Zukunftswerkstatt und Ort des Staunens

Freie Theaterszene in Franken – Eine Umschau (II)

Zukunftswerkstatt und Ort des Staunens

 Das Junge Theater Forchheim, bekannt unter dem Kürzel jtf, leistet auf ehrenamtlicher Basis das, was in größeren Städten nur in professionellen Rahmenbedingungen realisiert werden kann: in einer Kleinstadt mit circa 30 000 Einwohnern ein buntes Spektrum kultureller und gesellschaftlicher Veranstaltungen anzubieten bzw. zu initiieren. Und das, obwohl Forchheim von zwei nahe gelegenen Städten mit hohem kulturellem Anspruch, nämlich Bamberg und Erlangen, quasi „eingerahmt“ wird. Natürlich liegt ein Schwerpunkt – nomen est omen – auf der Theaterarbeit. Hier gibt es die Möglichkeit, mitspielend im Vordergrund zu stehen, im Hintergrund unterstützend tätig zu sein oder auch nur durch einfache Mitgliedschaft den Theaterverein ideell und finanziell zu unterstützen. Besonders wichtig ist der „Hintergrund“ beim jtf: als Techniker für guten Ton und stimmungsvolles Licht sorgen, als Kulissenbauer mitwirken, das Thekenteam verstärken, bei Maske und Bühnenbild mitarbeiten usf. Das jtf bietet ein breites Spektrum an, natürlich mit dem Akzent auf der so genannten Kleinkunst, die oft genug eine große ist: Musik-, Kabarett-, Theater- und Variété-Veranstaltungen. Zwar gibt es ein Einladungsprogramm, doch ein Theater ohne Eigenproduktionen ist für das jtf undenkbar. Seit der Gründung des Vereins gehören die hauseigenen Ensembles (Chor- und Schauspielgruppen) zum Forchheimer Kulturleben!

Zu den Veranstaltungsformen, neudeutsch: den „Formaten“, des jtf gehören u.a. das „Offene Podium“, „Donnerwetter Variété“, „Jazz in‘ Forchheim“ oder „Partytime“, aber auch zyklisch wiederkehrende kleinere Spartenfestivals wie die „Forchheimer Puppentheatertage“ oder das „ZirkArt-Festival“. Bei Letzterem wurde die Forchheimer Altstadt 2014 zu einem Ort des Staunens und Lachens, und im September 2016 wird man abermals den Beweis zu erbringen versuchen, dass Theater und Zirkus im öffentlichen Raum gut zueinander passen. Die „Partytime“ verwandelt an sechs Abenden im Jahr das jtf in eine Konzertbühne für regionale Rockmusik, während „Jazz in‘ Forchheim“ der geneigten Bevölkerung allmonatlich eindrückliche Konzerte mit regionalen Größen des Genres bietet und darüber hinaus überregional oder sogar international bekannte Jazzkombos präsentiert. Beim „Donnerwetter Variété“ sind zweimal im Jahr Artisten, Jongleure und Zauberer zu Gast in Forchheim – auch diese Show ist ein kurzweiliges Erlebnis! Das „Offene Podium“ schließlich widmet sich eher kuriosen oder frechen Kurzbeiträgen mit oft improvisatorischem Charakter. Die Macher von jtf bezeichnen es mit leicht ironischem Unterton als „multimedialkulturellinterfraktionelles Entertainment“...

