Ein Festival mit Superstars und ambitioniertem Nachwuchs

26. Wendelsteiner Jazz & Blues Festival

Ein Festival mit Superstars und ambitioniertem Nachwuchs

Und schon wieder ist ein Jahr ins Land gezogen und die Stars der Jazz- und Bluesszene geben sich die Klinke erneut in die Hand: Zwischen 26. April und 1. Mai steht das 26. Wendelsteiner Jazz & Blues Festival in den Kalenderblättern der Musikfreunde. Und die dürfen sich, fast müßig zu erwähnen, einmal mehr auf ein Stelldichein von Superstars und begnadeter Geheimtipps der vermeintlich zweiten Reihe freuen.

Der Auftakt ist dabei einer, der an Glanz nur schwerlich zu übertreffen ist. Lisa Stansfield gibt sich die Ehre und eröffnet das Festival an der Seite der nicht minder spektakuläreren Judith Hill. Sie ist dem Massenpublikum wohl nicht ganz so geläufig wie die Stansfield. Dafür in Insiderkreisen umso mehr. Die Funk- und Soulsängerin sorgte einst für Schlagzeilen, als sie auf der Trauerfeier zu Ehren von Michael Jackson dessen „Heal the world“ in brillanter Art und Weise performte und damit vor einem Milliardenpublikum vor den Fernsehern aus einem traurigen Anlass heraus selbst zu einem Star erwuchs. Nicht der einzige, der sie auf ihrem Weg begleitete: Bis zu dessen tragischem Tod 2014 war sie einige Jahre mit Funkikone Prince liiert. Jetzt darf sie Lisa Stansfield auf der Bühne begleiten. Die vielleicht weißeste Bluesstimme Englands startete vor inzwischen über 30 Jahren eine imposante Weltkarriere, legte mit „All around the world“ einen absoluten Chartbreaker hin, der ihr sämtliche Türen im Business öffnete. Und die 53-jährige stieß diese Türen nicht zu. Unzählige Preise säumen den Weg Stansfields, die immer wieder auch gefeierte Singleauskopplungen hatte und seit jeher als grenzüberschreitende Sängerin mit der samtweichen und doch so tiefen Stimme überzeugt.

Nicht minder grandios wird es einen Tag später in der Eventhalle. Mit Stanley Clarke gibt sich einer der ganz Großen der Jazzszene die Ehre. Er, so etwas wie eine lebende Legende, wird zusammen mit Manu Dibango die Halle zum Glühen bringen. Dabei ist es erneut so, dass der Supportact für sich schon das Eintrittsgeld wert wäre. Dibango, der in diesem Jahr sein 85. Wiegenfest feiern darf, gilt als einer der absoluten afrikanischen Musiküberflieger des Popbereiches. Mit „Soul Makossa“ landete er 1973 seinen großen Hit – ein B-Seiten-Song der offiziellen Hymne für den African Nations Cup. In Wendelstein hat er, ebenso wie Lisa Stansfield übrigens, eine neue Scheibe im Gepäck. Preisüberhäuft. Anders kann man Stanley Clarke kaum beschreiben. Der E-Basser galt und gilt seit 40 Jahren als einer der unumstrittenen Wegbereiter im Jazz-Segment. In seiner über 45-jährigen Karriere hat er unter anderem mit Quincy Jones, Stan Getz, Art Blakey, Paul McCartney, Jeff Beck, Keith Richards, Aretha Franklin, Stevie Wonder, Chaka Khan, The Police und Herbie Hancock zusammengearbeitet, ist im Fusion-Bereich ein nicht mehr wegzudenkendes kreatives Element der Branche. Man darf Großes erwarten an diesem Abend: Auch auf der Bühne zeigt Clarke mit seiner beeindruckenden Slaptechnik immer wieder Überraschendes. Aber alles andere als Erwartbares.

Der Abschluss der Stars in der Eventarena ist Tom Gaebel vorbehalten. Er, neben Roger Cicero und Till Brönner der Star der deutschen Swingszene, hat sich längst einen Namen gemacht. Und zwar auch außerhalb Deutschlands. „Dr. Swing“, wie er liebevoll genannt wird, ist als Entertainer und Sänger einer der führenden Vokalisten hierzulande. Der siebenfache Jazz-Award-Gewinner lässt die Zuhörer in frühere Sphären schweben. Rhythmisch und mit fein ausgefeilten Arrangements verzaubert Gaebel seine Anhänger immer wieder – dank seiner glockenklaren, tiefen Stimme entführt er in scheinbar vergangene Sinatra-Zeiten und wird dafür von der Szene und der Presse gleichermaßen gefeiert.

Doch Wendelstein wäre nicht Wendelstein, würden Macherin Andrea Söllner und ihre Mitstreiter nicht unzähligen Akteuren aus der vermeintlich zweiten Reihe eine Plattform bieten. Drei Tage lang performen Sänger, Sängerinnen und Kombos, denen der ganz große Erfolg bislang verwehrt blieb. Es wäre nicht das erste Mal, dass einer dieser Acts nach einem Auftritt in der Jegelscheune, dem Jugendtreff „downstairs“, dem Casa de La Trova oder der Kirche St. Nikolaus den großen Wurf landet und aus dem Schatten der Granden des Geschäftes hervortritt und selbst zwei Absätze weiter oben Erwähnung finden würde.

Spektakulär wird es auch am finalen Tag. So Wettergott Petrus ein Herz für Wendelstein beweist. Der Maifeiertag ist traditioneller Open-Air-Tag – tanzen statt wandern steht dann auf dem Programm. Bei freiem Eintritt treten im Wendelsteiner Altort The Mojo Six (Traditioneller Jazz, Boogie Woogie), Charles Pasi (Harmonica-Blues) und Pho Queue (Seventies Funk) auf, bevor am Abend das Tim Althoff Quintett das Festival mit ihrem Gig in der Jegelscheune würdig beschließen und die Vorfreude auf Nummer 27 des Szene-Dauerbrenners in dem schmucken mittelfränkischen Kleinod beginnen kann.

Copyright Fotos:

Lisa Stansfield, Foto © Ian Devaney

Judith Hill, Foto © Joe Lemke

Andreas Bär
08.04.2019

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