Würzburg sehnt sich alliterierend nach Wien

Bruckner, Brahms und Korngold mit dem Philharmonischen Orchester

Würzburg sehnt sich alliterierend nach Wien

 Nun ist sie vorbei, die, sieht man von Festspielen und Freiluftkonzerten ab, doch recht stille Zeit des Sommers. So auch in Würzburg. Am kommenden Donnerstag, den 1. Oktober, sowie tags drauf, eröffnet das Philharmonische Orchester im Großen Haus des Mainfrankentheaters unter dem Motto „SEHNsucht“ seine Sinfoniekonzert-Aboreihe. Am Pult steht, wie sich das zu einem solchen Anlass schickt, Generalmusikdirektor Enrico Calesso, Solist des Abends ist Dimiter Ivanov, und die Komponisten – allesamt mit Wien (für den ein oder anderen von uns durchaus ein Sehnsuchtsort) verbunden – hören auf die Namen Bruckner, Korngold und Brahms.

 

Sagenumwoben ist das Auftaktwerk, sagenumwoben insofern, als die exakte Autorschaft, die genaue Provenienz von (womöglich) Anton Bruckners Symphonischem Präludium nicht wirklich geklärt worden, zumindest aber umstritten ist. Das Symphonische Präludium wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Nachlass von Rudolf Krzyzanowski entdeckt, der, unter anderem, gemeinsam mit Gustav Mahler den Klavierauszug von Bruckners Dritter Symphonie anzufertigen hatte. Manche (Musik-)Wissenschaftler schreiben das Werk Krzyzanowski selbst zu, andere plädieren für Hans Rott, wieder andere – darunter die Mahler-Koryphäe Donald Mitchell – sind sich nahezu gewiss, dass es eben Mahler war, der dieses Werk in seinem ersten Wiener Jahr, also 1876, zu Papier gebracht hat. Wie auch immer: Man gehe ins Konzert, höre, genieße und staune.

 

Auch über das virtuose Geigenspiel von Dimiter Ivanov, denn wer sich an Erich Wolfgang Korngolds Konzert für Violine und Orchester in D-Dur op. 35 wagt, der sollte, neben feiner Musikalität, über eine stupende Technik verfügen. Denn obgleich es an sogar schwelgerischem Melos keinesfalls arm ist und sich auch der Filmmusik bedient (Korngold hat unter anderem die mit einem Oscar bedachte Musik zu „The Adventures of Robin Hood“, zu „The Prince and the Pauper“ und zu „The Sea Wolf“ komponiert), werden dem Solisten, der Solistin – Anne-Sophie Mutter spielt das op. 35 häufig, auch Hilary Hahn macht es gern – Spiccati und Doppelgriffe abverlangt, Flageoletts im hohen Register, Col-Legno-Spiel und Springbogen. Für Jascha Heifetz freilich, dem das Werk dediziert ist und der es 1937 uraufführte, kein Problem.

 

Dimiter Ivanov haben die Würzburger noch von der „Italienischen Nacht“ 2008, im Kaisersaal der Residenz, im Ohr, und auch das Dvorák-Konzert hat er bereits mit dem Philharmonischen Orchester gemacht. Ivanov, 1978 im bulgarischen Sofia geboren, wuchs in Würzburg auf, studierte dort und an der ganz arg renommierten Indiana University in Bloomington sowie an der Hanns-Eisler-Musikhochschule. Meisterkurse führten ihn zu Thomas Brandis, Rainer Kussmaul, zu dem langjährigen Knzertmeister der Bamberger Symphoniker, also zu Walter Forchert, und zu Gidon Kremer. Seit 2008 ist er Erster Konzertmeister des Opern- und Museumsorchesters Frankfurt.

 

Nach der Pause dann Brahms. Über den sagte übrigens Bruckner (die beiden mochten sich nicht): „Wer sich durch die Musik beruhigen will, der wird der Musik von Brahms anhängen; wer dagegen von der Musik gepackt werden will“ – und Bruckner dachte da durchaus auch an seine eigene – „der kann von jener nicht befriedigt werden.“ Da uns ja womöglich bereits das von Bruckner oder wem auch immer stammende Symphonische Präludium gepackt haben mag, gewiss aber Korngolds Violinkonzert, lehnen wir uns gern entspannt zurück und lauschen, spätestens im dritten Satz der Dritten, die Brahms im Sommer 1883 in Wiesbaden schrieb, mithin im Poco Allegretto, diesem so sehnsuchtsvollen wie melancholischen wie schlicht hinreißenden – tatsächlich auch (Bruckner wird das nicht so gern hören wollen) überaus beruhigenden – Hornsolo, Takt 98 und folgende, also bei der Reprise, obgleich das Thema ja, in den Celli, mezzo voce, bereits vom ersten Takt an dieses Nicht-Scherzos erklingt, piano, espressivo, c-moll, legato und, da punktiert sich im Dreiachteltakt hin und her wiegend, mit einem seligmachenden Rhythmus geschmückt. Die Oboe nimmt die Melodie auf und führt sie dann endgültig in den brahmsschen Klangwunderhimmel hinauf.

 

Nur am Rande sei noch erwähnt, dass dieses wahrhaft dem Herbsthimmel nahe Poco Allegretto viele Male Eingang gefunden hat in die Populärkultur, beispielsweise 1961 in „Aimez-vous Brahms“ (Regie: Anatole Litvak), bereits anderthalb Jahrzehnte zuvor in den Film noir „Undercurrent“ mit Katharine Hepburn, Robert Taylor und Robert Mitchum, 2013 dann in John Krokidas‘ Beat-Gerneration-Film „Kill Your Darlings“, und auch in Fred Waltons „The Rosary Murders“ (1987, mit Donald Sutherland). Weiters höre man sich einmal Frank Sinatras „Take My Love“ von 1951 an, oder Carlos Santana („Love of My Life“, 1999), Serge Gainsbourg („Baby Alone in Babylone“, 1983, gesungen von Jane Birkin), schließlich den Rapper Eric XL Singleton mit „When She’s Gone“ (1997). Genug, genug. Ohne, für das eine Mal, Da capo.

 

Dimiter Ivanov, Foto © Petra Winkelhardt

Jürgen Gräßer
28.09.2015

Eure Meinung? Leserbrief verfassen