„Vom Leben ein Stück“ abbekommen, vor allem für Kinder, will seit nunmehr 30 Jahren das Nürnberger Theater Pfütze. Als 1986 vier hoch motivierte Studentinnen ein Ensemble gründeten mit dem Ziel, überraschendes Theater für Kinder und Erwachsene zu machen, hätten sie wohl kaum gedacht, dass eines Tages aus dem eher mobilen Projekt der Anfangsjahre ein Theater mit eigener Spielstätte an zentraler Stelle werden würde. „Pfütze“ hatten es die Gründerinnen genannt, „weil Kinder Pfützen lieben und weil sich in einer Pfütze die ganze Welt spiegelt“. Der künstlerische Durchbruch gelang dem mobilen Theater 1992 mit „Flammenpflücker“ und der darauf folgenden Einladung zum Berliner Kinder- und Jugendtheatertreffen. Das Team spezialisierte sich dann auf die Dramatisierung bekannter Kinderromane, z.B. „Der kleine Prinz“ oder „Lippels Traum“. Eine erste Spielstätte wurde 1997 in Nürnberg-Gostenhof eingerichtet, doch 10 Jahre später konnte dank unternehmerischer Initiative (Gerd Schmelzer ist hier zu nennen sowie eine Reihe von privaten Spendern und Sponsoren) ein Neubau in den Sebalder Höfen bezogen werden. Aufgrund seiner qualitätvollen Arbeit und seiner Beständigkeit ist es dem Theater gelungen, starke Partner für Kooperationen zu finden. Darunter sind zu nennen das Stadttheater Fürth, das Nürnberger Staatstheater, die Nürnberger Symphoniker und das ensembleKONTRASTE. Mittlerweile kann das Haus als etabliertes Zweispartentheater gelten (Sprechtheater und Musiktheatersparte „jungeMET“, eine Koproduktion mit dem Fürther Stadttheater), das im Übrigen professionell geführt wird (zwei künstlerische Leiter und eine Geschäftsführerin) und über elf feste Mitarbeiter(innen) sowie zahlreiche Gäste verfügt. Damit ist gewährleistet, dass die verschiedensten Bereiche eines Theaterbetriebs (Schauspieler, Musiker, Theaterpädagogen, Autoren, Komponisten, Regisseure, Kostümbildner, Dramaturgen, Bühnenbildner etc.) personell durch Kundige vertreten sind. Die Philosophie des Theaters Pfütze ist es, „von den Herausforderungen und Chancen, von der Schönheit und Lust des Lebens“ zu erzählen und dabei eine Brücke zwischen den Generationen zu schlagen. Die Dramatisierung bedeutender Kinderromane liegt dabei im Vordergrund, oft in Zusammenarbeit mit deren Autoren. Darüber hinaus finden auch Eigenproduktionen Eingang ins Repertoire. Ein typisches Merkmal aller Pfütze-Eigengewächse ist die eigens für jedes Stück komponierte Musik sowie die jeweils individuell entwickelte Musik. Der Blick auf das Programm im Februar und März zeigt, dass die Stücke alterspezifisch genau definiert sind: durch die Festlegung eines Mindestalters. So ist das Schauspiel „Die Busfahrerin“ für Erwachsene und Kinder ab 7 Jahren, das ebenfalls pfütze-eigene Schauspiel „Krabat“ für Erwachsene und Kinder ab 10 Jahren und die Produktion „Blues to Go“ der Musiktheatersparte „jungeMET“ für Erwachsene und Kinder ab 9 Jahren. Theatergespräche nach den Vorstellungen vertiefen übrigens das Gehörte und Erlebte. Für seine Arbeit ist das Theater Pfütze schon oft ausgezeichnet worden, ja man muss sogar sagen: fast im Jahrestakt. Darunter befinden sich gleich mehrere Preise der Bayerischen Theatertage.

Auch das Erfurter Theater Die Schotte hat sich durch beharrliche Theaterarbeit vor allem im Kinder- und Jugendbereich einen Namen gemacht, der aus der Szene der freien Theater in Thüringen nicht mehr wegzudenken ist. Obwohl schon seit 1961 als Kinder- und Jugendtheater bestehend, etablierte es sich zunächst als Jugendbühne Ti(c)k (ab 1987 im dortigen Kultur- und Freizeitzentrum und nach der Wende unter seinem heutigen Namen in einer desolaten Turnhalle inmitten der Erfurter Altstadt. Deren Zustand erwies sich beim Abklopfen des Gemäuers als dem wirtschaftlichen Desaster der DDR auf prekäre Weise ähnelnd. Immerhin gab sie dem kulturellen Zukunftsprojekt seinen Namen, denn das Gebäude befindet sich in der Schottenstraße, Hausnummer 7...

