Zum Tode von Günter Grass

Butt, Rättin und Zitronenfalter

Zum Tode von Günter Grass

 Zum Tode von Günter Grass

Butt, Rättin und Zitronenfalter

 

Zu den uns liebsten Gedichten deutscher Zunge zählen zweifelsohne zwei, drei von Günter Grass. So sehr wir ihn als Romancier nicht kennen, nicht mögen, verkennen, so sehr schätzen wir den an diesem Montag in Lübeck verstorbenen Literaturnobelpreisträger von 1999 als Bildhauer, Maler, Graphiker und eben als Lyriker. Kostprobe gefällig? Voilà –

 

Tour de France

 

 

Als die Spitzengruppe
von einem Zitronenfalter
überholt wurde,
gaben viele Radfahrer das Rennen auf.

 


Kurz und knapp und mit einer Prise Humor bringt Grass hier auf den Punkt, dass die Natur dem Menschen (und sei er noch so vollgestopft mit Doping) doch weit überlegen ist. Denn der Zitronenfalter steht ja hier für nichts anderes als ein zweites, sozusagen naturbelassenes „maillot jaune“, das gelbe Trikot, das sich der Spitzenreiter der Tour de France überstreifen darf. Wunderbar auch „Bei hundert Grad“, das wir hier nur aus dem Gedächtnis zu zitieren imstande sind: „Jedesmal staunen / wenn das Wasser im Kessel / zu singen beginnt“.

 

Nun ist er also, der passionierte Pfeifenraucher und Hobbykoch, der zeitweilige Schlagzeuger (in einem Düsseldorfer Jazzkeller trommelte er einmal zu und mit Louis Armstrong), das Mitglied der Gruppe 47 (und leider auch der Waffen-SS), der gebürtige Danziger des Jahrgangs 1927, der von Karl Hartung in der Bildhauerei ausgebildete Künstler, der Träger des Georg-Büchner-Preises von 1965 und der Auszeichnung „Schleswig-Holsteinischer Meilenstein“ des Verbandes Deutscher Sinti und Roma 2013, der Autor der Novelle „Katz und Maus“ (1961), der Erzählung „Das Treffen in Telgte“, der Romane „Der Butt“ von 1977 und, 1986, „Die Rättin“, der „Liebeserklärung“ von 2010, „Grimms Wörter“ geheißen und, wie so vieles, bei Steidl in Göttingen herausgekommen, im hohen Alter von siebenundachtzig Jahren in Lübeck verstorben.

 

Fritz J. Raddatz, der ihm Ende Februar aus freien Stücken vorausging, schrieb nach einem Besuch bei dem langjährigen Freund im Juli 2005: „Doppel-Thomapyrin-Nacht nach dem Besuch gestern Abend bei Grass (zu lang: 18 – 22 Uhr). […] Was mich berührte bis zum Erschrecken: Er kann offensichtlich nicht mal mehr über das wunderbar-schweigende große Grundstück in Behlendorf gehen, nicht weiter als bis zum Atelier rüber, man saß an dem zaubrischen Sommerabend nicht wie sonst tief unten im Garten, sondern auf Klappstühlen direkt am Haus. Gräßlich, wie knorrig-splittern wir alten Bäume alt werden“. Und 2012, im September, in Kampen, auf Sylt, hielt Raddatz fest: „Gräßlich, wie wir alle diese große Lüge ‚Wir sind noch wer‘ leben, uns an ihr festhalten wie an einer Krücke: Günter Grass verschickt anlässlich seines 85. – ein Tüt’chen Brausepulver!“

 

Es sei noch daran erinnert, dass sich im Bamberger Kunstkontor Richard H. Mayer auf der Oberen Brücke etliche Werke von Grass bestaunen lassen. Und dass sich in dem Band „Die Hölderlinie“ von Kurt Bartsch, 1983 im Rotbuch Verlag Berlin erschienen, Parodien finden, auf Peter Huchel, auf Peter Schneider, auf Ulla Hahn, auf Heiner Müller. Und auf Günter Grass.

 

Foto © Blaues Sofa, Berlin

Jürgen Gräßer
13.04.2015

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