Ein Hauptgebiet der Verfolgung vermeintlicher Hexen

Ein Interview mit dem oberfränkischen Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold

Ein Hauptgebiet der Verfolgung vermeintlicher Hexen

Der oberfränkische Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold im Gespräch über die Hexenverfolgungen in Zeil und Bamberg, hartnäckige Vorurteile und die Aufarbeitung eines dunklen Geschichtskapitels.

ART. 5|III: Welche Bedeutung spielte Zeil bei den Hexenverfolgungen im Hochstift Bamberg?

Prof. Dr. Günter Dippold: Zeil spielte eine traurige Hauptrolle in dieser Tragödie. In den beiden großen Verfolgungswellen von 1616 bis 1619 und 1626 bis 1630/32 war Zeil am stärksten betroffen: Hier gab es die meisten Opfer, hier fanden die meisten Hinrichtungen statt, hier wurden sogar Menschen aus Bamberg inhaftiert, gefoltert und ermordet.

 

ART. 5|III: Wie lassen sich die Bamberger Verfolgungswellen im europäischen Kontext einordnen? Gehörten sie mit zu den größten Verfolgungen?

Prof. Dippold: Der deutschsprachige Raum ragte innerhalb Europas bei der Zahl der Hexereiprozesse heraus, und innerhalb Deutschlands war das Fürstbistum Bamberg eine der Regionen, in denen die Verfolger am schlimmsten wüteten. Es gibt zwar noch stärker betroffene Gebiete – am ärgsten wohl die kleine Grafschaft Vaduz –, aber Bamberg mit seinen wohl rund 900 Opfern war neben Köln, Würzburg und Eichstätt oder auch der Grafschaft Henneberg ein Hauptgebiet der Verfolgung vermeintlicher Hexen.

 

ART. 5|III: Was war das Außergewöhnliche bei den Hexenverfolgungen in Zeil und Bamberg?

Prof. Dippold: Die erste, kleinere Verfolgungswelle bewegte sich in konventionellen Bahnen. Die zweite Welle unter Fürstbischof Johann Georg Fuchs von Dornheim war planmäßig angelegt. Die Juristen der Bamberger Regierung, die die Durchführung massenhafter Hexereiprozesse befürworteten, taten alles, um die Verfolgung zu beschleunigen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Es ist zwar nicht einmalig, aber doch sehr ungewöhnlich, dass in Bamberg ein eigenes Gefängnis für die Beschuldigten errichtet wurde und dass in Zeil vor der Stadt ein steinerner Rundbau errichtet wurde, auf dem die vermeintlichen Hexen und Zauberer geköpft wurden; dann warf man ihre Leichen durch eine Tür ins Innere des Bauwerks und schürte darunter Feuer, um die Körper der Hingerichteten in diesem Krematorium holzsparend zu verbrennen. Für das Sondergefängnis und diese Verbrennungsanlage gibt es, wenn überhaupt, nur sehr wenige Parallelen.

 

ART. 5|III: Sie werden im November einen Vortrag zum Beginn der Hexenverfolgungswelle 1616 halten und beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit dem Thema. Hat sich die öffentliche Wahrnehmung des Themas in den vergangenen Jahren geändert? Und welche Vorurteile halten sich bis heute hartnäckig?

Prof. Dippold: Das Interesse an diesem Thema ist ungebrochen groß – zu Recht. Und das Allgemeinwissen wächst. Allerdings bestehen in der Tat noch alte Vorurteile – und von mancher Seite werden sie leider weiter geschürt. Die wichtigsten Mythen sind meines Erachtens: Das erste Vorurteil: Die katholische Kirche bzw. die Inquisition führte die Prozesse durch. – Nein, wo die Inquisition wirklich Einfluss hatte, in Spanien und Mittelitalien, gab es kaum Hexereiprozesse. Die weltliche Gewalt führte die Prozesse durch, und zwar in evangelischen Ländern ebenso wie in katholischen. Mecklenburg, Sachsen-Coburg und die Grafschaft Henneberg waren Regionen mit sehr vielen Hinrichtungen wegen Hexerei. Nach dem Coburger Herzog, der angebliche Hexen verbrennen ließ, heißt bis heute das von ihm gegründete Gymnasium. Das zweite Vorurteil: Die Opfer waren nur Frauen. Mit ihnen sollten heilkundige Frauen vernichtet werden. – Nein, auch Männer fielen den Prozesswellen zum Opfer – in Zeil war rund ein Drittel der Opfer männlich –, in manchen Regionen selbst Kinder. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Hingerichteten irgendwelche Auffälligkeiten hatten; die Verfolgung traf Junge wie Alte, Reiche wie Arme. Jede Frau und jeder Mann konnte in den falschen Verdacht kommen, mit dem Teufel im Bund zu stehen und Hexerei verübt zu haben. Das dritte Vorurteil: Die Hexereiprozesse fanden im finsteren Mittelalter statt. – Tatsächlich fanden die großen Prozesswellen erst zwischen 1580 und 1670 statt. In Bamberg datiert die erste Hinrichtung 1594 und die letzte 1673. Das war die Neuzeit.

 

ART. 5|III: Bereits 2011 wurde der Zeiler Hexenturm eröffnet. Bamberg hat bislang nur ein Mahnmal erhalten. Welche Bedeutung hat das Zeiler Museum für die Aufbereitung des Themas?

Prof. Dippold: Ich finde, in Bamberg beschäftigt man sich schon sehr lange – nämlich seit den 1830er Jahren – mit diesem historischen Thema. In der offiziellen Festschrift zum 1000jährigen Bistumsjubiläum ist ein längerer Artikel über die Hexereiprozesse enthalten. Die Stadt hat vor wenigen Jahren eine Themenwoche mit Vorträgen und Lesungen durchgeführt. Jetzt ist neuerdings das Mahnmal entstanden, das eine angemessene Würde ausstrahlt. Ich finde, so wenig ist das nicht.
In Zeil führt einen diese Dokumentation „Hexenturm“ an einen authentischen Ort, der dort eben erhalten ist: den Stadtturm, in dem Angeklagte gefangen lagen. Man sieht das Angstloch, durch das sie in ihr Verließ hinabgelassen wurden. Das berührt den heutigen Betrachter. Und zuvor erhält er einerseits seriöse Information zum Thema, andererseits sollen drei Räume zumal dem Einzelbesucher eine beklemmende Atmosphäre vermitteln, wie sie im frühen 17. Jahrhundert herrschte. Sie lehnen sich an die berühmten Sätze aus dem Brief des gefangenen Bamberger Bürgermeisters Johannes Junius an seine Tochter an: ,Unschuldig bin ich in das Gefängnis kommen, unschuldig bin ich gemartert worden, unschuldig muss ich sterben.‘ Es geht also darum, wie jemand in die Mühlen der Hexenjustiz geriet und wie unausweichlich für ihn Folter, erzwungene Beschuldigung anderer und Tod durch die Hand des Henkers folgten.

 

Copyright Foto:
Prof. Dr. Günter Dippold, Copyright: ProMedia, Bad Staffelstein

 

Frank Gundermann
25.05.2016

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