Leipzig ist eine Stadt der Literatur

Nicht nur zur Zeit der Buchmesse

Leipzig ist eine Stadt  der Literatur

 In wohl keiner zweiten Stadt in diesem Lande hat das Buch, hat die Literatur (und das Verlegen und das Drucken derselben) derart Gewicht wie in Leipzig. Alljährlich im März steht die am Zusammenfluss von Weißer Elster, Pleiße und Parthe gelegene Universitätsstadt – die selbstverständlich auch eine Stadt der Musik ist (Bach, Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Wagner, Mahler) – ganz im Zeichen des Lesens. „Leipzig liest“ nennt sich denn auch selbstbewusst das Motto der Buchmesse, die in diesem Jahr vom 12. März bis zum 15. März nach Sachsen lockt. Anders als bei deren herbstlichem Pendant in Frankfurt am Main versteht sich das Leipziger Ereignis als eine Publikumsmesse: Kein einziger Tag ist in Leipzig Fachleuten vorbehalten.

Im Blickpunkt stehen ein halbes Jahrhundert deutsch-israelische diplomatische Beziehungen. Zwei Dekaden nach dem Ende der NS-Diktatur und dem Abschlachten von rund sechs Millionen Juden, siebzehn Jahre nach Israels Staatsgründung nahmen Deutschland und Israel am 12. Mai 1965 diplomatischen Austausch auf. Autoren beider Länder werden zusammenkommen, um über das Gewesene, das Jetzige, das Künftige zu diskutieren. Am Donnerstag, den 12. März, wird der Messeschwerpunkt eröffnet. Unter anderen haben sich Amos Oz, Hilla Blum, Meir Shalev, Katharina Hacker, Mirjam Pressler und der ehemalige Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia Bamberg, Rainer Merkel, angekündigt.

Die „Lange Nacht der deutsch-israelischen Literatur“ lockt am ersten Messeabend von 19.30 Uhr an in das Schauspiel Leipzig. Zeitgenössische Zeichner aus Israel beteiligen sich an der Manga-Comic-Convention in der Messehalle 1 und gewähren Einblicke in die keinesfalls arme Comicszene des Landes. Da Sachsen in diesem Jahr die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz innehat, findet die Frühjahrssitzung der Kultus- und Wissenschaftsminister im Rahmen der Buchmesse statt. Aktuelle länderübergreifende Fragen zu den Themen Schule, Hochschule und Kultur sollen erörtert werden. Dem Thema „Veränderte Lebenswelten von Kindern – Perspektiven der Kinder wahrnehmen und verstehen“ nimmt sich am Messefreitag ein Symposion zur frühkindlichen Bildung an.

Der Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene hat sich die Kurt-Wolff-Stiftung verschrieben. Im Forum „Die Unabhängigen“ werden am 13. März die Kurt-Wolff-Preisträger 2015 geehrt. Der Hauptpreis geht an den Berenberg Verlag. Die Bücher des Berliner Hauses (Essays, Bio- und Autobiografisches, Lyrik) sind sämtlich fadengeheftet und in Halbleinen mit schönen Vorsatzblättern gebunden, Papier und Typografie von ausgesuchter Qualität, sodass „bei deren Lektüre sich dem intellektuellen Reiz und der Lust am Text die Freude an der eleganten Buchgestaltung beigesellt“, so das Kuratorium der Kurt-Wolff-Stiftung.

Der Förderpreis, mit 5000 Euro verbunden, geht an die in Leipzig ansässige Connewitzer Verlagsbuchhandlung. „Was am Ende bleibt, sind nicht Verkaufszahlen, sondern Begegnungen und Erfahrungen“, sagt Peter Hinke, deren Chef. Sein Verlag, so begründete die Stiftung ihre Entscheidung, knüpfe an „Kurt Wolffs Leipziger Vorbild der großen Literatur in kleiner Buchform“ an, trete mit Nachdruck für die Gegenwartslyrik ein – dafür stehen Namen wie Andreas Reimann und Carl-Christian Elze, Kerstin Preiwuß und Ulrike Almut Sandig – und schlage auf hohem buchkünstlerischen Niveau Brücken zwischen Schrift und Bild.

Sandig gehört zu den Absolventinnen des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, neben Hanns-Josef Ortheils Hildesheim noch immer die einzige Möglichkeit bei uns, einen Master in „Literarischem Schreiben“ zu machen. Michael Lentz, Hans-Ulrich Treichel und Josef Haslinger lehren an dem Institut. Auf die Frage, ob die dort Studierenden einen eigenen „Sound“ hätten, antwortet Haslinger in der Dezember-Ausgabe der Literaturzeitschrift „allmende“, die der „Literaturstadt Leipzig“ gilt: „Einen eigenen ‚Sound‘, ja, aber selten einen gemeinsamen.“ Die inzwischen im Mitteldeutschen Verlag Halle erscheinende „allmende“ stellt in kleinen Essays das Museum für Druckkunst, das Deutsche Buch- und Schriftmuseum und das Literaturhaus im Haus des Buches vor, die alle in Leipzig ein Zuhause gefunden haben.

Karim Saab erinnert an die Leipziger Untergrundzeitschrift „Anschlag“, Detlef Döring an „Das literarische Leben in Leipzig zwischen Spätmittelalter und Romantik“, also an Gottsched und Gellert, an Goethes von 1765 bis 1768 währende Leipziger Zeit, an Novalis und Friedrich Schlegel, die dort die Universität besuchten. An Texten etwa von Ricarda Junge, von Marie T. Martin („Die zehn Leipziger Gebote“; deren erstes lautet: „Du sollst keine Literaturinstitute gründen.“), von Saša Stanišic lässt sich dem Leipziger Klang nachspüren. Für seinen Roman „Vor dem Fest“ (Luchterhand) wurde Stanišic in der Sparte Belletristik mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2014 bedacht. Im März ist dann zu erfahren, wer zu den diesjährigen Preisträgern gehören wird. Die Auszeichnung wird auch für Arbeiten im Bereich der Übersetzung und Sachbuch/Essayistik ausgelobt.

Buchmesse Leipzig, Foto © Lepziger Messe GmbH, Tom Schulz / Buchmesse Leipzig, Foto © Lepziger Messe GmbH, Ulrich Koch

Information:

 

 

Weitere Informationen im Netz
unter diesen Links:

www.leipziger-buchmesse.de
www.allmende-online.de

Jürgen Gräßer
03.02.2015

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