Dichter, und immer dichter, am Klavier

Piotr Anderszewski spielt Bach, Schumann, Szymanowski

Dichter, und immer dichter, am Klavier

 Man muss es gehört haben, dieses im doppelten Sinne Pianospiel. Wenn Piotr Anderszewski am Klavier sitzt, dann sind es gerade die leisen Töne, die stillen, mit denen der polnische Meister an 88 Tasten, 1969 in Warschau geboren, zu (be-)zaubern weiß. Am Nikolaustag lässt sich das im Keilberth-Saal der Bamberger Konzerthalle nachprüfen. Anderszewski ist in der aktuellen Spielzeit Portraitkünstler der Bayerischen Staatsphilharmonie und so kommt es, nicht zum ersten Male, zur Zusammenarbeit der Symphoniker mit dem Musikverein, in dessen Kammermusikreihe sich Anderszewski mit einem Solorezital am Steinway vorstellt.

 

Am Beginn des Abends steht Bachs Englische Suite Nr. 3 g-moll, die auch Anderszewskis aktuelle CD eröffnet. Gerade in der reich verzierten Wiederholung, in den „Agréments“ der Sarabande, spricht der Dichter. Hier singt der Poet. Ein Bachspiel, das seinesgleichen sucht oder dann doch – Geschmäcker sind verschieden – demjenigen Glenn Goulds an die Seite gestellt werden kann. Es dauerte im Übrigen lange, bis sich der Pole, der heute in Portugal lebt, vom Einfluss des großen kanadischen Bachdeuters befreit hatte.

 

Lange dauerte es auch, bis Anderszewski die Klangwelten seines Landsmannes Karol Szymanowski für sich entdeckte. Der Mythenzyklus Métopes aus dem Weltkriegsjahr 1915 zeichnet die „Insel der Sirenen“ nach, dann Calypso und Nausicaa, Frauengestalten, denen Odysseus auf seiner Reise begegnet. Eine zarte, impressionistisch à la Debussy oder Ravel angehauchte Musik, der sich nach der Pause Robert Schumanns sogenannte „Geistervariationen“ anschließen werden.

 

Diese Variationen über ein eigenes Thema sind ein atmosphärische Musik gewordenes Adieu in Es-Dur – Schumanns letztes, im Februar 1854 vor der Selbsteinweisung in die Nervenheilanstalt in Endenich bei Bonn, komponiertes Werk. Wie wir aus Clara Schumanns Tagebuch wissen, waren es die Geister Schuberts und Mendelssohns, die ihrem Gatten das Thema vorsangen und „über welches er für mich ebenso rührende wie ergreifende Variationen machte“. Robert selbst sprach, ehe er am Rosenmontag sich mit einem Sprung in den eisigen Rhein zu töten suchte, von einer „starken und peinlichen Gehöraffektion“, von „wunderbaren Leiden“ und doch auch „wunderbarer Musik“, die ihn da halluzinatorisch heimsuchte. Dass aus diesem Stoff der arg musikaffine Peter Härtling feine „Variationen über mehrere Personen“ gemacht hat, nämlich den Roman „Schumanns Schatten“ von 1996, sei nicht verschwiegen. Noch, dass Anderszewskis Rezital mit einer weiteren, der Sechsten, Englischen Suite enden wird, die Zugaben einmal nicht mitbedacht.

 

Piotr Anderszewski spielt am 6. Dezember 2014 um 20.00 Uhr im Keilberth-Saal der Bamberger Konzerthalle.

 

Copyright Foto: © KMiura

Jürgen Gräßer
26.11.2014

Eure Meinung? Leserbrief verfassen