Focus. Kunst neu sehen.
Die Ausstellung „Focus“ im Museum Würth 2 entfacht ein kraftvolles Gespräch zwischen Generationen, Stilen und Blickwinkeln
veröffentlicht am 21.01.2026 | Lesezeit: ca. 6 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Mit der großen Ausstellung „Focus“ eröffnete das Museum Würth 2 in Künzelsau am 13. Oktober 2025 ein neues Kapitel der Sammlungsgeschichte. Gezeigt werden rund 100 Arbeiten von rund 60 internationalen Künstlerinnen und Künstlern – ein eindrucksvolles Panorama der Kunst von der Klassischen Moderne bis zur unmittelbaren Gegenwart. Viele der Exponate sind Neuerwerbungen aus den vergangenen zehn Jahren und geben der Präsentation eine frische, dynamische Perspektive.
Zu den Neuzugängen zählen Lovis Corinths „Liegender weiblicher Akt“, Georg Baselitzs monumentale Skulptur „Zero Dom“ und die filigranen Zeichnungen „I’d rather have the blues I (II)“ von Paula Doepfner. Diese Werke treten in einen spannungsvollen Dialog mit Ikonen der Sammlung und bislang selten gezeigten Schätzen. Die Ausstellung ist dabei kein klassischer Rundgang, sondern als inhaltlich strukturierter Parcours angelegt: Zehn Themenräume öffnen jeweils ein neues Kapitel und lassen Werke aus unterschiedlichen Epochen, Stilen und Kontexten unmittelbar miteinander sprechen.
Die Themen sind bewusst weit gefasst und regen zur aktiven Auseinandersetzung an. Stationen wie „Die Abenteuer der Malerei“, „Zwiegespräche zwischen Geometrie und Figur“ oder „Hat das Sehen ein Geschlecht? – Male Gaze / Female Gaze“ lenken die Aufmerksamkeit auf grundlegende Fragen von Wahrnehmung und Darstellung. Andere Räume stellen die Materialität in den Mittelpunkt oder widmen sich der politischen Dimension der Kunst – etwa mit dem bezeichnenden Thema „Die Welt ist aus den Fugen geraten – soll Kunst politisch sein?“.
Kunst im Dialog
Jeder Ausstellungskoje sind ein oder mehrere Fokuswerke zugeordnet, die als Impulsgeber dienen. So entstehen Dialoge zwischen Gerhard Richter und Stefan Hoenerloh, Julian Schnabel und Gotthard Graubner oder Hans Josephsohn und Xenia Hausner. Andere Konstellationen bringen Kurt Schwitters und Kurt Kocherscheidt, Norbert Tadeusz und Josef Albers sowie Maria Lassnig und Antony Gormley in ein produktives Spannungsfeld. Die Kuratorinnen Maria Würth und Beate Elsen-Schwedler setzen auf Konfrontation und Reibung, aber auch auf subtile Übergänge und Resonanzen zwischen den Werken.
Im Zentrum der Schau steht die Freude am Sehen – und das als aktiver Prozess. „Wie schön, dass man hier ganz auf die Kraft vertraut, die gute Kunst immer besitzen sollte: die Kraft des Einzelwerks zum konstruktiven Dialog“, betont Prof. Dr. Frank Druffner in seinem Grußwort zur Ausstellung. In Anlehnung an den Philosophen Bruno Latour spricht er von einem „Parlament der Werke“, das die Besucherinnen und Besucher ausdrücklich einlädt, Teil dieser ästhetischen Debatte zu werden.
Die Vielfalt der Malerei bildet dabei einen wichtigen Schwerpunkt. Werke wie Daniel Richters monumentale Siebdrucke kommentieren unsere Gegenwart mit all ihren Widersprüchen: Hier überlagern sich Kunstgeschichte, Popkultur und Massenmedien in einer Bildsprache, die Protest, Migration und soziale Spannungen thematisiert. Auch A. R. Penck verweist in seinen ikonischen Strichmännchen auf globale Zusammenhänge, auf Muster inmitten des Chaos. Die Malerei wird so nicht als abgeschlossenes System, sondern als offenes Feld verstanden, das Fragen stellt und Perspektiven öffnet.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Frage nach der Wahrnehmung: Schauen Künstlerinnen anders als Künstler? Sehen wir heute anders als vor hundert Jahren? Und was unterscheidet eigentlich das bloße Sehen vom bewussten Erkennen? Werke von Xenia Hausner oder Maria Lassnig stehen hier Werken von Lovis Corinth oder Robert Longo gegenüber – und laden dazu ein, den Blick selbst zu befragen.
Neben Malerei spielt auch die Skulptur eine zentrale Rolle. Zeitgenössische Arbeiten von Antony Gormley oder Tony Cragg setzen physische Akzente und hinterfragen das Verhältnis von Körper und Raum. Gormleys Figuren, teils aus Eisen, teils aus Toastbrot gefertigt, sind ganz nach innen gekehrt. Cragg hingegen widersetzt sich der modernen Doktrin, dass Form immer der Funktion folgen müsse. Damit knüpfen beide an historische Formenfreiheit an – ein Thema, das auch Hans Josephsohn besonders interessierte.
Geschichte und Haltung
Die Ausstellung spiegelt zugleich die Geschichte und Haltung der Sammlung Würth wider. In über fünf Jahrzehnten hat Reinhold Würth eine Kollektion von mehr als 20.000 Kunstwerken zusammengetragen – eine der bedeutendsten privaten Sammlungen Europas. Dieses Engagement versteht sich als Bekenntnis zur kulturellen Verantwortung: Kunst soll zugänglich sein, Diskussionen anstoßen und Horizonte erweitern.
Wie in allen Museen der Würth-Gruppe gilt auch für diese Ausstellung: Der Eintritt ist frei, sieben Tage die Woche. Erstmals werden Wandtexte und Audioguide in einfacher Sprache angeboten, was den Zugang für ein breites Publikum erleichtert. Ab 26. November startet zudem das Format „Bei Anruf Kultur“ – eine Telefonführung, die es ermöglicht, Kunst barrierefrei zu erleben.
Zu den vertretenen Künstlerinnen und Künstlern gehören unter anderem Karl-Heinz Adler, Josef Albers, Cecily Brown, Sonia Delaunay-Terk, Max Ernst, Barbara Hepworth, Ernst Ludwig Kirchner, Fernand Léger, Robert Longo, Joan Miró, Piet Mondrian, Pablo Picasso, Julian Schnabel, Kurt Schwitters und viele weitere.
„Focus“ versteht sich als Einladung: nicht nur zu betrachten, sondern zu vergleichen, zu hinterfragen, neu zu sehen. Zwischen historischen Meisterwerken und zeitgenössischen Positionen entsteht ein lebendiges Spannungsfeld, das Sehen als individuellen, aktiven Prozess erfahrbar macht – und die Sammlung Würth in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Die Ausstellung „Focus“ ist noch bis Frühjahr 2028 im Museum Würth 2 in Künzelsau zu sehen. Weitere Informationen findet man unter www.kunstkultur.wuerth.com.