Das ist doch nicht normal, so normal ist der!

Blues, Rock und Soul vom Feinsten im Bayreuther „Zentrum“

Das ist doch nicht normal, so normal ist der!

 Andreas Kümmert ist in der deutschen Musiklandschaft so etwas wie der absolute Anti-Star. Der gebürtige Unterfranke machte einst nicht nur durch seinen kometenhaften Aufstieg von sich reden, sondern sorgte auch für allerlei Skandale. Diese Zeiten sollen vorbei sein, geht es nach Kümmert. Der gastiert im Rahmen seiner Akustik-Tournee am 20. April um 20 Uhr im Zentrum in Bayreuth. Der „The Voice of Germany“-Sieger ist nach einer harten Bruchlandung wieder im Geschäft. Und wie. Sein im Oktober veröffentlichtes Album „Recovery Case“ entschädigte viele Anhänger für die turbulenten Zeiten, die sie mit dem Blues-, Rock- und Soulsänger einst zu durchleben hatten.

Doch wer kann schon Einfachheit erwarten von einem Künstler, der auf die Frage, welche Comicfigur er gerne sein würde, mit Pinky und The Brain antwortet. Die beiden Labormäuse, die in ihrer Mischung aus ein bisschen Naivität und ein bisschen Wahnsinn die Freunde abstruser Comic erfreuten. So ein bisschen haben die beiden tatsächlich das ein oder andere mit Kümmert gemeinsam. Schließlich brachte ihn seine fränkisch, bodenständige Naivität nach seinem Blitzstart gewaltig in Schräglage, erst eine Auszeit und sein Outing sorgten für Ruhe hinter den Kulissen. Immerhin dürfte er nach dem Gewinn des Vorentscheides zum European Song Contest und dem noch auf der Bühne erklärten Startverzicht für einen der größten Skandale im Musikbusiness der letzten Jahre gesorgt haben. Morddrohungen, ein medialer Shitstorm der außerordentlichen Qualität und in diversen sozialen (?) Netzwerken muntere Beschimpfungen, die Kümmert noch dazu nicht unkommentiert ließ: Mehr negatives auf einen Schlag dürfte kaum ein Interpret binnen solch kurzer Zeit erlebt haben.

Dabei darf eines nicht vergessen werden: Andreas Kümmert ist, rein musikalisch gesehen, wohl das talentierteste, was Deutschland in den letzten Jahren hervorgebracht hat – und das soll in Zeiten der Bouranis, Poisels und Forsters durchaus etwas heißen. Er hat etwas, was viele Künstler heutzutage vermissen lassen: unbändige Leidenschaft. Nicht in seinen Texten, die er im Gegensatz zur neuen deutschen Soulgarde ausnahmslos in englischer Sprache vorträgt. Vielmehr auf der Bühne. Wenn Kümmert an der Gitarre, dem Bass, dem Klavier oder was auch sonst für Instrumenten die Klänge hervorlockt und mit seiner exorbitant an Joe Cocker erinnernden Stimme die Stücke anstimmt: Dann ist das Leidenschaft pur. Mit jeder Faser seines Körpers. Er ist Vollblutmusiker durch und durch. Und war das auch schon vor seiner steilen Karriere. Von seinem Vater, einem Trompeter, bekam er das nötige Rüstzeug mit auf den Weg. Und vor allem eine formidable Plattensammlung, die ihm erste Kontakte zur Musik brachte. Gepaart mit dem nötigen Ehrgeiz und nicht wenig Talent avanciert der Gemündener zum Autodidakten. Als 13-jähriger Teenie sammelt er erste Erfahrungen an der Gitarre. In wechselnden Schülerbands mit den Schwerpunkten Punk und Rock verfeinert er sein Können an den Instrumenten. Bald tritt er auch als Sänger in Erscheinung. Das Ende der Schulzeit bedeutet zwar die Auflösung der meisten Bands – doch Andreas bleibt weiter am Ball. Mit seiner eigenen Formation Silent Cry absolviert er ab 2004 einige Auftritte in Talentwettbewerben. Hier fungiert er nicht nur als Bandleader, sondern auch als Sänger, Gitarrist und Songwriter – um sich am Ende als Solokünstler zu versuchen. Erfolgreich: In Nordbayern avanciert der Bartträger zum Geheimtipp, füllt kleinere Konzertsäle allerorten. Ein Ambiente, das ihm heute noch taugt. Zwar hat er den Sprung zum Superstar längst geschafft, doch kleine intime Club-Konzerte zaubern dem 31-Jährigen noch immer ein Lächeln auf die Lippen. Allen Skandalen zum Trotz: Der Multi-Instrumentalist mit der herrlichen Reibeisenstimme hat sich ins Herz der Musikfans eingepflanzt. Und präsentiert das jetzt auch wieder live auf den Bühnen der Republik. Dass Andreas Kümmert so enden würde, das hätten wohl weder Eltern noch Schulfreunde (die ihm nicht immer wohlgesonnen waren) gedacht. Erst Max Herre ließ am Talent des Unterfranken keinerlei Zweifel aufkommen. Ausgerechnet Herre, eher im „schwarzen“ Soul und Hip-Hop beheimatet, erwies sich bei der Castingshow „The Voice of Germany“ als Glücksgriff für den bluesig-rockig agierenden Andreas Kümmert. Eine Kombination, die gepasst hat. Kümmert zog den Stuttgarter dem im Rockbereich beheimateten Samu Haber als persönlichen Coach vor. Und Herre machte aus dem begnadeten Talent einen alles andere als eindimensional agierenden Pop-Rock-Virtuosen. Was sich auch im neuen Album niederschlägt. Das schrieb er größtenteils – im Gegensatz zum Vorgängerwerk – wieder selbst. Und trifft damit erneut das Publikum ins Mark.

 

Fotocredits:
Andreas Kümmert, Foto © Benjamin Wolf

Andreas Bär
31.03.2017

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