Allmächt’ge Jungfrau, hör mein Flehen!

Zwei Sitzplätze im Parkett auf dem Grünen Hügel über „Tannhäuser“ und so

Allmächt’ge Jungfrau, hör mein Flehen!

Weithin gerühmt wird, für seine außerordentliche Akustik, das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Seit der Eröffnung im August 1876 hat es diverse Umbauten erfahren. Den Klängen, die da aus dem von Richard Wagner so bezeichneten mystischen Abgrund herauftönen, können heute fast 2000 Zuhörer lauschen, die das Auditorium fasst. Die Damen tragen zumeist lange Kleider, gern aus asiatischer Seide oder aus leichten, lichten Sommerstoffen, die Herren stecken im Smoking und stellen oben eine Fliege, unten schwarze Lackschuhe zur Schau. Nicht alle kommen um der großartigen Musik willen. Manche wollen einfach nur gesehen werden, so scheint es. Sie sind auf dem Hügel, weil es in ihren Kreisen sich schickt. Wir lassen hier zwei Stühle erzählen von dem, was sie so alles zu (er-)tragen haben. Sie sind übrigens ungepolstert, auf dass so wenig Schall wie irgend möglich geschluckt werde. An diesem ihrem Ungepolstertsein mag es liegen, dass Fritz J. Raddatz im August 2002 – er hatte den „Siegfried“ besucht – im Tagebuch notierte, die „fürchterliche Wagner-Sitzerei“ habe ihn so sehr angestrengt, dass er unter „krampfartigen, das Herz bedrückenden Verspannungen“ zu leiden gehabt habe.

 

Platz 29 (Parkett links, Türe VI, Reihe 23): Wenn schon – und darin immerhin sind sich Kritiker und Publikum einig, zumindest was Sebastian Baumgartens venusschwangeren Biogasanlagen-Alkoholator-„Tannhäuser“ von 2011ff. angeht – die Aufführungen hier auf dem Grünen Hügel nicht an künstlerischem Wert zugelegt haben, so haben wir es immerhin, lieber Kollege zur Linken, nicht wahr? Monetär, meine ich.

 

Platz 28 (Reihe 23, Türe VI, Parkett links): Ja, ja, durchaus. Also als die Wagners auf uns saßen, zwei von zahllosen Nachnamensvettern des von vielen verehrten, von anderen als großkotzig verachteten Meisters, das muss am 25. August vor bald drei Dekaden gewesen sein, in der geschlossenen Sonntagsvorstellung des Deutschen Gewerkschaftsbundes, als also Martin und Martina Wagner auf uns Platz genommen hatten, da waren wir noch für 75 Deutsche Mark zu haben.

 

Platz 29: Für das Geld würden die Wagners, lebten sie noch und wollten sie noch, in diesem Sommer gerade mal eine einzige Vorspeise als Pausenkost bekommen: Freilandwachtel, ausgelöste Brust und Keule, mit Pfifferlingen gefüllt und mit kandierten Cranberries (jetzt stabreimen sie schon auf der Speisekarte, nicht bloß im Libretto-Reclam-Heftchen) serviert. Und die Wachtel, hätten sie noch Lust darauf und wäre ihnen der Appetit angesichts des Preises – 34 Euro – den die Steigenberger Festspielrestauration verlangt, nicht vergangen, müssten sie sich sogar teilen.

 

Platz 28: Genau, genau. Und wollten sie sich nach dem Lärm im Hause ein stilles Wässerchen gönnen, so würde das mit weiteren vier fünfzig, für das Viertele, wohlgemerkt, zu Buche schlagen. Der Espresso danach machte dann nochmal drei dreißig.

 

Platz 29: So ist es. Aber an Moneten fehlt es den Wagners, den Müllers, den Bauers und wie sie alle heißen, die uns bei den sechs „Tannhäuser“-Vorstellungen ihre Hintern zeigen werden, ja kaum. Schließlich haben sie heuer statt der 75 DM von 1985 (es dirigierte Giuseppe Sinopoli, Cheryl Studer gab die Elisabeth, Gabriele Schnaut sang die Venus) 260 Euro berappen müssen, per capita.

 

Platz 28: Es sind sogar noch Karten zu haben. Nicht nur auf dem Schwarzmarkt, sondern ganz in Weiß sozusagen. Carte blanche. Von wegen Überbuchung! Eine schwangere Venus (Michelle Breedt, Mezzosopran), die Wartburg als Biogasanlage und ein Titelheld (Torsten Kerl), dessen Tenor, anders als der eines echten Kerls, nicht strahlt, dem es an Geschmeidigkeit und sicherer Intonation fehlt, wer mag sich das schon antun?

