Zeitgenössischer Zirkus im Königsbad
Im Gespräch mit Matthias Romir, Künstlerischer Leiter des ZirkArt-Festivals in Forchheim
veröffentlicht am 30.08.2025 | Lesezeit: ca. 7 Min. | von Elke Walter
Vom 11. bis 14. September 2025 hat das zweijährig stattfindende ZirkArt – ein im süddeutschen Raum einmaliges Festival – im Kultur-Sommerquartier der Stadt Forchheim wieder ein international besetztes Programm zu bieten. Seit 2012 wird es vom Jungen Theater Forchheim veranstaltet und hat sich zu einem Publikumsmagnet in der Stadt entwickelt. Angefangen hatte ZirkArt als Straßentheater-Festival in der Forchheimer Altstadt, gegründet und bis 2021 geleitet von Lorenz Deutsch. 2021 zog das Festival dann in das Kultur-Sommerquartier auf die Wiese beim Bad um.
ZirkArt spricht Theaterbegeisterte und Artistik-Fans ebenso an, wie auch Familien. Der „Neue Zirkus“ nutzt klassische Zirkuskunst und Artistik nicht nur als reines Mittel zur Unterhaltung, sondern versteht sich als eigene Kunstform und künstlerisches Ausdrucksmittel, gespeist aus verschiedenen Inspirationsquellen. 2023 trat der Nürnberger Matthias Romir, der am Festival zuvor schon als Künstler dabei gewesen ist, die Nachfolge an. Ihn haben wir getroffen, um über seine Arbeit, die Programmplanung sowie die Einzigartigkeit des Festivals zu reden.
Herr Romir, zum zweiten Mal sind Sie in diesem Jahr als Künstlerischer Leiter für das ZirkArt-Programm verantwortlich. Wann hat Sie der Funke Zirkus zum ersten Mal berührt?
Das war schon sehr früh, so mit 12 Jahren. Meine Mutter hatte über einen VHS-Kurs mit dem Jonglieren begonnen. Da fing das an. Eigentlich hätte mich damals Tanzen interessiert, in den 1980er-Jahren stand das für einen Jungen aber nicht zur Debatte. Sich mit Bewegung künstlerisch auszudrücken, das war mein Ding und schnell war mir klar, dass ich im Zirkus-Format einen Weg finden könnte. Und ich wusste auch, dass ich auf die Bühne wollte, es auch anderen zeigen wollte, so eine Art „Rampensau-Effekt“ (lacht). Aber damals war das die Hobby-Spur. Dass ich es mal zum Beruf machen würde, war kein Gedanke.
Sie hatten in Würzburg Sonderpädagogik studiert und nach dem Abschluss beschlossen, als professioneller Jongleur weiterzumachen. Was hatte Sie dazu bewogen, ihre Leidenschaft doch zum Beruf zu machen?
Während des Studiums hatte ich parallel immer schon Auftritte, ein wenig Geld verdient. Da habe ich gemerkt, dass mir das zu wenig war, einfach nur nebenbei zu jonglieren, auf die Bühne zu gehen. Ich wollte das einfach hauptsächlich machen. Das ist viele Jahre her und ich habe es nie bereut.
Sie sind selbst aktiv mit Ihren Prorammen und nun Künstlerischer Leiter eines renommierten Festivals. Was reizt Sie an der Festivalleitung?
Da kann ich ganz viel kreativ planen, meine Vorstellungen einbringen. Zirkus ist ein ganz besonderes Format und wurde von vielen Menschen lange nicht als Kultur gesehen. Das hat sich aber deutlich geändert, spätestens seit der Zirkus 2023 als eigenständige Form der Darstellenden Kunst in das UNESCO-Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen wurde. Zirkuskunst ist eine ganz eigenständige Kunstform, die sich auch nicht bei anderen Kunstformen bedienen muss, um bestehen zu können. Zirkus ist ein sehr eigenes Format, das von seiner Vielfalt und Diversität seiner Akteure lebt. Ganz unterschiedliche Ausdrucksformen sind möglich und jederzeit um eine neue Variante zu erweitern. So ging mir das auch, musste mich nicht in irgendeine Schublade einordnen, sondern konnte mit meiner Ausdrucksform eine weitere Facette hinzufügen.
Was unterscheidet den Zirkus denn von anderen Formaten?
