Mit einem Gruss an Wallace Stevens

Jan Wagners sprachsensible Gedichte

Mit einem Gruss an Wallace Stevens

 

Es ist kaum zu glauben, wie dumm das deutschsprachige Feuilleton bisweilen daherzureden vermag. Im März, an einem Freitag, den Dreizehnten, machte sich Georg Diez (er schrieb immerhin einmal für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) im Spiegel Online lustig über die Vergabe des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik an Jan Wagner, mithin erstmals an einen Lyriker. In dessen „Regentonnenvariationen“ werde, so Diez, das „ganz, ganz Kleine gefeiert“ (warum eigentlich nicht?), das „Superprivatistische“, und zwar „auf eine so humorlose und formal öde Art und Weise, dass Langeweile schon gar kein Wort mehr ist, das sich auf diese Gedichte anwenden lässt“. Auch über die Jury weiß Diez nichts Gutes zu sagen, womöglich weil er selbst dem siebenköpfigen Gremium nicht angehörte. Diese Literatur, der er eine „Poetologie der Überflüssigkeit“ zugesteht, sei „weich und weiß“ (wiederum: warum denn nicht?). Langeweile? Formale Öde? Sonette beispielsweise finden sich etliche in dem ausgezeichneten Band, dem Langeweile ziemlich fremd ist. Auch gibt sich das Titelgedicht als Haiku-Zyklus zu erkennen, der sich (aber das weiß der Spiegel-Kritiker vielleicht nicht) vor Wallace Stevens verneigt, hält Wagner die Tradition des Bildgedichtes hoch und lässt in feinen Versen und Metaphern Tümmler lebendig werden, das Weidenkätzchen, den Giersch, Dachshund, Yeti und Yak. Wir raten zur Lektüre, ganz unbedingt.

 

Jan Wagner, Regentonnenvariationen. Gedichte. Berlin: Hanser Berlin, 2014. 103 Seiten, 15,90 Euro.

Jürgen Gräßer
22.06.2015

Eure Meinung? Leserbrief verfassen