Kunsthistorikerin wird VHS-Leiterin

Die Bambergerin Anna Scherbaum im Gespräch

Kunsthistorikerin wird VHS-Leiterin

Kulturelle Führungspositionen werden in diesen Wochen und Monaten in Bamberg gern mit Frauen besetzt. Die aus Bochum stammende Sibylle Broll-Pape löst in der Spielzeit 2015/2016 den Intendanten Rainer Lewandowski am E.T.A.-Hoffmann-Theater ab, an der Städtischen Volkshochschule hat im vergangenen November Anna Scherbaum das Zepter von Martin Köhl übernommen. Und wer weiß, vielleicht wechselt ja, wenn Jonathan Nott in einem Jahr die Bamberger Symphoniker verlässt, eine Maestra an das Dirigierpult der Bayerischen Staatsphilharmonie, Simone Young beispielsweise oder Marin Alsop, Susanna Mälkki? Nun gut, das dürfte eher unwahrscheinlich sein. Im Alten E-Werk in der Tränkgasse, dem Sitz der Volkshochschule Bamberg, trafen Ludwig Märthesheimer und Jürgen Gräßer deren Leiterin zum Gespräch.

 

Sie haben zum 1. November die Nachfolge von Martin Köhl angetreten. Gleich zu Semesterbeginn konnten Sie nicht loslegen, da Sie noch an Nürnberg gebunden waren, wo Sie als Museumspädagogin am Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrum der Museen wirkten.

Anna Scherbaum: Genau. Es wurde dann ein Auflösungsvertrag anberaumt. Normalerweise wäre mein Vertrag erst Anfang 2015 gekündigt worden, aber die waren dann so nett, mich zum November rauszulassen.

 

Dann sind Sie sicherlich froh gewesen, dass Martin Köhl noch eine Übergangszeit hatte.

Anna Scherbaum: Sehr froh. Eigentlich war angedacht, dass wir uns im September überlappen. Er hat dann extra noch den Oktober gearbeitet und im November als 450-Euro-Kraft, in Anführungszeichen, hier mitgewirkt. Das war hochanständig und für mich auch sehr, sehr ebnend. Aber man muss eben auch die Seite der Nürnberger sehen, die sagen, die Stadt wusste, dass Köhl 65 wird und ausscheidet. Bamberg hätte die Stelle sehr viel früher ausschreiben können. Die Nürnberger konnten meine ehemalige Stelle erst zum 1. März neu besetzen. Die haben ganz schön ins Gras gebissen und mich sehr ungern gehen lassen.

 

Warum haben Sie denn überhaupt gewechselt?

Anna Scherbaum: Ja, das ist so eine Geschichte. Ich habe in der Volkshochschule schon mehrere Jahre lang immer wieder Kurse angeboten, was mir viel Spaß gemacht hat. Das hat mir den Weg zu Thomas Riegg [pädagogischer Mitarbeiter und Programmbereichsleiter Sprachen, Kultur und Gestalten] aufgebaut, der sagte: „Wissen Sie, unser Chef geht in Ruhestand. Wäre das nicht etwas für Sie?“ Zunächst hat mich das gar nicht so berührt. Ich hatte über ein Jahr Zeit, darüber nachzudenken. Und in dem Jahr habe ich mir überlegt, dass es eigentlich eine Aufgabe ist, die der meinen sehr ähnlich ist, aber umfassender. Und noch dazu an einem Ort, wo ich sowieso wohne. Das sind viele Vorteile, dachte ich mir. Außerdem bin ich in einer Altersklasse, wo man durchaus nochmal eine Horizonterweiterung verträgt und gern annimmt. Das sind ganz spannende Herausforderungen. Für mich war es immer wichtig, Wissenschaft so umzusetzen, dass sie den Empfänger erreicht. Das kann ich hier jetzt in einem noch sehr viel breiteren Maße anwenden, und das macht mir sehr viel Freude. Und das war eigentlich auch der Punkt, wo ich mir sagte: Versuchen wir es einmal.

 

Schön, dass es geklappt hat.

Anna Scherbaum: Ja, schön. Sehr schön.

 

Apropos Wissenschaft. Sie haben mit einer Arbeit zu Albrecht Dürers „Marienleben“ promoviert und unterrichteten ja auch am Lehrstuhl für Kunstgeschichte des Mittelalters der Otto-Friedrich-Universität.

