Stradivariabel del Gesù

Thomas van der Heyd – Geigenbauer per Zufall und Leidenschaft

Stradivariabel del Gesù

 Er ist Handwerker und Historiker zugleich, Naturwissenschaftler oder zumindest Naturwissenschaften-Versteher und Musikliebhaber, Händler, Restaurator und Gutachter.

Und außerdem auch Familienvater und Ehemann. Thomas van der Heyd, geboren 1978 in Erlangen, verhalf der Zufall zur Profession. Ein Freund seines Bruders war Geigenbauer. Noch auf dem Snowboard vereinbarten sie ein Praktikum. Eigentlich wollte er Zahntechniker werden, doch nach dem ersten Schnuppern hat es ihn nicht mehr losgelassen. Mit der Ausbildung von 1995 bis 1998 in der Werkstatt „Roderich Paesold“ schlug sein Lebensweg eine entscheidende Richtung ein. In Bubenreuth – der fränkischen Hochburg des Exil-Geigenbaus. Nach der Lehre war er in der Meisterwerkstatt bei Höfner tätig. Ab 2004, nach Beendigung der Meisterschule, sammelte er Erfahrung in zahlreichen kleinen Werkstätten. Später verfeinert er seine Restaurationsfähigkeiten in der Geigenbauschule „Brienz“ in der Schweiz bei „Jean-Jaques Fasnacht“, bevor er den Posten des Werkstattmeisters des renommierten Hamburger Unternehmens „Winterling“ übernahm.

Zur Musik ist er über das Handwerk gekommen. Heute gehen gleichermaßen Orchestermusiker wie namhafte Solisten bei ihm ein und aus, vertrauen ihm ihr Instrument zur Reparatur an oder lassen sich eines von ihm bauen. Seine Geigenkopien sind begehrt. Überhaupt machen die Kopien nach alten Mustern, die er inzwischen zahlreich in seinem Archiv prominenter Gipsabdrucke vorhält, den Großteil seiner Arbeit aus. „Annähernd jeder Orchestermusiker, der kein altes Original besitzt, spielt eine Kopie eines alten Instrumentes. Neue Geigen sind in professionellen Kreisen doch eher selten.“ Dabei würde van der Heyd gerne mehr neue Originale schaffen, die er mit viel Feingefühl und unbedingt in persönlichem Kontakt und direkter Abstimmung auf ihre künftigen Besitzer zuschneidet. „Spannend ist die Beobachtung ihrer Entwicklung und Abnutzung über die Jahre, da es sich damit heute wesentlich anders verhält als damals, als eine Schulterstütze zum Beispiel noch gar nicht üblich war“. Diese Erfahrungen würden vielleicht neue Perspektiven eröffnen. Doch ist er gerade bei historischen Geigenkopien nach wie vor so richtig in seinem Element. Ein Suchender, der sich unentwegt mit SEINER Materie beschäftigt. Er hat sich in seinen knapp 20 Jahren Tätigkeit als junger Geigenbauer ein sehr großes Wissen angeeignet, hat Geigen intensiv studiert, sich ihre Eigenarten wie Vokabeln eingeprägt. Die Biographien der wichtigen Geigenbauer kennt er aus dem Effeff, hat sogar Sympathien und Apathien für den ein oder anderen entwickelt. An einer eigenen Idealform der Violine will er, wie viele Kollegen vor ihm, nicht auch noch scheitern. Es sind vor allem die Geigenbauer aus dem italienischen Raum, die er in diesem Zusammenhang immer wieder nennt. Dort, ganz besonders bei Stradivari und Guarneri del Gesù sieht er die ideale Form, die vor allem durch die Wölbung vorgegeben ist und deren Gelingen zudem von zwei Glücksfällen maßgeblich geprägt wird: beim Bau wurde getränktes Holz verwendet, das zu Wasser transportiert wurde. Und der Auftrag der Grundierung und seine besondere Beschaffenheit taten das Übrige. Die historische Bauweise aus dem italienischen Raum also sei optimal und gäbe die Idealform seit langem unübertreffbar vor. Die moderne Technik helfe beim Nachbauen und das zu verstehen, aber öffne keine Möglichkeiten zur weiteren Verbesserung mehr. Mit dem von ihm angewandten Plattenresonanzverfahren allerdings können die Originale detailliert und prüfbar nachgeformt werden. Dabei ist lediglich gewisser Spielraum gegeben, den man dieser Idealform abringen kann, um bestimmte Facetten und Nuancen herauszuarbeiten, die mit viel Fingerspitzengefühl auf den Musiker abgestimmt werden. Ob Studentenmodell (ab 5.000 €) oder altes Instrument für den Orchestermusiker und auch Solisten. Thomas van der Heyd hat für jeden Musiker das passende Instrument oder baut es exklusiv. Und so manches Schmuckstück ist nicht nur bei aktiven Musikern begehrt, sondern findet seinen Liebhaberwert bei Sammlern, die schon auch auf hohe Renditen spekulieren. Doch Einzelheiten zu seinem Geigenhandel und vor allem Geheimnisse aus seiner Geigenbauwerkstatt lässt van der Heyd nur erahnen. Die eigenen Kenntnisse werden natürlich gehütet. Und bei aller Kollegialität und reichlich Austausch gibt es wohl in jedem Atelier ein kleines geheimes Tagebuch, das den gewissen Unterschied ausmacht. So füllt sich sein Werkstattschrank mit Signaturen der Creme de la Creme der internationalen Solistenszene (Adrian Stoet, Nimrod Guez, Tabea Zimmermann) mehr und mehr, so steigt sein Kreis an Stammkunden aus den berühmtesten Orchestern der Welt.

 

Info:

 

Weitere Infos finden Sie unter: www.vanderheyd-instruments.de

 


04.04.2013

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