This is the story of hurricane

Bob Dylan Rockt (oder folked) im Juni die Bamberger Arena

This is the story of hurricane

Die Meldung glich einer Sensation. Nein. Sie ist eine. Bob Dylan wird eines seiner vier Deutschland-Konzerte in der Arena in Bamberg geben. Ein Aprilscherz? Wohl kaum. Es war ja nicht der 1. April. Ein Marketinggag? Ebenfalls nicht. Der Veranstaltungsservice in Bamberg konnte schlichtweg einen monströsen Coup landen. Immerhin geht es hier um Bob Dylan.

 

Der ungekrönte König des Folkrocks, der auch in der breiten Öffentlichkeit den ihm zustehenden Respekt uneingeschränkt genießt. Der erst kürzlich eine der größten Ehrerbietungen in den Vereinigten Staaten von Amerika erhielt. Keinem geringerem als dem 74jährigen war es vorbehalten, in der letzten Talkshow von Showmasterlegende David Letterman für die letzte Musikdarbietung zu sorgen – das ist in etwa, als würden die Scorpions im Vorprogramm Dylans auftreten dürfen.

 

Jetzt also Bamberg. Der Meister höchst selbst gibt sich am 23. Juni die Ehre. Und nicht nur eingefleischte Anhänger dürfen sich freuen.

Schließlich erwartet Oberfranken ein absolutes Highlight. Dylan, als Kind deutsch-ukrainisch-jüdischer Immigranten im Mittleren Westen Amerikas aufgewachsen, gilt als einer der, wenn nicht der, einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Robert Zimmermann, wie Dylan bürgerlich heißt, landete über Wurzeln im Rock’n‘Roll-Bereich schon früh eine Punktlandung als Folkrocker. Anfang der 60er-Jahre schmiss er das Studium um sich ganz der Musik zu widmen. In New York, schon damals Melting Pot junger, aufstrebender Künstler, gelangte er schnell zu überregionalen Ehren. Oder wer kann schon behaupten, seinen ersten größeren Gig im Vorprogramm von Blueslegende John Lee Hooker bestritten zu haben? Dylan kann es. Heute ist er längst mit ihm und vielen anderen auf Augenhöhe unterwegs und hat sie nicht nur überholt, sondern zumeist auch überlebt. Dabei zählt Bob Dylan gerade einmal 73 Lenze. Die Basis dafür legte er schon in der Frühzeit seines Schaffens. „Blowing in the wind“, 2004 vom Musikmagazin Rolling Stone auf Platz 14 der bedeutendsten 500 Rocksongs der Historie bestimmt, wurde zu der Pazifisten-Hymne schlechthin. Dylan veröffentlichte die Erstversion schon auf seinem zweiten Studioalbum.

 