Anna Scherbaum: Dort bin ich immer noch. Ich habe einen Lehrauftrag und biete Blockseminare zum Thema Ausstellungsdidaktik und Museumspädagogik an. Ich bin da als Frau aus der Praxis mit im Boot, weil es für die Studenten wichtig ist, auch einmal zu sehen, wie das Wissen eigentlich angewendet wird.

 

Inwieweit trägt denn das aktuelle, sehr umfangreiche Semesterprogramm bereits die Handschrift der neuen Leiterin?

Anna Scherbaum: Wir haben eine neue Reihe, „VHS um FÜNF – Kunst und Kultur am Nachmittag“, Vorträge zu Künstlern und Kunstwerken, die aktuell in Bamberg gezeigt werden. In einem zweiten Schritt gehen wir dann auch dort hin. Wir schauen uns die Kunst im Original und im Kontext an. Das ist etwas Neues, ein ganz schönes Format. Ich habe gestern damit begonnen und habe zwei Arbeiten von Johann Michael Bretschneider, dem Barockmaler, vorgestellt, die hier in der Staatsgalerie hängen. Lore Kleemann wird zu Franz Marc und dem „Blauen Reiter“ sprechen und ins Lenbachhaus fahren. Dann haben wir, im Juni, herman de vries, und gehen in den Steigerwald.

 

Der Altersschnitt gestern war doch sehr hoch. Ist das Ihre Zielgruppe?

Anna Scherbaum: Eigentlich nicht. So darf man es nicht sagen. Es ist auch unsere Zielgruppe. Wir wollen das ältere Publikum nicht verprellen, sondern sind sehr, sehr dankbar um jeden, der kommt. Das Publikum bei der Semestereröffnung war sehr gemischt, und daran hoffen wir jetzt anzudocken und weiter dranzubleiben. Wir haben in dieser Reihe ja auch John Young drin und Jörg Länger. Wir haben versucht, ein größeres Paket mit unterschiedlichen Richtungen zu schnüren. Und ich habe Bretschneider genommen, weil mir arg ist, dass kaum jemand die Staatsgalerie kennt.

 

Sie haben auch (Kunst-)Fahrten im Programm, etwa nach München ins Lenbachhaus?

Anna Scherbaum: Wir haben sehr, sehr schöne Fahrten, die auch alle laufen. Nur Lüpertz nicht. Wir fahren auch zu Lüpertz, der uns selber führen will.

 

Den mag vielleicht keiner?

Anna Scherbaum: Aber ich denke mir, wo es jetzt die Diskussion gibt, ob Markus Lüpertz die Elisabethkirche ausstaffieren soll, wäre es für einen mündigen Bürger durchaus interessant, sich so etwas einmal vor Ort anzuschauen. Wie arbeitet er? Was ist das für einer, und was passiert da eigentlich, und was können wir uns für Bamberg vorstellen? Und wir als Volkshochschule sind tatsächlich ein Ort, wo so etwas dann möglich sein und angestoßen werden sollte. Eine Bildungseinrichtung kann auch Themen, die da sind, unterstützen, ohne positiv oder negativ zu werten, kann einfach die Meinungsbildung unterstützen. Das ist mir wichtig. Deshalb habe ich auch Veit Bergmann eingeladen, den Geschäftsführer der Stadtbau, der im Juli über „Wohnen im Schatten des Weltkulturerbes“ referieren wird. Und wir haben statt eines Kunsthistorikers den Finanzreferenten Bertram Felix eingeladen, über den Michaelsberg zu sprechen.

 

Darin zeigt sich schon Ihre Handschrift. Gibt es sonst noch Neues?

Anna Scherbaum: Wir habe jetzt auch Kurse, die kürzer gehalten sind und solche, die nicht zu Anfang des Semesters beginnen. Darauf weisen wir in einer Zeitungsbeilage hin. Wir haben ein sehr gutes Feedback erhalten, das sich auch in den Buchungszahlen niederschlägt. Mein Vorgänger hat dies noch mit angestoßen. Dafür bin ich ganz dankbar.

 

Welche Kurse, welche Angebote, finden denn großen Zuspruch? Und welchen wünschen Sie noch mehr Teilnehmer, Besucher, Zuhörer?