Was da auf der Bühne passiert, geschieht unmittelbar, spiegelt echte Gefühle, das Publikum spürt vielleicht sogar die Nervosität oder gar Angst der Akrobaten. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich jongliere oder am Trapez in luftiger Höhe arbeite, was auch Gefahrenaspekte beinhaltet. Es lässt das Publikum staunen, überrascht und berührt sein, weckt die Neugierde oder macht vielleicht sogar nachdenklich. Ich meine, man darf durchaus auch Programme anbieten, die sich kontrovers mit einer Sache, einem Thema auseinandersetzen, Gespräche in Gang setzen. Ernstere Themen auch humorvoll anzugehen, gehört für mich dazu.
Könnten Sie uns da ein Beispiel nennen?
Da wäre etwa der Bucraa Circus, das sind Fernando Villella und Marc Florencio, mit dem Programm „El Gran Final“. Es ist die Geschichte zweier Clowns, deren letzte Vorstellung kurz vor dem Finale von einem Bürgerkrieg unterbrochen wird. Der Krieg zwingt sie, unterschiedliche Wege zu gehen. Jahrzehnte später treffen sie zufällig aufeinander und beschließen, ihr „Gran Final“ fertig zu spielen. Das öffnet ganz unterschiedliche Aspekte und Gefühlsebenen.
Sie erwähnen gerade die Rolle der Clowns, die untrennbar mit der Kunstform Zirkus verbunden ist. Tragen Sie dem beim Festival dem auch Rechnung, zumal Sie selbst als Schwarzclown arbeiten?
Ein Akrobat muss, alleine oder innerhalb einer Gruppe immer mit großer Perfektion arbeiten, schon aus Sicherheitsgründen. Beim Clown ist das anders. Er überschreitet ganz bewusst die Grenze zum Scheitern, spielt mit dem kontrollierten Scheitern. Das Versagen gehört quasi zu seinen Stilmitteln und spiegelt eine ganz menschliche Seite, die auch das Publikum generationsübergreifend und unmittelbar nachvollziehen kann. Da ist man ganz nah an den Menschen dran.
Das geschieht alles ganz niederschwellig und wahrhaftig, ohne dass die Menschen irgendwelche Codes kennen müssen, um der Vorführung folgen zu können. Ur-Gefühle wie Liebe, Neugier, Angst oder Trauer kommen da ebenso zum Tragen und erreichen alle im Publikum. Wir wollen keine Zielgruppenkunst machen.
Was bedeutet das für die Programmgestaltung?
Mir ist es wichtig, Kunst für alle zu machen, ohne intellektuelle Zugangsbarrieren. Unsere Formate sprechen direkt an, haben eine körpersprachliche Ausdruckskraft, die jeder verstehen kann. Auch Kinder verstehen das bereits gut. Spezielle Kinderprogramme machen wir daher gar nicht. Es gibt bei jeder der Shows so viel Interessantes zu sehen und zu erleben.
Gibt es Termine, eventuell auch neue Formate, die Sie besonders hervorheben wollen?
Die Festivaleröffnung, unter dem Motto „Vorglühen“, startet bereits am Abend von dem eigentlichen Festival. Wir gehen mit der kostenlosen Open-Air-Veranstaltung zurück in die Altstadt auf den Paradeplatz. Unter dem Pseudonym H. G. Lawrence tritt an diesem Abend, bei freiem Eintritt, Lorenz Deutsch, ZirkArt-Initiator und mein Vorgänger, mit seinem Programm „Zeitmaschine“ auf. Ein absurd-komisches Feuertheater bietet im Anschluss das „Flame Rain Theatre“ aus Österreich. Bei diesem Projekt mache ich die Regie. Es wird also ein Abend, an dem beide Künstlerischen Leiter beteiligt sind. Neu ist auch eine Late-Night-Show am 12. September im Jungen Theater Forchheim, Beginn 23.30 Uhr. Harvey Cobb präsentiert eine ziemlich schräge Stiefeljonglage mit pinkfarbenen Gummistiefeln.
Wie dürfen wir uns das Tagesprogramm vorstellen?
Es gibt sechs Shows, wobei jeweils drei zu einem Gesamtkonzept zusammengefasst werden. Die zeigen wir dann vormittags oder nachmittags. Jede einzelne Show ist wichtig, daher sind sie nicht einfach nur aneinandergehängt, sondern folgen einem dramaturgischen Spannungsbogen. Was es allerdings schwieriger machen würde, eine Show zu ersetzen. Wir haben zwei Bühnen, die wechselweise bespielt werden, allerdings so, dass sich keine Shows überschneiden.
Für das Programm suche ich auf internationaler Ebene Acts, die eine gute Show machen, mir selbst gefallen und natürlich zu unserem Festival passen müssen. Mein Anspruch dabei ist es, immer etwas Neues zu bieten.
Vielen Dank für das Gespräch und gutes Gelingen für das ZirkArt-Festival!