Einmal quer durch die Kunstgeschichte

Königlicher Kunstgenuss: Münchens drei Pinakotheke

Einmal quer durch die Kunstgeschichte

 Ein Blick über den Tellerrand ist wichtig, das kann man ganz allgemein so stehen lassen. Vor allem aber in Sachen Kultur ist er sicher nicht von Schaden. Was das angeht, haben Deutschlands große Museen so einiges zu bieten. Das wollen wir Ihnen, verehrte Leserschaft, nicht vorenthalten. Damit wir Ihnen gelegentlich immer wieder neue Schätze der Kultur- und Museumslandschaft in einem Rundumblick vorstellen können, begeben wir uns ab sofort für Sie auf Reisen in die Kunst- und Kulturmetropolen der Republik. Beginnen wollen wir dieses Mal im nicht ganz so fernen München mit den drei Pinakotheken. Ein Streifzug gefällig?

Das Bermudadreieck des Münchner Museumsareals bilden die drei Pinakotheken. Sie zählen obendrein zu den bedeutendsten Kunstmuseen weltweit. Die Alte und die Neue Pinakothek entstanden auf Bestreben des kunstsinnigen bayerischen Königs Ludwig I., der sich auch den ans Griechische angelehnten Namen für seine Gemäldesammlungen wünschte. Die Pinakothek der Moderne wurde 2002 eröffnet und ergänzt die hochkarätige Trias mit Werken des 20. und 21. Jahrhunderts.

Will man die Kunstgeschichte chronologisch erforschen, geht man am besten zuerst in die Alte Pinakothek, wo man zeitlich geordnet die europäische Malerei vom 14. bis zum 18. Jahrhundert inhalieren kann. Wuchtig steht er da, der große kubische Bau, den Leo von Klenze einst entwarf. Es war damals ein wegweisender Bau, der mit seiner Folge großer Oberlichtsäle und seitlich liegenden Kabinette für viele andere Museumsbauten Pate stand.

In farblicher harmonischer Abfolge von grünen zu roten Wandtapisserien erwarten die Besucher über 700 Werke der ganz großen Alten Meister wie Cranach, Altdorfer, Dürer, Botticelli, da Vinci, Raffael, Tizian und Rembrandt. Ein Höhepunkt ist der Rubenssaal, mit seinen teilweise über sechs Meter hohen Gemälden. Nicht entgehen lassen darf man sich auch die entzückende Madonna mit der Nelke, ein Jugendwerk von Leonardo da Vinci und das einzige Werk des großen Renaissancekünstlers in einem deutschen Museum, sowie die Hauptwerke Lucas Cranachs, Rembrandts und Tizians.

Da wegen umfassender Sanierungsarbeiten momentan sowohl der östliche, als auch der westliche Querflügel des Obergeschosses geschlossen sind, erwartet Besucher der Alten Pinakothek im Obergeschoss eine besondere Überraschung: In Saal IV sind Albrecht Dürers »Vier Apostel« (1526), Hans Memlings »Hl. Johannes« (1470/80) und Rogier van der Weydens »Columbaaltar« (um 1455) zwischen den Gemälden der italienischen Hochrenaissance ausgestellt. Im Rahmen dieser Interimspräsentation mit dem Titel „Neue Nachbarschaften III“ ergeben sich spannende neue Bezüge zwischen den beiden Welten nördlich und südlich der Alpen.

Weltberühmt und faszinierend ist natürlich das eindringliche Selbstporträt Albrecht Dürers, der sich christusähnlich in Szene setzte. Dieses finden Sie momentan in den östlichen Erdgeschosskabinetten neben den selig und wohlgesättigt dösenden Gestalten aus dem »Schlaraffenland« Pieter Brueghels des Älteren (1567) und der Weltlandschaft Albrecht Altdorfers.

Gegen das Vergessen

Wendet man sich bei Verlassen des Museums noch einmal um, sieht man im Mittelteil der Fassade unverputztes Ziegelwerk. 1957 wurde die Alte Pinakothek nach starken Kriegsschäden von Hans Döllgast wieder aufgebaut. Dieser vertrat die Idee der „Narbenarchitektur“, wobei fehlende Fassadenteile nicht einfach rekonstruiert wurden, sondern “Verwundungen” erkennbar bleiben sollten. Damit schuf er ein beeindruckendes Beispiel der Architektur des Wiederaufbaus.