Anna Scherbaum: Sehr beliebt sind die Zumba-, Yoga- und Sportkurse. Sehr beliebt sind einige Sprachkurse, Englisch, Französisch, Italienisch in unterschiedlichen Niveaustufen. Das klappt eigentlich prima. Ausgesprochen beliebt sind die Kochkurse und Weinseminare. Das läuft super. Und wir haben einen Philosophiekurs, der ganz prima läuft. Wir würden uns aber darüber freuen, wenn andere Kurse, beispielsweise Mathematik nicht nur für Nerds, besser angenommen würden. Auch für einen Lateinkurs, „Endlich Zeit für Latein und die Kultur der Antike“ rühren wir jetzt noch einmal die Werbetrommel.

 

Wieviele Mitarbeiter haben Sie eigentlich hier am Haus, und wieviele Dozenten?

Anna Scherbaum: Es sind in diesem Semester 370 Dozenten, die für uns arbeiten, und wir haben vier Programmbereichsleiter, im Sekretariat fünf Mitarbeiter, einen Hausverwalter, mehrere Hausmeister, Reinigungspersonal. Das Haus öffnet morgens um halb acht und ist bis 21.30 Uhr, manchmal bis 22.30 Uhr, geöffnet. Und wir bedienen ja auch Außenstellen, etwa in der Gartenstadt, sind in Altenheimen vertreten.

 

Wie sieht es denn mit der Qualifikation der Dozenten aus?

Anna Scherbaum: In der Regel ist es so, dass wir Bewerbungen bekommen und diese dann an den Programmbereichsleiter gehen. Es geht nicht nur um Zeugnisse und Zertifikate, sondern auch um die pädagogische Eignung. Und wir haben auch Kurse für unsere Dozenten, in denen sie etwa lernen, wie man seinen Unterricht vorbereitet und in denen sie die Richtlinien des Verbandes vermittelt bekommen. Ich bin auch dafür, ab und an in den Kursen zu hospitieren und nicht nur auf die Teilnehmerwahrnehmung zu hören.

 

Gibt es eigentlich ein bayern- oder bundesweites Ranking, in dem Sie die VHS Bamberg einordnen können, was Angebot und Besucherzahlen angeht?

Anna Scherbaum: Es gibt einen Zuschuss, der sich nach der Zahl der Teilnehmer und Kursdoppelstunden berechnet. Ich denke, wir stehen eigentlich recht gut da.

 

Können Sie etwas zur Entwicklung des Hauses sagen? Wo sehen Sie denn die VHS Bamberg in fünf Jahren?

Anna Scherbaum: Ich würde mich sehr freuen, wenn wir unser Stammpublikum halten könnten und ein jüngeres Publikum hinzugewinnen würden. Ich würde mich freuen, wenn wir mit wichtigen städtischen und freien Bildungsträgern so kooperieren könnten, dass es nicht so viele Dopplungen und Überschneidungen gibt, dass Dinge gemeinsam angegangen werden, die dann auch entsprechend vielschichtiger das Publikum erreichen. Es würde mich sehr freuen, wenn wir auch in den Stadtteilzentren weiter den Fuß drin hätten und dies noch ausbauen könnten. Ein Bildungszentrum für unterschiedliche Schichten. Das wäre mir sehr wichtig.

 

Glauben Sie, dass sich das Thema VHS, das Thema Erwachsenenbildung verändern wird?

Anna Scherbaum: Ich habe den Eindruck, dass Bildung in einer sich immer stärker differenzierenderen Welt weiterhin wichtig bleibt. Und ich habe den Eindruck, dass Bildung auch für jüngere Generationen wichtig werden muss, gerade über die Arbeit in der Gruppe, wie wir es an der Volkshochschule tun. Den Bereich E-Learning beobachte ich skeptisch. Für mich ist das kein Weg. Das Gruppengefühl ist das A und O. Ich denke, dass ein Miteinander, dass ein Zusammenkommen sehr, sehr wichtig ist. Ich glaube, dass ein Ort für Kommunikation, ein gesicherter Lernort, wie es die Volkshochschule ist, von Bedeutung ist, für Besucher aus ganz unterschiedlichen Nationen. Und wir haben Dozenten aus siebzig Nationen. Ich denke, dass wir tatsächlich ein Ort sind, wo diese sich stark verändernde Gesellschaft zusammenwachsen kann.

 

Besten Dank für das Gespräch. Und der VHS Fortune, gutes Gelingen.

 

Copyright Foto: 2mcon, Bamberg

 

Ludwig Märthesheimer & Jürgen Gräßer
01.04.2015

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