Wir setzen uns mit Tränen nieder

Bachs Matthäus-Passion in verschiedenen Aufnahmen

Wir setzen uns mit Tränen nieder

 An Einspielungen der bachschen Matthäus-Passion fehlt es nicht; vollständige liegen über 250 vor. Eine der allerersten (Gesamt-)Aufnahmen ist um 1930 in der Kirche St. Bartholomew mit deren Chor in New York City entstanden. Der gebürtige Waliser David McKinley Williams dirigierte. Eine der bislang letzten Einspielungen stammt vom 80. Bach-Festival des Baldwin-Wallace College in Berea, Ohio. Die Gesamtleitung lang in den Händen von Dwight Oltman, der bei Pierre Monteux Dirigier- und bei Nadia Boulanger Kompositionsunterricht hatte.

 

Der Bach- und Musikfreund sieht sich also der Qual der Wahl ausgesetzt. Da sind Aufnahmen auf modernen Instrumenten – etwa eine frühe, von 1939, mit dem Mahler-Vertrauten Willem Mengelberg am Pult des Koninklijk Concertgebouworkest, sodann die anno 1962 von Otto Klemperer mit dem Philharmonia Orchestra, mit Peter Pears, Dietrich Fischer-Dieskau, mit Elisabeth Schwarzkopf und Christa Ludwig vorgelegte, und Helmuth Rillings Deutung von 1978, mit der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart. Auch der Komponist (und Dirigent) Ralph Vaughan Williams hat die Matthäus-Passion eingespielt, anno 1958.

 

Unter den Aufnahmen, die sich einer historisch informierten Lesart bedienen, ist jene mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus aus dem Jahre 1970, oder etwa die von John Eliot Gardiner und seinen English Baroque Soloists (1989) und, als zwei der jüngsten, die von René Jacobs und der Akademie für Alte Musik Berlin und dem Rias Kammerchor aus dem vorvergangenen, sowie jene mit Peter Dijkstra und dem Chor des Bayerischen Rundfunks.

 

Am spannendsten vielleicht ist der Zugang, mit dem sich der im Januar sechzig Jahre alt gewordene Simon Rattle, der im September 2017 Chefdirigent des London Symphony Orchestra werden wird, der Passio Domini nostri Jesu Christi secundum Evangelistam Matthaeum für Solisten, Knabensoprane sowie zwei Vokal- und Instrumentalchöre genähert hat. Der Wiener Literaturkritiker Ulrich Weinzierl sprach in der Berliner Tageszeitung „Die Welt“ gar von „Simon Rattles Osterwunder“. An seine Seite hat sich Rattle den US-amerikanischen Regisseur Peter Sellars geholt, der nicht ganz unumstritten ist, andererseits aber gerade für seine innovativen Arbeiten geschätzt wird. Im zurückliegenden Jahr sind der Matthäus-Passion in nahezu identischer Besetzung – und wieder in Zusammenarbeit mit Sellars – Ende Februar und am ersten Märzsonntag Aufführungen der Johannes-Passion gefolgt. Auch deren Ergebnis liegt inzwischen auf DVD vor.

 

Statt von einer Inszenierung spricht Sellars, der in Boston mit den Bach-Kantaten, die Sonntag für Sonntag während des Gottesdienstes aufgeführt wurden, groß geworden ist, lieber von Ritualisierung. Die Matthäus-Passion, sagt Sellars, „ist ja kein Theaterstück“, sondern sie sei vielmehr „ein Gebet, eine Meditation“. Diese Ritualisierung erlebte ihre Premiere im März 2010 bei den Salzburger Osterfestspielen. Im April dann ging es in die Berliner Philharmonie. Die letzte von drei dortigen Aufführungen ist in einem Mitschnitt auf DVD festgehalten worden.

 

Sellars spielt mit dem Raum (wie es ja schon Bach in der Thomaskirche gehalten hatte, indem er Chöre und Instrumentalisten auf zwei sehr weit auseinanderliegende Emporen verteilte), spielt mit den Gegebenheiten der Berliner Philharmonie. Er stellt die Musiker einander gegenüber, verteilt Sänger und Chor. Die Grenzen zwischen Bühne, Mitwirkenden und Zuhörern, die teils auf dem Podium sitzen, verschwimmen und münden in eine Gemeinschaft. Sellars will das Monument, das die Matthäus-Passion zweifelsfrei nun mal ist, nicht aus der Ferne anbeten, sondern sagt vielmehr: „Wir öffnen es und gehen mitten hinein.“ Das lässt sich auf zwei DVDs (sehr gut die Aufnahmetechnik, ganz wundervoll die Kameraführung: Fabian Welther, Annett Gierschner, Stefan Zwickirsch) nachhören und anschauen.

 

In dem lichten Eingangschor „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!“ (für Chor I und II sowie Knabensoprane) schreiten die Sänger über die Bühne, blicken sich an, reichen einander die Hände oder umarmen sich. Für die neunzig Zwölfachtel-Takt-Takte benötigt Rattle ganz knappe sieben Minuten, Karl Richter mit dem Münchener Bach-Chor und -Orchester hingegen, aufgenommen 1971, nahezu elf Minuten, Otto Klemperer in seiner legendären Einspielung von 1962 – sie wird Ende April bei Warner wieder herauskommen – bringt es auf elf Minuten und zweiundvierzig Sekunden. Denen stehen sechs Minuten und sechs Sekunden gegenüber, in welchen Paul McCreesh und die Gabrieli Players den Eingangschoral interpretieren. Wie unter Rattle, gibt auch bei McCreesh der genialische Mark Padmore den Evangelisten, und Magdalena Kožená ist gleichfalls bei beiden Einspielungen vertreten.