Für die leiblichen Genüsse sorgt das im Museum liegende und im eleganten englischen Stil eingerichtete Café Klenze. Hier gibt es feine Kuchen und englische Scones, kleine Gerichte und am Wochenende einen famosen Brunch, den man im Rahmen des Programmes Kunst & Genuß anschließend noch mit einer Kunstführung krönen kann. Termine, Themen und Preise siehe: www.victorianhouse.de

Von Goya bis van Gogh

1853 - siebzehn Jahre nach der Alten Pinakothek wurde ihr Pendant gegenüber mit ganz ähnlicher Architektur eröffnet. Die Neue Pinakothek präsentierte damals zum ersten Mal in ganz Europa zeitgenössische Werke im musealen Rahmen. Auch heute noch ist dieses Museum dem 19. Jahrhundert gewidmet. Es befindet sich allerdings nun in einem postmodernen burgähnlichen Gebäude, das Alexander von Branca bis 1981 statt des vom Krieg stark zerstörten Vorgängerbaus errichtete. Glücklicherweise konnte man jedoch die meisten Kunstwerke aus dem Inneren vor dem Bombenhagel retten und diese mit der Zeit hochkarätig ergänzen.

Thematisch beginnt die Neue Pinakothek dort, wo die Alte Pinakothek aufhört, nämlich Ende des 18. Jahrhunderts. In einem spannenden Überblick zeigt sie die Epochen der europäischen Kunst von der Aufklärung bis zum Beginn der Moderne mit Schwerpunkten auf dem Klassizismus, der Romantik, dem Jugendstil und dem Impressionismus bis hin zu den sogenannten „Vätern der modernen Kunst“ van Gogh, Cézanne und Gauguin.

Folgt man dem Rundgang im Museum entlang der numerischen Abfolge der 22 Räume, geht es fast unmerklich von Saal zu Saal immer wieder Rampen und Treppen hinauf, bis man sich plötzlich im ersten Stück wiederfindet und von einer Empore in den Kassenraum hinunterschauen kann. Von dort aus geht es weiter zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit den riesigen Historienbildern, den Idealisten und Realisten. Den fulminanten Abschluss geben die Säle der Impressionisten. Dabei steigt man immer wieder leicht nach unten und kommt am Ende wieder im Erdgeschoss heraus. Die Führungslinie gleicht in einer Spiralbewegung einer Achterbahn der Kunst und ist auch ebenso aufregend!

Nicht versäumen sollte man bei einem Besuch die wunderbaren „Seerosen“ Claude Monets, Carl Spitzwegs selbstironisch gemeinten “Armen Poeten”, Gustav Klimts Portrait der eleganten Margaret Stonborough-Wittgenstein sowie die leuchtend gelben „Sonnenblumen“ van Goghs mit dem swimmingpoolfarbenen Hintergrund.

Am 6. Oktober beginnt im Haus eine Sonderausstellung zu einem spannenden Thema, nämlich der überraschend wichtigen Rolle der unbunten Farbe Schwarz in der Geschichte der Malerei. Mit Gemälden von Füssli, Manet, Velazquez und Murillio werden Gemälde gezeigt, in denen die Behandlung des Dunklen und Schwarzen ein Eigenleben zu führen scheint. Diese Ausstellung geht bis zum 9. Januar 2017.

Im Untergeschoss der Neuen Pinakothek befindet sich ein empfehlenswertes Restaurant namens Hunziker, wo es sich an Sonnentagen oder warmen Abenden lauschig auf der versenkten Hofterrasse am großen Brunnenbecken sitzen lässt. Bei einem Gläschen Wein nach vorangegangenem Kunstgenuss dort das entspannende Plätschern des grünen Wasserfalls zu genießen und den Entenpärchen zuzuschauen, ist Entspannung pur!

Vier Museen unter einem Dach

Die 2002 eröffnete Pinakothek der Moderne wurde von Stephan Braunfels erbaut und spannt den Bogen bis ins 21. Jahrhundert. Das elegante Gebäude steht mit seiner Rotunde über dem rechteckigen Grundriss in der Tradition klassischer Museumsbauten. Ein diagonaler Durchgang von der Nordseite in Richtung Innenstadt bricht die klassische Wirkung und fungiert als Verbindungslinie zwischen den Pinakotheken. Innen kommt das Museum ohne sichtbare Haustechnik aus, die kubischen weißen Räume wirken beruhigend klar und lassen die Exponate mittels eines ausgeklügelten Beleuchtungssysteme bestmöglich wirken.