 

Platz 29: Ach, früher war das anders. 1891, weißt Du noch? Damals kam das Publikum zuhauf, der Saal war voll besetzt: Franzosen, Engländer, Deutsche. Romain Rolland, der später über Beethoven, über Händel, Tolstoi und auch über Gandhi schreiben sollte, saß auf mir. Dass ich auf ihn stand, kann ich allerdings nicht behaupten.

 

Platz 28: Pazifist war er und, darin dem Bayreuther Meister gleich, Tierschützer. Auf Dir gab Rolland ja zumeist den Sesselfurzer, das habe sogar ich gerochen. Die um ein halbes Jahrhundert ältere Malwida von Meysenbug, keine Venus mehr, hatte ihn mit auf den Hügel genommen. Sie war Richards und Cosimas Trauzeugin, und sie war von allem Anfang an mit von der Partie, schon bei der Grundsteinlegung des Festspielhauses 1872, als Malwida den knapp dreißig Jahre jüngeren Friedrich Nietzsche kennenlernte, dessen Gönnerin sie werden sollte.

 

Platz 29: 1891, Rolland und die Meysenbug! Felix Mottl brachte da erstmals den „Tannhäuser“ nach Bayreuth. Und dirigierte viel zu langsam. Worunter wir naturgemäß, die Meysenbug war eine Dame von Gewicht, zu leiden hatten. Die langsamen Tempi erlaubten es Mottl immerhin, Phrasierung und Akzentuierung perfekt zu gestalten oder, wie Richard Strauss es nannte, die scharfen Kontraste, wie sie die Partitur verlangt, glasklar herauszustellen. Ach, der Mottl! Seine Lebenslust und Leidenschaft waren nicht mehr präsent. Erst nach drei Stunden und siebzehn Minuten hatte unser Leiden ein Ende.

 

Platz 28: Gut, dass es wenigstens (Erholungs-)Pausen gab. „In den Pausen“, schrieb, wenn Du Dich erinnerst, Rolland im Juli 1891 an seine Mutter, „kokettieren die Franzosen, die Deutschen trinken Bier, und die Engländer lesen den Operntext.“ Und der gute Romain hatte schon damals erkannt, dass Wagner die Stadt verwandelt hat: „Alle Einheimischen sind Ausbeuter geworden, die nur vom Ausländer leben: Kutscher, Buchhändler, Geschäftsleute usw. Das Theater sieht einem Industriepalast ähnlicher als einer Kunststätte.“

 

Platz 29: Heutzutage, im 21. Jahrhundert, geht es ja nicht einmal beim Sex ohne Wagner. Wer mit dem Zug anreist, und wenige sind das nicht, muss auf dem Weg zum grünen Venushügel am Sexshop Joy vorbei (vielleicht eine Verbeugung vor Beethovens „Ode of Joy“; immerhin ist Beethovens Neunte das einzige Werk neben den Opern Wagners, das im Festspielhaus gespielt werden darf, aufgeführt zuerst im unseligen Jahr der Machtergreifung, 1933, zuletzt 2001), der direkt gegenüber der „Parsifal“-Apotheke liegt. Und wer nicht nur für Kulinarisches – Essen ist der Sex des Alters – und Opern etwas übrig hat, sondern auch für Spielzeug zu 49 Euro, der kann sich, eng in Plastik verschweißt, „Siegfrieds Glied“, stolze zwei Dutzend Zentimeter in voller Pracht, zulegen und damit, vielleicht beim Pausengang versteckt im Park, der ihm Liebsten etwas Gutes tun, sofern er dazu nicht mehr eigenmächtig und stehenden Gliedes in der Lage sein sollte.

 

Platz 28: Exakt. Wie hat doch Ingomar von Kieseritzky, auch er war ja schon hier, 1996, im „Tristan“-und-„Parsifal“-Jahr, in „Unter Tanten und andere Stilleben“ geschrieben: „Der seligen Zeiten gedenk ich, / da alle Glieder gelenkig. / Bis auf eins. // Die Zeiten sind nun vorüber, / steif sind mir alle Glieder. / Bis auf eins.“

 

Platz 29: Da passt „Tristan und Isolde“ wirklich gut. Stichwort Liebestod. Den sang 1996, in der Rolle der Isolde, die phänomenale Waltrud Meier, am Pult stand Daniel Barenboim, und Regie führte Heiner Müller. Der war zwar schon ein halbes Jahr zuvor an Speiseröhrenkrebs gestorben – all der feine Whisky, all die geliebten Zigarren, bevorzugt aus Kuba – aber man übernahm einfach, wie das auf dem Hügel so Usus ist, Müllers Inszenierung von 1993 und setzte sie erst 1999 ab.

