Schaufenster gucken!

Fotoausstellung am Aufseßplatz

Schaufenster gucken!

Industrie, Handel und Forschergeist haben in Nürnberg schon lange Tradition. Man denke nur an den Bleistift von Lothar Faber, die erste Eisenbahn Deutschlands oder was wäre die Musikwelt ohne das MP3-Format? Hinter solchen Entwicklungen stehen immer Menschen, Institutionen und Unternehmen. Viele bekannte Namen, wie z.B. MAN, Faber-Castell, Adidas oder INA-Schaeffler sind mit der Metropolregion Nürnberg verbunden. Solche große Firmen prägen das Gesicht einer Region und bieten Tausenden von Menschen Arbeitsplätze und Perspektiven.

 

Einige "Meilensteine" aus Nürnberg:

1390    Gründung der ersten deutschen Papiermühle durch Ulman Stromer
1497    Größe und Füllung der Nürnberger Bratwurst werden erstmals festgelegt
1835    Erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth
1929    "Tempo"-Papiertaschentuch der Vereinigten Papierwerke
1992    Das MP3-Format wird von der Universität Erlangen-Nürnberg und dem Fraunhofer- Institut entwickelt
2008    Die erste fahrerlose U-Bahn in Deutschland geht in Betrieb

 

Insolvenzen in der Metropoloregion Nürnberg und deren Folgen für die Menschen:

 

Trotz der langen und ausgeprägten Industriekultur musste die Region Nürnberg in den vergangenen Jahren mehrere schwerwiegende Firmenpleiten erleben: AEG, Rosenthal, Grundig oder Quelle - große Namen. Sie, aber natürlich auch viele kleinere Betriebe sind verschwunden - so wie Tausende Arbeitsplätze.


Unternehmensschließungen haben große Folgen, sowohl für die Geschäftsführung, die Arbeiter, die Zulieferer und alle die sonst noch in Verbindung mit dem Unternehmen stehen. Gerade der kleine Drogeriemarkt "um die Ecke" schließt, auf den ältere Mitmenschen angewiesen sind. Oder ein Zulieferbetrieb muss ebenfalls an der Personalschraube drehen, da ein großer Kunde wegfällt. Die individuellen und gesellschaftlichen Folgen für die Betroffenen sind meist noch schwerwiegender: Verlust des Arbeitsplatzes, psychologische und gesundheitliche Probleme, Entqualifizierung, gesellschaftlich-kulturelle und soziale Isolation, familiäre Spannungen und Konflikte, Schuldgefühle, Aggressivität und trotz Grundsicherung, relative Verarmung. Zwischen den meisten genannten Folgen besteht dabei ein sehr enger Zusammenhang.


Die Folgen von Arbeitslosigkeit beschränken sich jedoch nicht auf die Arbeitslosen selbst. Auch für nahe Angehörige kann Arbeitslosigkeit eine gravierende Beeinträchtigung von Wohlstand, Selbstachtung, sozialem Ansehen und Lebenschancen bedeuten. Es bleiben Ruinen: sowohl wortwörtlich: große Firmenareale und Gerätschaften stehen brach, aber vor allem auch in Person der ehemaligen Angestellten.
 

Diese Thematik wollte ich für meine Bachelor-Arbeit aufarbeiten und fotografisch an die Menschen sowie an die Unternehmen erinnern. Mir geht es dabei besonders um die vielen Mitarbeiter, die ihre Arbeitsstätte und Kollegen verloren haben.
 

Ich habe Menschen vor Ort in ehemalige Unternehmen gebracht. Dort wurden sie bemalt, so dass sie mit der Umgebung verschmelzen. So wie das Leben und die Menschen in den ehemaligen Betrieben verschwunden sind, so verschwinden die Protagonisten in meinen Bildern. Die Fotografierten stehen symbolisch für all diejenigen, die in den Unternehmen gearbeitet und einen Großteil ihres Lebens dort verbracht haben. Meine Bilder sollen zugleich Aufarbeitung, Erinnerung als auch Mahnung sein.

 

10. Juli bis 19. August 2014, Schaufensterfassade des ehemaligen Kaufhofs am Aufseßplatz, Nürnberg

 

weitere Informationen: www.licht-licht.com/verschwunden

Martin Rehm
09.07.2014

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