Sich zu langweilen wird schwerfallen

Die Spielzeit 2015/16 in fränkischen Theatern – Eine Um- und Vorschau

Sich zu langweilen wird schwerfallen

Frankens Theaterlandschaft bleibt auch in der kommenden Saison in kreativer Bewegung, vom kleinen Einspartenhaus bis zum Dreispartenschlachtschiff, von Würzburg bis Selb, von Coburg bis Nürnberg. Schauen wir also neugierig voraus auf das, was die fränkischen Theater im Spannungsfeld zwischen Routine und Innovation zu bieten haben, sei es in der Schauspielsparte, im Opernrepertoire, bei der leichten Muse von Operette und Musical oder beim Ballett. Wobei wir uns, um jedwede Bevorzugungen zu vermeiden, ganz einfach an das Alphabet halten. Das hat diesmal allerdings seinen besonderen Reiz, denn die Stadt, die aufgrund ihrer Initiale am Anfang stehen muss, steht quasi vor einer neuen Theaterepoche: Bamberg.

 

Am E.T.A.-Hoffmann-Theater hat nämlich die lange Amtszeit Rainer Lewandowskis geendet, und mit der Spielzeit 2015/16 übernimmt dort Sibylle Broll-Pape das Ruder. Sie ist in der langen Geschichte des Hauses die erste Intendantin und hat für ihre Debüt-Spielzeit allerhand Neues angekündigt. Das betrifft nicht nur das weitgehend ausgetauschte Ensemble, sondern auch die programmatische Konzeption. So stellt Broll-Pape ein Motto über die Spielzeit, dem sich die Stücke inhaltlich oder bezüglich der Darstellungsweise fügen müssen. Die Intendantin umreißt es mit den Begriffen Heimat, Vaterland und Muttersprache, Geschichte und Kunst, Gesellschaft und Befindlichkeit. Man könnte auch sagen: es geht um Deutschland.

 

Das Programm soll die klassischen Stoffe in Kontrast setzen mit den zeitgenössischen, die großen mit den kleinen Formen, das Komische mit dem Tragischen. Mit einem schwergewichtigen Klassiker und zugleich einem der „deutschesten“ Stoffe beginnt die Saison, nämlich mit Friedrich Hebbels „Die Nibelungen“. Weitere Ankerwerke des Repertoires sind Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ und – in Bearbeitungen – Thomas Manns „Buddenbrooks“ sowie Grimmelshausens „Simplicissimus“. Selbstredend kommt auch der Lokalmatador E.T.A. Hoffmann vor, und zwar mit einer hausgemachten Version der „Elixiere des Teufels“. Erstaunlicherweise verzichtet die neue Intendantin fast gänzlich auf Stücke des Boulevard-Genres und auf die eigentlich zur Tradition gewordenen Gastspiele mit Operetten oder Musicals aus den benachbarten Häusern in Coburg und Hof. Man wird sehen, ob das Publikum diesen Verzicht auf Dauer zu leisten bereit ist.

 

In Coburg wird die Saison mit Vincenzo Bellinis „Norma“ eröffnet, später folgen noch der „Rosenkavalier“ von Richard Strauss und als Repertoireüberraschung die „Lakmé“ von Léo Delibes. Die leichtere Muse bleibt mit Paul Abrahams „Ball im Savoy“ und Otto Nicolais „Lustigen Weibern von Windsor“ im Operettengenre und mit dem Musical „Copacabana“, das so recht zur Coburger Begeisterung für den Karneval in Rio passt, ein Schwerpunkt. Die erfolgreiche Ballettcompagnie von Marc McClain widmet sich dem Aschenbrödelstoff nach der Musik von Johann Strauß, bietet „First Steps“ an und bringt eine Uraufführung auf die Bühne, die unter Titel „Queen’s Night“ die neuesten choreographischen Ideen ihres Chefs vorstellt. In der Schauspielabteilung darf man ebenfalls auf eine Uraufführung gespannt sein, nämlich auf Tankred Dorsts „Motivsuche“. Unter den Klassikern sind Max Frischs „Andorra“ und Georg Büchners „Dantons Tod“ zu erwähnen. Zum Saisonauftakt steht Ken Pollacks Stück „Wie im Himmel“ auf dem Spielplan, zum Ausklang gibt es „Die Grönholm-Methode“ von Jordi Galceran und den Kultfilm „A Clockwork Orange“ in der Schauspielfassung von Anthony Burgess.

