Nicht zweimal auf derselben Straße reisen

Ein Portrait des Bamberger Rezitators, Schauspielers und Verlegers Andreas Ulich

Nicht zweimal auf derselben Straße reisen

Auch wenn auf seiner Website als eine Art Lebensmotto, wie man vermuten darf, der Satz des Designers Alessandro Mendini zitiert wird: „Reise nicht zweimal auf derselben Straße!“ – eine Konstante im Leben von Andreas Ulich dürfte E.T.A. Hoffmann sein. Ulich ist, 1967, dort geboren, wo, 1822, der Schriftsteller, Komponist, Musikdirektor, Bühnenbildner, Zeichner und Musikkritiker gestorben ist: in Berlin. Hoffmann traf 1808 in Bamberg ein, Ulich war in den frühen Neunziger Jahren an die Regnitz gekommen, um über zwölf Jahre hinweg als festes Ensemblemitglied am E.T.A.-Hoffmann-Theater zu wirken.

 

Ulichs Interesse am Theater, am Schauspiel, wurde geweckt, als der Dreizehnjährige am Schillertheater seiner Heimatstadt eine Aufführung von William Shakespeares „Sommernachtstraum“ besuchte. Der im vergangenen Sommer verstorbene Horst Bollmann spielte den Handwerker Zettel (beziehungsweise den Pyramus). Dieses Erweckungserlebnis habe Ulich nie mehr wieder losgelassen. Noch nach Jahren, ja nach Jahrzehnten, habe er Bollmann und dessen Kollegen ganz deutlich vor Augen. Sie hätten sein Verständnis von Schauspiel grundlegend geprägt.

 

Nach dem Abitur machte Ulich in Berlin eine private Schauspielausbildung, die er 1992 mit der Bühnenreife abschloss. Es folgten Stationen an Theatern seiner Geburtsstadt, in Halberstadt, Quedlinburg und dann eben in Bamberg. Zu seinen wichtigsten Rollen zählt der sympathisch-bescheidene Ulich den Lysander aus dem „Sommernachtstraum“, den Leonce in Büchners Komödie „Leonce und Lena“, sodann Paul Werner, also den gewesenen Wachtmeister des Majors in Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm“ und, selbstredend, die Rolle des E.T.A. Hoffmann in „Sie sind auch kein Bamberger, wie ich höre“ (in der Regie von Rainer Lewandowski).

 

Auf dass er nicht immer, oder zu lange, auf derselben Straße reise, wechselte Ulich gemeinsam mit seiner Frau vor einem Jahrzehnt das Metier und eröffnete am Pfahlplätzchen die „Teegießerei“. Gleichwohl führte das Ehepaar diese fünf Jahre lang als einen literarischen Salon. Ulich gab oft Lesungen, und oft waren es Texte von Hoffmann, aus welchen er las. 2011 gründete er den Wortkunst Verlag, in welchem er eine eigene Hörbuch-Reihe herausbringt. Bislang erschienen sind „Don Juan“, „Kreisleriana“ und „Meister Johannes Wacht“, mithin Titel von E.T.A. Hoffmann.

 

Unter „Wortkunst“ versteht Ulich, wenn er dem Zauber der Worte, der Magie der Buchstaben verfalle. „Plötzlich werden die Worte lebendig, schütteln ihre Druckerschwärze ab und machen sich selbständig. Ich schreibe ein Wort und gebe ihm eine Bedeutung; ich spreche es aus und leihe ihm eine Stimme – meine Stimme; ich denke es – und schenke ihm somit eine Seele. Der Gedanke beflügelt das Wort und das Wort beflügelt die Gedanken. Es gibt in der Wortkunst viel zu entdecken.“

 

Den Wortkünstler Andreas Ulich kann man immer wieder erleben – beispielsweise auch in der Reihe „Kultur der Stille“, die sein Schauspielerkollege Martin Neubauer vom Brentano-Theater in der Karmelitenkirche etabliert hat. Mal liest Ulich, mal Neubauer. Zu den Texten, zu den Gedichten und Erzählungen, durch die sich als roter Faden ein wechselndes Thema zieht, improvisiert der ehemalige Bamberger Symphoniker Karlheinz Busch auf seinem Violoncello. Für Ulich gehört die „Kultur der Stille“ zu den „schönsten kulturellen Erfindungen in Bamberg“. Eine weitere symphonische Zusammenarbeit verbindet Ulich mit Eduard Resatsch, dem Cellisten der Bayerischen Staatsphilharmonie, sowie mit dessen Frau Nadine Resatsch, die an Oboe und Englischhorn im Konzerthausorchester Berlin angestellt ist.

 

Inzwischen ist Ulich auch unter die Autoren gegangen und hat eine für Kinder vom Vorschulalter an geeignete Geschichte geschrieben. „Ratze-Fatze-Rüdiger“ heißt sie und handelt von der kleinen Ratte Rüdiger, die ihre gemütliche Wohnhöhle im Konzertsaal verlassen soll. Sie kann nämlich auf ihrer Oboe nicht so laut spielen wie der Mann mit dem Violoncello. Doch Rüdigers Freund, der Hamster Caruso (ein berühmter italienischer Tenor – und Karikaturist – gleichen Namens lässt grüßen) hat einen ganz anderen Plan. Eine bunte Geschichte mit viel Musik (von Eduard Resatsch), mit der das Trio in diesem Sommer unter anderem in Gundelsheim und in der Städtischen Musikschule Bamberg zu erleben war. Bei den Bamberger Symphonikern – Bayerische Staatsphilharmonie hatte Ulich außerdem vor einigen Jahren die Rolle des Erzählers übernommen, als diese Sergei Prokofjews „Peter und der Wolf“ machten.

