Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

Buchmacher und Experten lagen richtig

Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

 Eine überraschende Entscheidung ist dies nun nicht. Die von dem in London beheimateten Wettbüro Ladbrokes, mithin dem größten Buchmacher der Welt, geführte Liste der möglichen Literaturnobelpreiskandidaten sah in diesem Jahr Swetlana Alexijewitsch ganz vorn, und auch unter Experten wurde die Weißrussin arg hoch gehandelt: nämlich an erster Stelle. Außerdem wird sie, wie so viele ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger, bei Hanser verlegt. Hinzu kam noch, dass sich die schwedische Literaturwissenschaftlerin Sara Danius, die seit dem vergangenen Jahr dem Auswahlgremium angehört und seit wenigen Monaten dessen Vorsitz innehat, explizit eine Frau als Ausgezeichnete wünschte. Die Schwedische Akademie würdigte mit ihrer Bekanntgabe am frühen Donnerstagnachmittag in Stockholm die inzwischen siebenundsechzigjährige Alexijewitsch für ihr „vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“.

 

Ihre (dokumentarische) Art zu schreiben, die sie während ihrer Arbeit als Reporterin entwickelte, bezeichnet die 1948 in der Ukraine Geborene und in Weißrussland Aufgewachsene als einen „Roman in Stimmen“. Es sind die Stimmen von Zeitzeugen, die sie einfängt. Damit betreibt die frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin etwas, was Historiker „Oral History“ nennen. Die Akademie sprach von einer Methode, die darauf abziele, „durch eine Collage von menschlichen Stimmen unsere Kenntnis einer historischen Epoche zu vertiefen“. Alexijewitschs Schaffen, so die Jury weiter, setze dem Leiden und dem Mut unserer Zeit ein Denkmal.

 

Erneut trifft die mit acht Millionen Schwedischen Kronen einhergehende Würdigung eine Autorin, einen Autoren, deren Bücher hierzulande im Hanser Verlag erscheinen. So zum Beispiel zuletzt „Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg“ (2014), im Jahr zuvor die Dokumentation „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, in welcher Frauen, die im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gekämpft haben, zu Wort kommen, sodann „Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen“, gleichfalls 2014 herausgekommen, und bereits 2013 der Band „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“, der die gesellschaftlichen Umwälzungen im postsowjetischen Russland schildert. Sämtliche Bücher wurden ins Deutsche übertragen von Ganna-Maria Braungardt, die „Zinkjungen“ gemeinsam mit Ingeborg Kolinko. Die Taschenbuchausgaben sind bei Suhrkamp zu haben.

 

In einer ersten (telefonischen) Stellungnahme sagte Alexijewitsch, dass es eine Ehre sei, nun in einer Reihe mit großen Schriftstellern wie Boris Pasternak – Leo Tolstoi ist der Preis nie zuerkannt worden, genauso wenig wie beispielsweise Proust und Joyce, Borges und Nabokov, Virginia Woolf, Wystan Hugh Auden, Primo Levi, Chinua Achebe und John Updike – zu stehen: „Das ist ganz groß, diesen Preis zu bekommen.“ Hanser-Verleger Jo Lendle freute sich darüber, dass man mit Alexijewitsch gerade jetzt die Richtige getroffen habe. Sie helfe den Lesern, das Erbe der Sowjetunion besser zu verstehen in einem Moment, in dem der Westen zusehends den Eindruck habe, Russland und den Osten immer weniger zu verstehen. Alexijewitschs Kunst, die großen Konflikte der Politik in Einzelschicksalen sichtbar zu machen, habe ihm, Lendle, die Augen geöffnet.

 

Zu Alexijewitschs vorausgegangenen Auszeichnungen zählen der Tucholsky-Preis des schwedischen P.E.N. 1996, zwei Jahre darauf der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, 2001 der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück, weiters der US-amerikanische National Book Critics Circle Award 2005 für ihre Arbeit über Tschernobyl, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2013 und in jenem Jahr zudem der in Paris vergebene Prix Médicis essai. Christa Schuenke, die geschätzte Übersetzerin etwa der Sonette Shakespeares, von William Butler Yeats, also dem Literaturnobelpreisträger von 1923, von dem mit Yeats augenreimenden John Keats und von vielen (im Übrigen sehr zu empfehlenden) Romanen aus der Feder des Iren John Banville, der in diesem Jahr den im Titel sich vermutlich auf ein Gedicht von Wallace Stevens (sowie auf ein Gemälde Pablo Picassos und auf die dem großen Julian Bream dedizierte Gitarrensonate von Michael Tippett, komponiert 1983) beziehenden Roman „The Blue Guitar“ vorgelegt hat, Christa Schuenke mithin, der wir herzlich für die 2009 bei einer Lesung im Berliner Georg-Büchner-Buchladen entstandenen Fotos danken, äußerte sich so zur Nobelpreisauszeichnung: „Herzlichen Glückwunsch, liebe Swetlana. Du hast den Preis wahrlich verdient. Meine Freude ist groß.“

 

Dem ist nun weiter kaum etwas hinzuzufügen. Doch wir wollen noch erinnern daran, dass zu den Favoriten 2015 auch Peter Handke und, wie so oft, Philip Roth zählten. Zudem wurden Haruki Murakami, Jon Fosse, Adonis, der Albaner Ismael Kadare, die auf Guadeloupe geborene Maryse Condé und Joyce Carol Oates auf den vorderen Rängen gehandelt. Zu den ewigen Anwärtern gehören weiters Thomas Pynchon und Salman Rushdie, Ian McEwan und Margaret Atwood, Cees Nooteboom und Amos Oz, Bob Dylan und Milan Kundera.

 

Auch der Name Uwe Tellkamp war im Vorfeld gefallen, und der FAZ-Kritiker und Comic-Kenner Andreas Platthaus schrieb sogar, dass Ulrich Holbein – seit einigen Jahren ein vollbärtiges vertrautes Gesicht im Bamberger Stadtbild und ehemals, ganz wie Herta Müller, Gast im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia – in diesem Jahr bei den britischen Buchmachern gefehlt habe, obgleich Holbein doch ehemals „zuverlässig auf hinteren Rängen zwischen Umberto Eco, Richard Ford oder Michel Tournier zu finden war“. Holbein diesen Preis zukommen zu lassen – das nun wäre doch ein echter Coup gewesen. Und wir hätten unserem Freund Ulrich, der, obgleich unermüdlich lesend, recherchierend und schreibend, alles andere als in Geld schwimmt, die Auszeichnung gegönnt. Und raten zur Lektüre der Bücher Swetlana Alexijewitschs. Sowie von Holbeins „Narratorium“.

 

Swetlana Alexijewitsch, Foto © Christa Schuenke

Hamid Skif, Swetlana Alexijewitsch, Ganna-Maria Braungardt und auf dem Foto zwischen dem 2011 verstorbenen algerischen Autor und der Nobelpreisträgerin von 2015: Juli Zeh, Foto © Christa Schuenke

Jürgen Gräßer
08.10.2015

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