 

In Erlangen lässt sich die Theaterintendantin die Inszenierung des Eröffnungsstücks (am 25. September) nicht nehmen: Katja Ott führt selbst Regie in Lessings „Nathan der Weise“, dem ewig aktuellen Toleranzklassiker. Die Spielzeit steht, ähnlich wie in Bamberg, ganz im Zeichen des Saisonmottos „Heimat“. Auch die nächsten Premieren sind vornehmlich in Frauenhand. Laura Huonker wagt einen Tag nach der Spielzeiteröffnung eine Art städtischer Eigenperspektive mit der Uraufführung des Stückes „Wer ist Erlangen?“. Unterschiedliche Verhaltensmuster bezüglich eines plötzlich auftauchenden Fremden beleuchtet „Wir sind keine Barbaren“ von Philip Löhle, inszeniert von Katrin Lindner. Die unsterblichen „Drei Schwestern“ Anton Tschechows, hier als „Heimatverklärung in vier Akten“ untertitelt, werden in einer Neuübersetzung von Elina Finkel geboten. „Sweet Home Europa“ versteht sich als eine Allegorie über die „Festung Europa“. In Holger Schobers „heimat.com“, inszeniert von Marlene Hildebrand, geht es um einen Ausweisungsbescheid. Selbstredend ist auch das Saisonfinale mit Homers „Odyssee“ dem Jahresmotto zuzuordnen. Die Regisseurin Juliane Kann gibt ihrer Version den zweideutigen Untertitel „Eine Heimsuchung“.

 

Fürth besitzt nicht nur einen der schönsten Theatersäle Bayerns, sondern auch eine rege Kreativabteilung, die einerseits eine abwechslungsreiche Mischung an Gastauftritten in die Stadt holt und andererseits ambitionierte Eigenproduktionen auf die Beine stellt. In der kommenden Saison darf man sich beispielsweise auf die Uraufführungen des Musicals „Der Tunnel“ und des Schauspiels „Elefanten sieht man nicht“ freuen, darüber hinaus gibt es Klassiker wie „Caligula“ von Albert Camus oder eine Schauspielfassung von Max Frischs „Homo faber“. Eine detaillierte Darstellung des vielfältigen Programms der Fürther würde hier zu weit führen, denn es umfasst alle nur denkbaren Kunstgattungen, doch hinweisen wollen wir noch auf ein Tanz-Performance-Projekt unter dem Titel „Metropolis NOW“, das im nächsten Frühsommer seine Uraufführung erleben wird.

 

In Hof kann sich das Publikum in der Saison 2015/2016 des Stadttheaters über einen deutlichen Schwerpunkt in den Gattungen Musical und Operette freuen. Vorher, zum Auftakt der Spielzeit, wird es allerdings ernst mit der erstmaligen Aufführung eines „Wozzeck“ von Alban Berg, und auch zum Saisonende steht mit Verdis „La Traviata“ ein eher dramatisches Opernwerk zur Premiere an. Dazwischen geht es in das „Land des Lächelns“ und zu den Musicals „Einstein“, „Young Frankenstein“, „Non(n)sens“ und „Baby Talk“. Das Schauspiel wartet ebenfalls mit zwei Klassikern auf (Brechts „Leben des Galilei“ und Shakespeares „Was ihr wollt“). Einige neue Titel dürften Erwartungen wecken, unter anderem auch das Eröffnungsstück „In der Stunde des Luchses“ von Per Olov Enquist. Die Ballettcompagnie bietet einen spartenübergreifenden Abend mit Musik von Strawinsky („Le Sacre du Printemps“) und Mozart (Requiem) an, der die mystisch-religiösen und weltlichen Dimensionen des (Opfer-) Todes sinnlich erfahrbar machen soll.

 

Das Nürnberger Staatstheater, Frankens Flaggschiff, hat sich für die kommende Spielzeit das spartenübergreifende Motto „Für Jeden eine Bühne“ erkoren und will damit in unserer von Migration bestimmten Zeit betonen, dass im Theater alle eingeladen sind, an der Kunst teilzuhaben. Im Opernprogramm schließt sich gleich zum Saisonbeginn der Wagner‘sche „Ring“-Zyklus mit der „Götterdämmerung“, begleitet von der Brandtmayr-Installation „Ringaggregate“ im Neuen Museum. Das gängige Repertoire wird gepflegt mit einer neuen „Bohème“ Puccinis und einem „Rigoletto“ Verdis aus der Hand von Verena Stoiber. Nach Frankfurts großem Erfolg mit Jacques Fromental Halévys „La Juive“ wagt sich nun auch Nürnberg an diese Grand Opéra und widmet dem französischen Komponisten mit fränkischen Wurzeln gleichzeitig ein Symposium.

 

Ebenfalls aus Frankreich kommt der Ausflug in die Barockoper: Rameaus „Les Indes galantes“. Besonders gespannt sein darf man wieder auf die kommende Kooperation mit dem Kult-Regisseur Calixto Bieito, der Janáceks „Aus einem Totenhaus“ inszeniert. Wer’s leichter will, wird Cole Porters „Kiss me, Kate“ nicht verpassen. Das Schauspielprogramm ist eingerahmt von Klassikern: es beginnt mit Shakespeares „König Lear“ und endet mit Schillers „Wilhelm Tell“. Zu den Themen Migration und Wanderarbeit werden „Das Fleischwerk“ von Christoph Nussbaumeder und „Die Schutzbefohlenen“ der unvermeidlichen Elfriede Jelinek aufgeboten. Für’s Amüsement sorgen moderne Unterhaltungsklassiker wie „Der nackte Wahnsinn“ oder die rasante Komödie „George Kaplan“. Ballettdirektor Goyo Montero erarbeitet nach seinen höchst erfolgreichen Handlungsballetten zum ersten Mal mit seiner Compagnie ein symphonisches Werk: die „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz. Er steuert außerdem eine eigene Uraufführung bei, wird ein Tanzprojekt mit Jugendlichen präsentieren und die Zusammenarbeit mit Choreographen von Weltruf fortführen. So kommt William Forsythe mit seinem Tanzstück „Approximate Sonata“ nach Nürnberg.

