eine weitere Abschiedssymphonie, diesmal dem lieben Gott gewidmet, dreisätzig und auch ohne den üblichen Finalsatz sich schon über eine Stunde hinweg erstreckend. Feierlich und auch mysteriös (Stichwort: Sinnsuche) sind Adjektive, die man mit Bruckners letzter Symphonie verbinden darf.

 

Wie Beethovens Neunte steht auch die Bruckners in d-Moll. Diese Korrespondenz ließ den Komponisten einem seiner frühen Biographen (Max Auer) gegenüber einmal sagen: „Jetzt verdrießt’s mi‘ wirkli‘, daß mir’s Thema zu meiner neuen Sinfonie grad in d-moll eingfalln is‘, weil d‘ Leut sagn wer’n: natürli‘, die ‚Neunte‘ von Bruckner muaß mit der ‚Neunten‘ von Beethoven in der gleichen Tonart stehn. Aber zruckziagn oder a nur transponiern kann i’s Thema nimma, weil’s mir eben gar so g’fallt und es sich grad in d-moll so guat macht.“ Auch dass seine Neunte nicht leicht zu spielen sein werde, gab Bruckner zu bedenken. Für die Junge Deutsche Philharmonie aber dürfte sie kein Problem darstellen, und gerade weil die Musiker noch nicht über jahrzehntelange Routine – die sich bei manchen auch in Ennui äußern mag – verfügen, weil sie noch frisch und hochmotiviert sind, sollte man sich die Konzerte nicht entgehen lassen.

 

Das Orchester mit Sitz in Frankfurt am Main wurde 1974 von Musikern ins Leben gerufen, die soeben dem Bundesjugendorchester entwachsen waren. Zu den Gründungsmitgliedern gehört Christian Dibbern. „Ich habe der Jungen Deutschen Philharmonie unendlich viel zu verdanken“, sagt der Geiger. „Die drei Jahre dort haben mich nicht nur musikalisch bereichert, sondern mein Verständnis vom Beruf des Orchestermusikers entscheidend geprägt.“ Dass er sich heute als Orchestervorstand engagiere, habe Dibbern den Impulsen aus jener (basisdemokratisch bestimmten) Zeit zu verdanken. 1977 schaffte er den Sprung von der Philharmonie zu den Bambergern.

 

„In den vier Jahrzehnten seit ihrer Gründung hat sich die Junge Deutsche Philharmonie zu einem in seiner besonderen Struktur herausragenden Orchester entwickelt“, so Dibbern weiter. Es sei naheliegend gewesen, dass die Bamberger Symphoniker fortan als Paten den jungen Musikerinnen und Musikern auf ihrem Weg in den Berufseinstieg zur Seite stünden und sie coachten: „Eine Aufgabe, auf die wir uns alle mit großem Enthusiasmus freuen.“ So sollen vorzugsweise Symphoniker die Satzproben übernehmen. Dibbern hatte es sich nicht nehmen lassen, beim Festakt zum Vierzigsten im vergangenen Oktober in der Alten Oper mitzuwirken. Das Programm bot, philharmonie-typisch innovativ, neben Bekannt-Bewährtem (Beethovens Coriolan-Ouvertüre) auch Überraschendes, etwa Conlon Nancarrows Study for Player Piano No. 7 und Luigi Nonos „A Carlo Scarpa architetto, ai suoi infiniti possibili“ (1985). Übersetzt heißt das: „Dem [venezianischen] Architekten Carlo Scarpa und seinen unendlichen Möglichkeiten“ oder, alternativ gelesen, „seinen möglichen Unendlichkeiten“.

 

Der nach nunmehr knapp über vier Dekaden noch immer frischen Jungen Deutschen Philharmonie, aus der wiederum das Ensemble Modern, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und das Freiburger Barockorchester hervorgegangen sind, wird man mögliche Unendlichkeiten wünschen wollen, wird man unendliche Möglichkeiten attestieren können. Begeistert von dieser „phantastischen Truppe“ zeigte sich jedenfalls Jonathan Nott in einem Gespräch, das er mit Vioworld führte, das auf YouTube noch zu hören ist und auf welches wir zurückgreifen müssen, weil Nott gerade derart gefragt ist, dass er in diesen Wochen keine Zeit zu einem Interview fand.

 

„Sie sind wahnsinnig begabt, sie haben sehr viel gearbeitet, sie sind neugierig“, sagt Nott über die Musiker. Und es sei ein Geschenk – Professionalität auf allerhöchstem Niveau, Flexibilität, Energiequellen – das ihm die jungen Leute machten. Dies müsse „ein fixer Bestandteil“ seines Lebens werden. Dass Nott gern mit dem Nachwuchs zusammenarbeitet, ist kein Geheimnis. So hat der Brite in diesem Jahr bereits das Jubiläumskonzert des Bayerischen Landesjugendorchesters („Petruschka“, „Till Eulenspiegel“) geleitet und stand zudem am Pult des Gustav Mahler Jugendorchesters, mit dem er auf Ostertournee ging, Mahlers Zweite im Gepäck. Durch seine Aufgabe als Erster Dirigent der Jungen Deutschen Philharmonie und durch die Patenschaft, die die Bamberger Symphoniker übernommen haben, wird Nott auch nach seinem Weggang an den Genfer See Oberfranken verbunden bleiben.

Jürgen Gräßer
27.07.2015

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