 

Platz 28: Apropos absetzen. Vom kommenden Jahr, in dem sie den „Tristan“ neu machen wird, wird Katharina Wagner nicht mehr gemeinsam mit ihrer Halbschwerster Eva Wagner-Pasquier, sondern in völliger Eigenregie für das Haus verantwortlich sein. Mindestens bis 2020. Schon jetzt denkt Katharina darüber nach, wer 2019 den Tannhäuser singen wird. Und man darf davon ausgehen, dass sie sich auch die Inszenierung des nächsten „Ring“-Zyklus unter den Nagel reißen wird.

 

Platz 29: Arg am Herzen liegt der Guten übrigens die Direktübertragung des „Tannhäuser“ in Lichtspielhäuser quer durch die Republik (Sebastian Baumgarten, hört man, soll seine umstrittene Regie stark überarbeitet und womöglich zum Besseren gewendet haben).

 

Platz 28: Eine feine Sache ist das! Für weniger als drei Zehner kommt man am 12. August in den Genuss der Liveshow vom Grünen Hügel. Beispielsweise in Nürnberg, im Cinecitta‘. Und bequemer sind die Sitze dort auch, man kann fast von Plüschsesseln sprechen. Das alles für 29 Euro. Es bleibt also noch etwas übrig für eine große Cola und Popcorn en masse. Was braucht man da ein Bayreuther Wachtelbrüstchen! Zudem wird ein exklusives Vorprogramm geboten.

 

Platz 29: Du sagst es. Katharina Wagner, der in der Rolle als Lohengrin umjubelte Heldentenor Klaus Florian Vogt und der Musikjournalist Axel Brüggemann lassen von 15.45 Uhr an die Kinobesucher hinter den in Bayreuth noch geschlossenen Vorhang blicken. In den beiden Pausen (jeweils eine Stunde) darf man ebenfalls hinter die Kulissen schauen und Sängern sowie Mitgliedern des Festspielorchesters zuhören, wie sie aus dem Nähkästchen plaudern.

 

Platz 28: Oh, das wird spannend und gewiss auch unterhaltsam. Vor allem unsere sechs Oboisten (und die Englisch-Hornistin Beate Aanderud) sind ja für ihren Humor bekannt. Kein Wunder, wo doch einer der Oboisten den sprechenden Nachnamen Lustig trägt. Fast 200 Musiker aus deutschen und einigen wenigen ausländischen Spitzenorchestern kommen Sommer für Sommer auf dem Grünen Hügel zusammen, um im berühmten abgedeckten Orchestergraben, der für das Publikum nicht einsehbar ist, Wagners Klangrauschmusik zu zelebrieren. Die Akustik im Festspielhaus ist ja weltberühmt, sie bringt den sogenannten Mischklang bestens zu Geltung.

 

Platz 29: Für die nicht wenigen Freunde der Bamberger Symphoniker sei noch gesagt, dass natürlich auch Joseph Keilberth in den Fünfzigern und Horst Stein in den frühen siebziger Jahren in Bayreuth dirigierten. Stein machte einen flotten „Tannhäuser“, er war 1972 achtzehn Minuten schneller als unser guter gemächlicher Mottl 1891.

 

Platz 28: Bewährt in Bayreuth hat sich immer wieder das Bamberger Blech und Schlagzeug. Christoph Eß, Solo-Horn, Markus Mester und Thomas Forstner an der Trompete sind dabei, sodann die beiden Schlagzeuger Holger Brust und Robert Cürlis. Letzterer wird im Graben übrigens seinem Bruder Stephan begegnen, Solo-Pauker beim NDR. Ein Familientreffen also, zumal Roberts Frau bei den Bratschen sitzt.

 

Platz 29: Bayreuth, das ist doch ohnehin wie eine große Familie. Das gilt für Chor, Orchester und Solisten, das gilt für den Wagner-Clan sowieso, das gilt aber auch für das Publikum. Es gibt ja nicht wenige, die über Jahre hinweg immer wieder auf den Grünen Hügel zu den Festspielen pilgern.

 

Platz 28: Die am 25. Juli eröffneten. Mit „Tannhäuser“, in dessen Ouvertüre ja der spätere Pilgerchor schon anklingt. Leicht paraphrasiert: „Beglückt, da nun endlich den Grünen Hügel ich schau!“ In diesem Sinne allen Bayreuth-Besuchern viele sie glücklich findende Momente, für Auge, Ohr‘ und, warum nicht, auch für Zunge und Gaumen. Und was es sonst noch so gibt.

 

Copyright Fotos: 

„Festspielhaus Bayreuth 1900“ von Unbekannt (Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons)

Richard Wagner

Felix Mottl um 1900

Jürgen Gräßer
04.08.2014

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