Zwischen Angebotspolitik & Platzmangel

Anmerkungen zur Kunst im öffentlichen Raum in Bamberg und andernorts (I)

Zwischen Angebotspolitik & Platzmangel

Nein, er war noch nicht da, aber er könnte irgendwann auch Bamberg heimsuchen: Ottmar Hörl, der Erfinder der seriellen Plastikfigurenausstellungen. Putzig wäre die Vorstellung schon, den Domplatz von lauter bunten Bambergerreiterlein bevölkert zu sehen. An ausreichend wohlgesonnenen Kunstbeflissenen würde es auch in der Domstadt nicht fehlen, die dieses einstweilen noch imaginäre Spektakel flugs zum Kulturevent des Jahres ausgerufen hätten. Schließlich hat es ja oft genug funktioniert, gesponsert übrigens von Daimler/Chrysler: Raben in Bückeburg, Rottweiler in Rottweil, Eulen nach Athen (zeitgleich mit den Olympischen Spielen), Bären in Berlin, Steckenpferde in Neuburg an der Donau, gestiefelte Kater in Epinal (Frankreich), Frösche in Darmstadt, Neufundländer (Richard Wagners Lieblingshund) in Bayreuth oder das „große Hasenstück“ in Nürnberg. Jetzt aber war Schluss, genauer genommen in Bayreuth, wo der Professor von der Nürnberger Kunstakademie besonders gerne zur Festspielzeit aufkreuzt.

 

Das Ansinnen, zehn seiner Miniausgaben des dirigierenden Komponisten Wagner, von denen im Jubiläumsjahr 2013 genau 500 den Grünen Hügel besetzten, dauerhaft im Festspielpark aufstellen zu wollen, wurde mit der nachvollziehbaren Begründung abgelehnt, man wolle keinen Präzedenzfall für derlei Kunstangebote schaffen und sich schon aus Gründen der Gleichbehandlung an das Prinzip halten, dass Kunstwerke für den öffentlichen Raum im Rahmen einer Ausschreibung auszuwählen seien. Hörl bekam die Anregung mit auf den Weg, Kontakt zum Verein „Skulpturenmeile“ zu suchen, der sich in Kooperation mit der Stadt die „Kunst im öffentlichen Raum“ zur Aufgabe gemacht hat und deshalb ein geeigneter Ansprechpartner für andere Standorte im Stadtgebiet sein könnte.

Tja, die Standorte, genau das ist das Problem in den alten Kulturstädten, denn dort sind die zentralen Plätze meist schon seit dem bürgerlichen Zeitalter gusseisern belegt, und das sogar oft genug im wortwörtlichen Sinne. Der Grüne Hügel ist zwar nicht zentral, aber natürlich höchst attraktiv wegen seiner medialen Wertigkeit, kein Wunder also, dass Hörl jegliche Alternative ablehnte. Schließlich geht es um Aufmerksamkeit und mediale Präsenz – und damit nicht zuletzt um pekuniäre Interessen.

 

In Bamberg sind die Räume noch enger und ein prominenter Ausweichplatz wie in Bayreuth fehlt. Wer hier mit Kunstobjekten wahrgenommen werden will, muss in den Grenzen des Weltkulturerbes suchen. Es mutet insofern fast wie ein Wunder an, dass Bernd Goldmann es geschafft hat, in der Altstadt Bambergs noch Aufstellungsorte für die jeweils verbliebenen, weil angekauften Exemplare seiner Großskulpturenausstellungen zu finden bzw. sie auch durchzusetzen. Spricht man den Exdirektor des Internationalen Künstlerhauses darauf an, so betont, ja beteuert er, dass es ihm bei der Auswahl der skulpturalen Stile nicht um die Durchsetzung seines privaten Geschmackes gegangen sei, sondern darum, die vorhandene Bandbreite künstlerischer Ausdrucksformen abzubilden. Der Moderne, wohlgemerkt, weshalb Bernd Goldmann auch verwundert bis irritiert auf die in der Lokalzeitung kolportierte Meinung reagierte, mit der Ausstellung „Circles“ habe der zuständige Galerist zum ersten Male moderne Kunst nach Bamberg gebracht.

 

Als Folge dieser Ausstellung sollten die hockenden Figuren des chinesischen Künstlers Wang Shugang für Bamberg aufgekauft werden. Bisweilen sind es eigenartige Allianzen, die den Verbleib oder die endgültige Platzierung eines Kunstwerkes ermöglichen. Im Falle der acht roten Hockenden reicht die Bandbreite der geäußerten künstlerischen Bewertungen von der Hochachtung vor einem maßgeblichen, weil aussagekräftigen Artefakt bis zu der abfälligen Bemerkung, es handle sich dabei um „zu groß geratenen Nippes“. Dass auch Vergleiche zur Kunstform und Vorgehensweise Ottmar Hörls gezogen wurden, liegt auf der Hand. Entscheidend für die letztlich getroffene und demokratisch legitimierte Entscheidung war allerdings – neben dem fragwürdigen, aber taktisch erfolgreichen Benehmen des Galeristen – auch die Tatsache, dass die roten Männlein anlässlich ihrer Erstaufstellung schon nach kurzer Zeit einen immensen Nettigkeitsfaktor für sich beanspruchen konnten, denn sie mutierten abseits ihres künstlerischen Wertes alsbald zum höchst beliebten Kinderspielzeug. Es wäre wohl ungerecht, dem Stadtrat deswegen ein populistisch motiviertes Abstimmungsverhalten vorzuwerfen, aber es ist natürlich verständlich, dass man sich ungern gleichzeitig mit wort- und meinungsstarken Kunstfreunden sowie Hunderten von glücklichen Müttern anlegen will.

 

Da hatte es die „Botera“ seinerzeit viel schwerer, argumentativ unbeschadet auf dem Heumarkt anzukommen, von der unsäglichen Schwimmprobe auf der Regnitz ganz zu schweigen. Heute ist sie ein kaum mehr wegzudenkendes, beliebtes und urban eingewachsenes Kunstwerk und profitiert überdies von einem haptischen Sympathiewert, der sich tagtäglich bestaunen lässt. Eines aber hat sie gemein mit der sich hockend beratenden Chinesengruppe: den Auraverlust des Originals, denn es gibt sie gleich mehrfach. Freilich: für das Kunstgewerbe Ottmar Hörls gilt dies in noch ganz anderem Maßstab.

 

Copyright Fotos: © Leon Paletta

Martin Köhl
30.09.2014

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