 

Nach dem „Teegießerei“-Intermezzo hat Ulich sich selbstständig gemacht und arbeitet als freier Schauspieler und Rezitator, als Texter, Gestalter und Wortkunst-Verleger. Man kann ihn als Vorleser, als Sprecher buchen, für festliche Gesellschaften etwa, aber auch für Zuhause in ganz privatem Rahmen. Neben E.T.A. Hoffmann zählt Ulich den Engländer Lewis Carroll („Alice im Wunderland“) zu seinem Repertoire, den Schwaben Wilhelm Hauff („Mitteilungen aus den Memoiren des Satan“), den Franzosen Cyrano de Bergerac mit seiner „Reise zum Mond“, diverse weihnachtliche Lesungen und eine mit dem Titel „Warum ich mich in eine Nachtigall verwandelt habe“: Texte verschiedener Autoren, die sich mit dem wissenschaftlich Luscinia megarhynchos geheißenen Singvogel beschäftigen. Die Auswahl ist wahrlich groß – man denke nur an Shakespeare, an John Keats, an Hans Christian Andersen, an Theodor Storm oder, tandaradei, an Walther von der Vogelweides Lied „Under der linden“, welches schließt: „schône sanc diu nahtegal“.

 

Dass Ulich bei all seiner Affinität zu E.T.A. Hoffmann immer wieder auch in dessen zweitem Bamberger Wohnhaus (und heutigem Museum) liest, versteht sich. Am Samstag, den 26. September, wird er von 20 Uhr an – anderntags bereits um 17 Uhr – aus der zweiten Abteilung der „Lebensansichten des Katers Murr“ vortragen: „Lebenserfahrungen des Jünglings – Auch ich war in Arkadien“. Der wohl berühmteste Kater der Weltliteratur kommt in die Pubertät. Er singt chromatische Liebesduette auf dem Dach, macht eine unfreiwillige Kutschfahrt und wird bedroht von dem rachedürstenden Wurstprinzip in Gestalt eines blonden Mädchens.

 

Am zweiten Oktoberwochenende, freitags und samstags jeweils von 20 Uhr an, treten zu Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ von 1816 noch Texte aus der Feder von Kleist („Über das Marionettentheater“, 1810) und von Bonaventura. „Am seidenen Faden – von Menschen und Marionetten“ sind die beiden Abende überschrieben. Sie handeln, wie Ulich sagt, von der „Aufhängung des Lebens und von der Aufhebung der Gravitation“. Er werde Philosophisches, Revolutionäres und Satirisches über Marionetten und Holzköpfe vortragen.

 

Auch wenn es noch einige Monate hin sind, soll hier doch bereits auf die November- und Dezember-Lesungen im Hoffmann-Haus hingewiesen werden. Am 21. November und tags drauf geht es weiter mit den „Lebensansichten des Katers Murr“. Nun ist das Kapitel über die Lehrmonate angesagt. Murr mausert sich vom trägen Philister-Kater zum Katz-Burschen. Er wird beim Katz-Punsch Mitglied einer schlagenden Katerverbindung und haut einigermaßen über die Schnur. Ein Duell ist somit unausweichlich. Am ersten Dezemberwochenende schließlich wird der große Märchenerzähler E.T.A. Hoffmann gewürdigt. Der Eintritt zu den Veranstaltungen im E.T.A. Hoffmann-Haus (Schillerplatz 26) ist im Übrigen frei.

 

Über die Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Schulservice Bamberg setzt der gebürtige Berliner, der sich in Bamberg sehr wohl fühlt (ob nun im Rosengarten, im Jazzkeller oder bei einem Konzert der Bamberger Symphoniker), auch „Impulse für ästhetische Bildung“. Diese Arbeit bereitet Ulich große Freude. Es ist ihm ein wichtiges Anliegen, den Schülern einen Zugang zur Literatur zu verschaffen. Dies gelingt ihm durch seine lebendige Rezitationskunst und im Gespräch über das Vorgetragene, wobei auch Informationen zum Leben der Autoren nicht fehlen. In Bamberg bietet sich naturgemäß Hoffmann an, der ja in der Domstadt zum Schreiben fand.

 

Da es Shakespeare war, der Ulich in Gestalt von Horst Bollmann sein Theatererweckungserlebnis geschenkt hat, soll noch erwähnt werden, dass das Vielfachtalent Ulich neben Lysander auch den Junker Christoph von Bleichenwang gegeben hat. „Was ihr wollt“ beginnt bekanntlich mit Herzog Orsinos Worten „If music be the food of love“. Hier treffen sich zwei Künste, die Andreas Ulich, der Schauspiel liebt und lebt, am Herzen liegen, die Musik und die Literatur. Ende September erscheint im Kleinen Buch Verlag Karlsruhe Ulichs erster Roman. Er erzählt von dem bunten Leben der Deutsch-Türkin Müge und spielt – in Berlin.

 

Weitere Informationen sind zu finden unter dem Link http://ulich-wortkunst.de.


Copyright Fotos:

Andreas Ulrich, Foto © Bamberger Wortkunstverlag

Cover „Zwei Raben“, Foto © Der Kleine Buchverlag

 

Jürgen Gräßer
27.07.2015

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