 

Koženás beweglicher Alt sorgt für eine ergreifende „Buß-und-Reu“-Aria, großartig begleitet von den beiden Flötisten Emmanuel Pahud und Florian Aichinger. „Blute nur, du liebes Herz“ füllt (die im Übrigen hochschwangere) Camilla Tilling mit ihrem kernigen Sopran aus, auch wenn wir zugeben müssen, dass uns die Deutung der Aria von der hinreißenden Hana Blažiková unter Philippe Herreweghe mit dem Collegium Vocale Gent noch wesentlich besser gefällt, was wir keinesfalls dem ansprechenden Äußeren der tschechischen Sopranistin, die sich auch auf das Harfenspiel versteht und in einer Punkband an der Bassgitarre rockt, geschuldet wissen wollen.

 

Einer kleinen Besetzung in den Chören und den beiden Orchestergruppen bedient sich auch René Jacobs, der auf flotte, fließende Tempi setzt, in seiner im Aufnahmestudio entstandenen Einspielung für harmonia mundi mit dem RIAS Kammerchor, dem Staats- und Domchor Berlin und der famosen Akademie für Alte Musik Berlin. Wie bei Rattle übernimmt auch hier der Finne Topi Lehtipuu die Tenor-Rezitative und –Arien, Werner Gürra agiert als Evangelist, Johannes Weisser als Christus. Das Beiheft übrigens ist vorbildlich gestaltet und überaus umfangreich. Es finden sich darin ein Essay des Würzburger Musikwissenschaftlers Konrad Küster sowie Überlegungen zu der Neueinspielung von Jacobs selbst. Chapeau! Zur DVD können wir leider nichts sagen, denn sie hatte einen Defekt.

 

BR Klassik hat einen Konzertmitschnitt vom Februar 2013 aus dem Herkulessaal der Münchner Residenz vorgelegt. Peter Dijkstra leitet den bestens aufgelegten BR-Chor, die Regensburger Domspatzen und das Concerto Köln, Gerhild Romberger bringt ihren wunderbaren Mezzo ein, Julian Prégardien gestaltet den Part des Evangelisten aus, Karl-Magnus Fredriksson (Bariton) den des Jesus. Die Tränen im finalen c-Moll-Chor – „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ – lassen sich buchstäblich hören.

 

Zum Schluss sei hier noch Friedrich Nietzsche zitiert: „In dieser Woche habe ich dreimal die Matthäus-Passion des göttlichen Bach gehört, jedesmal mit demselben Gefühl der unermesslichen Verwunderung. Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium.“

 

Die Aufnahmen:

 

Paul McCreesh, Gabrieli Players. Deborah York (Sopran), Julia Gooding (Sopran),

Magdalena Kožená (Mezzo-Sopran), Susan Bickley (Mezzo-Sopran), Mark Padmore (Tenor), James Gilchrist (Tenor), Peter Harvey (Bass), Stephan Loges (Bass). DG Archiv, 2003.

 

Simon Rattle, Berliner Philharmoniker, Knaben des Staats- und Domchors Berlin, Rundfunkchor Berlin, Camilla Tilling, Sopran, Magdalena Kožená, Mezzosopran, Topi Lehtipuu, Tenor (Arien), Mark Padmore, Tenor (Evangelist), Christian Gerhaher, Bass (Christus), Thomas Quasthoff, Bass (Arien), Peter Sellars (Inszenierung). Berlin Phil Media, 2012 (DVD).

 

Peter Dijkstra, Concerto Köln, Regensburger Domspatzen, Chor des Bayerischen Rundfunks, Julian Prégardien, Tenor (Evangelist), Karl-Magnus Fredriksson, Bariton (Jesus), Karina Gauvin, Sopran, Gerhild Romberger, Mezzosopran, Maximilian Schmitt, Tenor (Arien),
Michael Nagy, Bariton (Arien/Pilatus).
BR-Klassik, 2013.

 

René Jacobs, Akademie für Alte Musik Berlin, Staats- und Domchor Berlin, RIAS Kammerchor, Werner Güra, Johannes Weisser, Sunhae Im, Bernarda Fink, Topi Lehtipuu, Konstantin Wolff. HMF, 2013 (2 SACDs, 1 DVD).

 

Philippe Herreweghe, Chor und Orchester des Collegium Vocale Gent, Christoph Prégardien (Tenor), Tobias Berndt (Bariton), Dorothée Mields (Sopran), Hana Blažíková (Sopran), Damien Guillon (Altus), Robin Blaze, (Altus), Colin Balzer (Tenor),
Hans-Jörg Mammel (Tenor), Matthew Brook (Bass-Bariton), Stephan MacLeod (Bass-Bartion). Konzertmitschnitt aus der Kölner Philharmonie vom Karfreitag 2010, gesendet auf 3SAT.

 

Copyright Fotos:

 

Berliner Philharmoniker, Fotos © Andreas Knapp

Jürgen Gräßer
03.04.2015

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