Unter dem Dach der dritten Pinakothek sind vier verschiedenen Museen versammelt: im Erdgeschoss das Architekturmuseum und die Grafiksammlung mit wechselnden Ausstellungen, im Untergeschoss die Neue Sammlung mit einer vielgestaltigen Präsentation von etwa 80.000 Objekten zum Thema Industrial Design, Grafik Design und Kunsthandwerk bis hin zu Schmuckdesign. Im ersten Stock befindet sich die Bayerische Staatsgemäldesammlung mit Kunstwerken des 20. und 21. Jahrhunderts. Im Westflügel beginnt der Rundgang mit der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, welche sich durch eine große Vielfalt und Gleichzeitigkeit der künstlerischen Stile auszeichnet und zwischen den beiden Polen Gegenständlichkeit und Abstraktion changiert. Der Rundgang beginnt mit dem französischen Fauvismus und den deutschen Expressionisten, geht über den Kubismus, Picasso, Surrealismus bis zu Max Beckmann. Die nachfolgenden Künstlergenerationen sind u. a. durch bedeutende Werkkomplexe von Bacon, Baselitz, Beuys, Judd, de Kooning, Polke, Twombly und Warhol vertreten und zeigen damit unterschiedliche Positionen der Kunst des 20. Jahrhunderts auf.

Während die Werke der sogenannten klassischen Moderne im Wesentlichen ständig zu sehen sind, wurde im Ostflügel die zeitgenössische Kunst gerade wieder ganz neu arrangiert. Unter dem Begriff „Reset“ sind dort ganze Räume Dan Flavin, Donald Judd, Blinky Palermo, Rosemarie Trockel und Mike Kelly, sowie Sigmar Polke gewidmet. Ein ganz besonderes Schmankerl ist die noch bis 31. Oktober aufgebaute große Rauminstallation der Schweizer Videokünstlerin Pippilotti Rist mit dem Titel „Himalaya Goldsteins Stube“. In einem spukartig verfremdeten Wohnzimmer mit 50er-Jahre-Möbeln sind Videoprojektionen, Lichteffekte und Musik zu einem traumhaften Ambiente verschmolzen und lassen die Realitätsebenen verschwimmen.

Gegenüber widmet sich ein eigener Raum von Menschen veränderten Landschaften und deren Beschreibung mittels sachlicher Bildsprache im Medium Fotografie. Zu sehen sind dort u.a. Werke von Robert Adams, Stephen Shore und Bernd und Hilla Becher. Sehenswert sind auch die Sonderausstellung über internationale „Shoppingmalls – Architekturen des Konsums“ im Architekturmuseum sowie die Ausstellung wunderschöner juwelenhaft funkelnder Muranoglasobjekte im 2. OG der Rotunde. Beides ist bis zum 16. Oktober zu besichtigen.

Skulpturenpark und Führungen

Auf den Wiesen zwischen den drei Pinakotheken bzw. zur Gabelsberger Straße hin finden Sie neben spielenden Hunden, Kindern und sonnenbadenden und picknickenden Menschen eine Art öffentlichen Skulpturengarten mit u. a. einem „trojanisches Pferd“ von Hans Wimmer (1978-1982), zwei liegende Figuren von Henry Moore, (1957, 1969-1970), der Reiterplastik „Miracolo“ von Marino Marini (1961-1962) und die beeindruckende aus drei rostigen Trichtern bestehende Monumentalplastik „Buscando de la Luz“ von Eduardo Chillida (1997). Es lohnt sich also, einfach mal durch dieses Areal zu spazieren und die schöne Atmosphäre zu genießen.

Alle drei Museen bieten ein interessantes Vermittlungsprogramm in Form von kostenlosen thematischen Führungen und Workshops an. Siehe : www.pinakothek.de. Für alle, die aufs Geld schauen, sei der Besuch an einem Sonntag empfohlen, bei dem alle drei Museen jeweils nur einen Euro Eintritt kosten.

 

Copyright Fotos:
Alte Pinakothek, Foto © Alte Pinakothek / Franziska Hasse
Pinakothek der Moderne, Foto © Pinakothek der Moderne

Daniela Engels
28.07.2016

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