Volker-Hinniger-Preis geht an Fotografin

Sonja Ismayr und ihre

Volker-Hinniger-Preis geht an Fotografin

Vor ziemlich genau zwei Jahren, am 3. September 2012, verstarb die aus dem thüringischen Steinach gebürtige Gretel Hinniger im Alter von 89 Jahren in ihrer Heimatstadt Bamberg. Hinniger, die Oberbürgermeister Andreas Starke damals mit den Worten würdigte, sie sei eine „im besten Sinne des Wortes Mäzenatin der Kunst“, wird fraglos in Erinnerung bleiben, hat sie doch zum Gedenken an ihren mit nicht einmal vierzig Jahren 1988 in Griechenland tödlich verunglückten Sohn den Volker-Hinniger-Preis gestiftet. Seit 1992 wird er alle zwei, seit 2002 alle drei Jahre vergeben an Künstler, die zum Zeitpunkt der Preisverleihung nicht älter als 41 Jahre sein dürfen.

 

In diesem Herbst geht der heuer mit 4000 Euro ausgestattete Volker-Hinniger-Preis an die Fotokünstlerin Sonja Ismayr. 1981 in Bamberg geboren, hat Ismayr in München bei Albert Hien, später an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert. Derzeit arbeitet sie als freie Künstlerin, als Kunstlehrerin und als Dozentin an einer Designhochschule in Leipzig. Zu Beginn ihres Studiums an der Münchner Akademie der Bildenden Künste, um das sie sich mit fotografischen Arbeiten und großformatigen Holzschnitten beworben hatte, beschäftigte sich Ismayr noch mit Druckgrafiken und Zeichnungen. Mit der Zeit aber verschrieb sie sich zunehmend der Fotokunst und engagierte sich immer mehr in der Klasse für Fotografie von Dieter Rehm (seit 2010 Präsident der Akademie).

 

Geprägt haben Ismayr zahlreiche Auslandsaufenthalte, vor allem in Indien und Japan. Bereits nach ihrem Schulabschluss hat sie längere Touren in den Himalaya unternommen und ist außerdem nach Südostasien gereist, wo sie ihre Passion für die Fotografie entdeckte. Auch begann Ismayr, sich mit den unterschiedlichsten Vorstellungen von Zeit und Zeiträumen auseinanderzusetzen. Sie macht Aufnahmen ein- und desselben Motivs, wobei manchmal Tage, dann wieder Monate zwischen den einzelnen Aufnahmen liegen können.

 

Diese legt Ismayr dann in Folien übereinander, sodass sich verschwommene Konturen von Blumen (etwa „Amaryllis I“, 2014) von Bäumen, Sträuchern, Gras und fließendem Wasser abzeichnen. Was dem bloßen Auge des Betrachters entgeht, nämlich das fortwährende Wachsen (in) der Natur, wird durch die übereinandergeschichteten Fotografien sichtbar gemacht. Hinzu kommen Lichtinstallationen, die die optischen Effekte verstärken und die „Veränderung im Gleichen“ illustrieren. Der eigentlich abstrakte Begriff „Zeitraum“ wird so gegenständlich gemacht.

 

Zu den bisherigen Preisträgern zählen die Malerin Christine Gruber und der Bildhauer Bernd Wagenhäuser, beide aus Bamberg, die sich 1996 über die Auszeichnung freuen konnten, der Nürnberger Installations- und Performancekünstler Wolfgang May (er überraschte 2002 das geladene Publikum mit einem Fußballspiel im Alten Rathaus, wo bekanntlich die Sammlung Ludwig – Fayence und Porzellan – untergebracht ist) sowie die Malerinnen Justine Otto (2005) aus Offenbach am Main und, zuletzt, 2011, Anke Armandi (Wien), die fränkische Wurzeln hat, da sie in Lichtenfels aufgewachsen ist. Neben dem Essener Bildhauer Michael Seeling wurde die Bamberger Künstlergruppe „Das Institut“ (Friedolin Kleuderlein, Bernhard Kümmelmann, Hubert Sowa und deren Saxophonist Tom Eisen) bei der Premiere 1992 mit dem Kunstpreis ausgezeichnet.

 

Bislang fanden sich also unter den Hinniger-Preisträgern zumeist Maler und Bildhauer. Mit Sonja Ismayr wir jetzt erstmals eine Künstlerin ausgezeichnet, deren bevorzugtes Ausdrucksmedium die Fotografie ist. Über die dezidierte Würdigung ihres Schaffens, die sich monetär in 4000 Euro niederschlägt, war Ismayr, wie sie sagt, „auf jeden Fall überrascht“. Umso größer ist ihre Freude darüber. Die Preisverleihung findet am 19. Oktober 2014 in der Stadtgalerie Bamberg – Villa Dessauer statt. Gleichzeitig wird die Sonderausstellung „Intervalle“ eröffnet, die bis zum 23. November in der Stadtgalerie zu sehen sein.

 

Zuletzt sei noch der Hinweis auf die „Dramatik des Alltags“ erlaubt. Der 1990 in Kassel bei Weber und Weidemeyer erschienene, von Gretel Hinniger herausgegebene Band – er ist antiquarisch noch zu haben – erlaubt einen Einblick in das künstlerische Schaffen ihres Sohnes, dessen Leben ein dramatisches (er wurde von einem LKW überrollt), zu frühes Ende fand. Durch die Stiftung seiner Mutter, durch den Preis und dessen Träger(-innen), bleibt die Erinnerung an beide wach.

 

Copyright Fotos: © Sonja Ismayr

Jürgen Gräßer
30.09.2014

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