 

Der Saisonbeginn an Schweinfurts Gastspieltheater steht ganz im Zeichen des Kinohits „Ziemlich beste Freunde“, der in einer Schauspielversion des Hannoveraner Tourneetheaters „Thespiskarren“ geboten wird. Überhaupt, die Gastspiele, da ist Schweinfurt immer emsig auf der Suche nach besonders originellen Truppen und schaut weit über den fränkischen Tellerrand hinaus. Schon Ende September kommt das Operettentheater Salzburg mit einer Gala unter dem Titel „Lass rote Rosen blüh’n“ vorbei, und nur wenige Tage später gastiert die Musical-Abteilung von Essens Folkwang-Universität mit dem Swing-Musical „City of Angels“.

 

Nach einer konzentrierten Arbeitsphase mit Kindertheater kommt die Operettenbühne Wien Heinz Hellberg mit dem „Bettelstudenten“ nach Unterfranken, anschließend gastiert das Euro-Studio Landgraf aus Titisee-Neustadt mit dem Schauspiel „Die Opferung von Gorge Mastromas“ von Dennis Kelly. In den November hinein geht es mit einer Operngala aus Mailand, dann bietet die in Schweinfurt ansässige „Dance Academy“ eine Tanzgala unter dem Titel „Die zauberhafte Welt von Oz“ an. Weitere Gastspiele bis Jahresende kommen von renommierten Adressen, die in Recklinghausen, Saarbrücken, Luxemburg, Berlin, Hamburg, Stuttgart oder Arnheim (Niederlande) beheimatet sind. Auch im neuen Jahr wartet das Schweinfurter Theater also mit einer eindrucksvollen Programmvielfalt auf.

 

In Selb nehmen die Gastauftritte des nahen Hofer Theaters traditionell großen Raum ein. Diesmal, genauer gesagt ab 27. September, stellen die Hofer ihren „Figaro“ vor. Im Oktober ist das Musical „Over the Rainbow“ zu sehen, später gibt es Volkstheater-Aufführungen. Wer demnächst den Weg nach Selb findet, zum Beispiel noch während der „Wochen des Weißen Goldes“ in der Porzellanstadt, kann den weiland Weltstar René Kollo hören, begleitet von der Kammerphilharmonie St. Petersburg (am 6. August im Rosenthal-Theater).

 

Würzburg ist zwar alphabetisches Schlusslicht, aber sein Mainfrankentheater ist Spitze, wenn es um die Qualität und Quantität des Angebotenen geht, notabene in drei Sparten. Noch-Intendant Herrmann Schneider hat seine letzten Spielzeit unter das Motto ANGSTFREI gestellt und weckt damit Assoziationen an jene sprachliche Neuschöpfung, die angesichts des neuesten deutschen Lebensgefühls in Amerika erfunden wurde: German angst. Die Oper startet zunächst mit zwei Wiederaufnahmen, bevor dann am 17. Oktober die Premiere eines neuen Verdi-„Otello“ stattfindet. Später folgen noch die Uraufführung einer „Steppenwolf“-Vertonung von Viktor Aslund und eine Neuinszenierung von Mozarts „Idomeneo“.

 

Im Operettengenre ist die Wahl – übrigens wie in Coburg – auf Otto Nicolais „Lustige Weiber von Windsor“ gefallen, während das Musical durch Frank Wildhorns Version der Geschichte von Jekyll und Hyde vertreten ist. Das Schauspiel bringt als Premieren Klassiker wie Gogols „Revisor“, Shakespeares „Romeo und Julia“ und Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, ein multimediales Kafka-Projekt, Heiner Müllers „Quartett“ und das hochaktuelle, weil sich mit dem Glaubensfanatismus befassende Stück „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg. Daneben gibt es die Extrareihe „Junges Theater“. Die Ballettsparte bringt nach der Wiederaufnahme von „Carmen“ eine Inszenierung der „Scheherazade“ von Anna Vita, eine Ballettgala und einen Doppelabend sowie Ivan Alboresis Choreographie unter dem Arbeitstitel „Die Glasmenagerie“.

 

Fazit dieser Umschau: angesichts des hier nur ausschnittsweise vorgestellten Programmreichtums dürfte es den fränkischen Theateraficionados wohl kaum gelingen, sich in der kommenden Saison zu langweilen.

 

Copyright Fotos:

Martin Köhl
27.07.2015

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