Nach zermürbenden Aufräumungs- und Bauarbeiten und vielen Nachtschichten konnten die unermüdlichen Kulturwerker von Glück reden, dass neben dem selbst investierten Kapital, das zu großen Teilen aus ehrenamtlicher Arbeit bestand, auch einige Krumen vom reich gedeckten Tisch namens „Aufschwung Ost“ herunterfielen, als Startvermögen genutzt werden durften und wenigstens zu neuen Fenstern, selbstgebauter Bühne, Türen und Licht verhalfen. Seither gehören ein Probenraum, die Arbeitsbüros, der Fundus, die Masken und Container nebst kleinen Kellerräumen für die Lagerung von Dekorationen und Werkstattarbeiten zu den nutzbaren Räumlichkeiten.

Was allerdings noch gelernt werden musste, um in der Nachwendezeit nicht nur auf kluge „Berater und Experten“ aus dem Westen angewiesen zu sein, war das Know How für die Erschließung von Subventionen und Fördertöpfen aller Art. Ohne die kommt Kulturelle Bildung nun einmal nicht aus, und wenn man sie nicht wie früher als phantasielose Daseinsvorsorge innerhalb gesellschaftlich starrer Strukturen und politischer Reglementierungen betreiben wollte, sondern als kreative Zukunftswerkstatt, dann war der durchaus nicht risikolose Gang in die freie Trägerschaft quasi alternativlos. Der Weg aus der kommunalen Trägerschaft in die Eigenverantwortlichkeit fand nach Abklärung der finanziellen Rahmenbedingungen 1993 statt.

Die Priorität in der Arbeit der Schotte bleibt die Inszenierungstätigkeit mit Kindern und Jugendlichen. Das ist bei ca. 80% Anteil von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an der Klientel auch die Existenzberechtigung dieses Theaterzentrums und begründet seine Förderwürdigkeit. Neben den hauseigenen Produktionen und Aktivitäten gibt es zahlreiche Angebote für Schüler, Studenten, Lehrlinge, arbeitslose Jugendliche und natürlich für die theaterinteressierte Öffentlichkeit insgesamt, beispielsweise Theatertage für Schulen, freier Projektunterricht, themenorientierte Arbeit, überregionale Workshops zu unterschiedlichen Theaterformen, Stückeberatung für das Schultheater, Weiterbildungen für Schulgruppen, Service-Dienste (Bibliotheken, Fundus), Proben des Kulissenwechsels für Auftrittsmöglichkeiten der eigenen Nachwuchsakteure etc.

Der Blick auf den Spielplan der Monate Februar und März erschließt die thematische Vielfalt der Aktivitäten des Theaters Die Schotte: Neben Schauspielklassikern wie ‚Hamlet‘ oder ‚Antigone‘ wird Jules Vernes „Reise um die Erde in 80 Tagen“ in der Version Pavel Kohouts geboten, die Komödie „Kunst“ von Yasmina Reza und mit „Tetra Pak“ ein Improvisationstheater, das als spontanes Spiel nach den Vorschlägen des Publikums abläuft. Als Besonderheit sollte noch das Programm ‚Etüde‘ erwähnt werden. Hier geht es sich um einfache szenische Handlungen für Übungszwecke. Verschiedene Aspekte des theatralischen Spiels können ausprobiert werden, wodurch die Vermittlung elementarer Grundlagen des Theaterspiels ermöglicht wird.

Copyright Fotos:

Buch 2, Foto © Wolfgang Keller

Gretchen 89 ff. von Lutz Hübner, Foto © Lutz Edelhoff
 

Martin Köhl
26.01.2016

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