Interkulturell, aber Derb

Kabarettist Urban Priol kommt nach Bamberg

Interkulturell, aber Derb

 Er ist einer derer, die das Kabarettfach auf ein neues Level hievten: Urban Priol. Intellektuell, aber derb. Subtil, aber doch in seiner Direktheit kaum zu überbieten. Der gebürtige Unterfranke ist der deutsche Kabarettist, der die Klatsch- und Feuilletonpresse der Republik spaltet wie kaum ein Zweiter. Man liebt ihn oder man hasst ihn. Sein Publikum liebt ihn. Und es kann sich davon am 7. November in der Hofer Freiheitshalle wieder einmal leibhaftig davon überzeugen, dass Priol den Spagat zwischen klischeehafter Dumpfbackenparolen und scharfzüngiger Kritik der Herrschenden in all seiner Perfektion verinnerlicht hat.

 

„Jetzt“ taufte er sein neues Programm schlicht und ergreifend. „Jetzt“ - das könnte ein Seitenhieb auf das längst Kult gewordene Magazin der Süddeutschen Zeitung sein. Schließlich gilt die SZ als Chefkritiker des Chefkritikers Priol. Kaum ein gutes Haar lassen die Macher der renommiertesten deutschen Tageszeitung zuletzt an dem Aschaffenburger. „Wenn man Priol nun einen kleinen Schubs gäbe, er würde fliegen und fliegen und fliegen durch das All. Bis in weit entfernte Galaxien. Wo er verstummte. Man sähe nur noch, unendlich einsam und weit entfernt im Nichts der Sterne: den Haarkranz eines Clowns. Wie traurig, trist und öde. Schön eigentlich“, schrieben die Feuilletonisten nach dem Bildschirmcomeback Priols beim kurz darauf schon eingestampften Format „Das All“ über Urban Priol. Vermutlich las er die Zeilen und schmunzelte inner- oder gar äußerlich. Schließlich - und da unterscheiden sich die Süddeutsche und das gewöhnliche fränkisch-deutsche Kabarett-Publikum in etwa so wie Barack Obama und Angela Merkel äußerlich - wollen die Freunde seines Humors genau diese Trivialität und sensenartige Pointen hören. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und sind wir ehrlich: Wer ergötzte sich einst nicht an den glorreichen Auftritten des unterfränkischen Duos Priol und Barwasser im ZDF-Dauerbrenner „Die Anstalt“?

 

Priol ist ein Mann von Worten und Orten - sei es die Psychiatrie in der Anstalt oder das Raumschiff beim jüngst aus der Taufe gehobenen und ebenso schnell wieder eingestampften Format „Das All“. Vor allem, das zeigte sich zuletzt immer deutlicher, ist Priol aber ein Mann der Kleinkunst- und größeren Bühnen. Mit seiner Frisur, die an ein Meerschweinchen auf Starkstrom erinnert, seinen knallbunten Hawaiihemden, die man in Deutschland längst der Vergangenheit zurechnete und seiner hyperaktiven Bühnenpräsenz war er von Beginn an geschaffen dafür, ein größeres Publikum zu unterhalten. Weniger wie die Barths, Nuhrs und Co. - vielmehr als eine Mischung aus Fredl Fesl, Gerhard Polt und Dieter Hildebrandt. Nur anders. Schonungslos scharfzüngig wie Hildebrandt, trocken wie Fesl und einfach wie Polt - eine Kombination, die beim Publikum greift. Schließlich ist Priols Maxime die des in den Köpfen der Leute ankommenden Kabarettisten. Er will nicht nur erziehen, er will nachhaltig in den Gehirnen der Menschen verankert bleiben. Mit Sätzen, die sich einbrennen, die in der Diskussionskultur mit Ewiggestrigen einschlagen wie Peitschenhiebe. Und: Er will sich seine Aktualität bewahren. „Die Geschwindigkeit, mit der sich Sachen ändern, ist momentan brutal“ hat er kürzlich in einem Interview mit der Südwestpresse in Ulm festgestellt. In seinem „Jetzt“-Programm hat er sich den tagesaktuellen Themen (mit-)verschrien. Man darf gespannt sein, wie sein inzwischen seit zwei Jahren laufendes Bühnenprogramm fortgeschrieben ist. „Dieses Land jammert sich kaputt, verjuxt aber die Rente bei Neun Live“, kritisierte Priol schon 2006 die deutsche Mentalität in aller Deutlichkeit. Jetzt darf man anmerken, dass 2006 in Zeiten des WM-Sommermärchens eines der Jahre war, in denen eine Vielzahl deutscher Bürger beste Laune in die Weltöffentlichkeit trug. Asylbewerberfluten, Merkel-Bashing und all die aktuellen Probleme in der Republik existierten weiland quasi nicht. Ob der deutlichen Worte an eine Gute-Laune-Spaß-Gesellschaft damals darf man gespannt sein, wie scharfzüngig Priol aktuell agiert. Denn eines ist klar: Nicht nur die Politik, auch die Bürgerschaft des Landes und die Weltbevölkerung und -Politik kommt beim unterfränkischen Struwwelpeter nicht ungeschoren davon. Er, der einst seine politischen Botschaften in aller Deutlichkeit nach außen posaunte, hatte zwischenzeitlich einen laissez-faireren Stil gepflegt. „Du erreichst deinen Patienten nur, wenn er mitspielt“ offenbarte er einst in einem Interview. Der Blick auf Deutschlands Straßen 2015 lässt erahnen, dass der Patient nicht mitspielt. Was für Priols Bühnenshow durchaus seine Vorteile haben könnte. Schließlich war es der intellektuell scharfzüngige Touch, der ihn vor Jahren schon aus den Kleinkunstbühnen heraus in die großen Arenen der Republik und über die Fernsehschirme spülte. Seit er sich von den Fernsehschirmen immer weiter entfernt, legt er seinen Fokus wieder dorthin, wo er herkommt: Auf die Bühnen der Republik. Dort findet er, was er sucht: Das geliebte Kleinkunstpublikum, verstärkt mit Menschen, die eine scharfe Zunge und derbe Witze aus dem Mund eines Einzelnen schätzen.

 

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Kabarettist Urban Priol, Foto © Pressefoto

Andreas Bär
09.10.2015

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