Von Schaffenskrisen und neuen Höhepunkten

Fortan bewegte sich Dylan, Vorbild vieler freiheitsliebender männlicher Erdenbewohner, stets auf einem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Privat und auf der Bühne sollte sich Joan Baez für ihn zum Glücksgriff entwickeln. Mit Baez pflegte er sowohl auf als auch neben den Brettern, die die Welt bedeuten eine innige Beziehung. Und wurde als Gastmusiker auf der Tour der damals schon durchgestarteten Baez selbst zum vielumjubelten Star. Einen ersten Meilenstein der Musikgeschichte setzte er, inzwischen mit Begleitband unterwegs, Mitte der 60er Jahre. Er spielte den Folkrock nicht mehr nur akustisch, sondern ließ die Gitarre verstärken – ein handfester Skandal in der traditionellen und bodenständigen Folk-Tradition. Ein typisches Merkmal Dylans. Er revoluzzte. Ob gegen die eigenen Anhänger, deren Vereinnahmung im stets zuwider war oder eben auch gegen die Musikindustrie. Die Abkehr vom Folk hin zu klassischer Rockmusik – ein russisches Roulette Dylans. Auf der einen Seite verdammt von seinen alten Fans, auf der anderen Seite mit Megaerfolgen. Spätestens mit „Like a rolling stone“, später zum größten Song der Rockgeschichte gekürt, war Bob Dylan angekommen – in einer Zeit, als die Beatles sich gerade anstrengten, zu Weltruhm zu gelangen und andere traditionelle Popbands sich dem Rockgenre zuwandten. Der kleine Midwest-Bubi war einer der schillerndsten Figuren im Rockzirkus geworden. Auf der anderen Seite litt sein Privatleben zusehends. Scheidung, nach einem Unfall völlige Abkehr vom Bühnendasein und die Hinwendung zum Christentum sollten seine Entwicklung prägen. Nach seiner Rückkehr, immerhin ist er einer der wenigen Rockgötter die beim legendären ersten Woodstock-Festival nicht auf der Bühne standen, blühten ihm schwere Zeiten. Musikkritiker zerrissen seine Auftritte in der Luft, vom einstigen Mythos Bob Dylan schien nur noch ein Schatten zu existieren. „Die großen Nervensägen der Presse“ nannte er die schreibende Zunft in seiner Biographie vor einigen Jahren. Dabei tat die nur das, was seine Anhänger längst taten: Dylan in den Himmel jubeln – auch wenn zeitlebens immer wieder kritisch von der Journaille geprägte Phasen in dessen musikalischem Schaffen vorherrschten. Eines blieb bei ihm, der längst wieder in folkigeren Klängen von sich hören machte: Er versuchte sich, dieser Umklammerung stets zu entziehen. Nicht von ungefähr verzichtet er bei seinen Liveauftritten nahezu gänzlich auf Ansprachen an sein Publikum – er lässt Stimme und Instrumente sprechen. Auch Fotografen sind bei den Konzerten unerwünscht. Nicht aus Boshaftigkeit oder übertriebener Eitelkeit. Vielmehr will der Weltstar seine Sphäre auf der Bühne wahren – und ein bisschen auch seine Verachtung gegenüber der Presse kund tun. Seine Anhänger schätzen solche Züge in Zeiten von „Lügenpresse“ und Co – er ist einfach das, was er immer war: Aufbegehrender Revoluzzer, dabei ohne Eitelkeiten und doch irgendwie einer von ihnen. Nur halt ganz, ganz anders.

 

Frieden mit sich und der Umwelt

Nach Jahren des uninspirierten Dahindarbens ging der Stern von Bob Dylan in den 90er-Jahren noch einmal auf und strahlte heller als je zuvor. Längst hatte der Rock- und Folkpoet Kultstatus erreicht. Sein Lebenswerk glich einer Himmelsleiter. Und doch musste der bescheiden gebliebene Dylan immer wieder kämpfen, um die nächste Stufe zu erklimmen. Am Ende war es für den begnadeten Songwriter freilich meist kein Problem, die Hürden zu überwinden. Die scheinbare Krönung seines Schaffens testet er seit nunmehr 26 Jahren aus. „Neverending Tour“ taufte er seine Abschiedstournee. Doch was heißt hier Abschiedstournee? Bei Bob Dylan heißt das lediglich, dass er niemals endend über die Kontinente touren will. Auf den Bühnen der Welt ist er zuhause. So sehr er sie auch zeitweise verdammt. Insgesamt über 2500 Auftritte absolvierte er seit dem 7. Juni 1988 mit seiner Band. Mal hier, mal dort – ganz Hannes Wader-geprägt. Höhepunkte erlebte er auf dieser letzten Tournee zur Genüge. Er, dessen alles andere als glockenklar klingende Stimme so manch heimischem unter-der-Dusche-und-beim-Autofahren-Sänger ein Grinsen über das Gesicht zaubern dürfte, hat viele überlebt und noch mehr persönlich erlebt. Zu den ganz großen Höhepunkten dürften dabei viele seiner neuzeitlichen Erlebnisse gezählt haben. Einst stand er schon bei Martin Luther Kings historischer „I have a dream“-Rede als Sänger auf der Bühne. Heutzutage beglückt er mit seinen Auftritten nicht nur die ganze Welt und seine Fans. Auch die ganz Großen wollen ihn hören. So durfte er Papst Johannes Paul II. die Hand schütteln, nachdem er „Knocking on heavens door“ performed hatte. Der damalige Kardinal Josef Ratzinger wollte das verhindern. Später sprach der von einem Treffen der Giganten. Die Mehrzahl eines Giganten. Der eine war Johannes Paul II. Der andere Dylan.

Es gibt nur eine gute Hand voll Musiker, die von sich behaupten können, ganze Generationen von Menschen beeinflusst zu haben. Bob Dylan gehört in jedem Fall dazu. „Er bedeutet für die Popmusik das gleiche wie Einstein für die Physik“ adelte ihn die Zeitschrift Newsweek einst. Na dann. Zeit, sich wie zu Schulzeiten früher in den Physikräumen zu fühlen. Nur schöner. Viel schöner.

 

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Andreas Bär
22.06.2015

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