Ausstellungen

Meisterwerke deutscher Zeichenkunst

Das Museum Georg Schäfer macht zum Jubiläumsjahr lang verborgene Schätze der Allgemeinheit zugänglich

veröffentlicht am 09.12.2025 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Hans Baluschek, Berliner Vorstadt im Schnee mit zwei Betrunkenen, 1903/1904

Hans Baluschek, Berliner Vorstadt im Schnee mit zwei Betrunkenen, 1903/1904, Foto © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Mit der großen Jubiläumsausstellung „Meisterwerke deutscher Zeichenkunst im 19. Jahrhundert“ öffnet das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt noch bis 11. Januar 2026 einen Schatz, der bislang nur Fachleuten in vollem Umfang bekannt war. Über 160 ausgewählte Aquarelle und Zeichnungen aus einem Depotbestand von rund 5.000 Arbeiten zeigen die enorme Vielfalt und Tiefe deutscher Zeichenkunst zwischen Romantik, Biedermeier, Realismus und dem beginnenden 20. Jahrhundert. Viele der Blätter stammen von bedeutenden Künstlern wie Adolph von Menzel, Max Liebermann, Thomas Theodor Heine, Heinrich Zille, Lovis Corinth oder Hans Thoma.

Ein Blick in verborgene Schätze

Das Besondere an dieser Schau: Viele der Arbeiten waren bislang aus konservatorischen Gründen nur im Depot aufbewahrt worden, da Papierarbeiten eine hohe Lichtempfindlichkeit aufweisen. Zum Jubiläum wagt das Museum einen Blick in seine Schätze und erschließt zugleich ein bisher kaum sichtbares Kapitel der Sammlungsgeschichte. Die Präsentation gliedert sich in zwölf Themenräume, die von „Mensch, Figur, Akt“ über „Familie“, „Botanik“, „Landschaft, Umwelt, Naturmonument“ bis hin zu „Comic, Karikatur, Satire“ reichen.

Gleich zu Beginn steht das Akademische: Der Akt als künstlerische Grundübung eröffnet die Schau. Zeichnungen von Körpern und Figuren zeigen die Präzision der Ausbildung jener Zeit – und die enge Verbindung zwischen Studium und Kunstpraxis. Im Themenbereich „Familie“ begegnet man intimen Blättern, die oft im privaten Umfeld entstanden sind. Ein Beispiel: Johann Georg von Dillis porträtiert seinen schlafenden Bruder – humorvoll, liebevoll und mit einem Augenzwinkern. Hier verwischen die Grenzen zwischen Studie und Karikatur.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Naturstudien. Künstler der Romantik und des Biedermeier, darunter Else Gürleth-Hey oder Franz Skarbina, näherten sich der Natur mit analytischer Präzision und zugleich poetischem Blick. Landschaften und botanische Studien werden in detailreichen Linien und feinen Tonwerten lebendig. Im Gegensatz dazu entlockt Lovis Corinth in seinem Walchensee-Aquarell der Natur ein tiefes, fast entrücktes Blau – ein Ausdruck von Empfindung, nicht naturwissenschaftlicher Genauigkeit.

„Sentimental“ lautet das Motto eines weiteren Themenraums. Hier treffen Darstellungen von Liebe, Verlust und Sehnsucht aufeinander. Zeichnungen und Aquarelle erzählen leise Geschichten von Menschen, deren Empfindungen durch Gesten und Körperhaltungen sichtbar werden. Ebenso aufschlussreich sind die Satiren des späten 19. Jahrhunderts: Karikaturen und Illustrationen von Heine, Zille und Olaf Gulbransson geben einen bissigen, oft ironischen Kommentar zum politischen und gesellschaftlichen Leben ihrer Zeit.

Die Ausstellung führt dabei nicht nur durch die Phantasiewelten der Kunst, sondern auch durch die historische Realität eines Jahrhunderts, das von Umbrüchen, Revolutionen, nationaler Einigung und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt war. Die Blätter dokumentieren Alltagsleben, städtische Szenen, Naturwahrnehmungen und die humorvolle wie kritische Auseinandersetzung mit Zeitereignissen.

Die Struktur der Themenräume folgt einem dramaturgischen Konzept, das Besucherinnen und Besucher durch die unterschiedlichen Facetten der Zeichenkunst führt. Landschaften, Familienporträts, Interieurs und phantasievolle Szenen wechseln sich ab mit politischen Satiren und Illustrationen zu literarischen Werken. Besonders eindrucksvoll: Die Vorzeichnungen zu den Satireblättern des Simplicissimus, die den Zeitgeist auf subtile wie scharfe Weise einfangen.

Ein Panorama der Zeichenkunst

Kuratiert wurde die Schau von Wolf Eiermann, der mit seiner Auswahl sowohl künstlerische als auch gesellschaftliche Bezüge sichtbar macht. Ein besonderer Akzent liegt auf den zeichnerischen Techniken: von Bleistift und Feder bis zu Aquarell und Mischtechnik. Die Werke vermitteln die enorme Spannweite zwischen akademischer Strenge, romantischer Empfindsamkeit und gesellschaftlicher Schärfe.

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Bestandskatalog mit mehr als 200 Meisterwerken, Essays von 33 Autorinnen und Autoren sowie Ergebnissen der Provenienzforschung. Zahlreiche Führungen, Vorträge und Matineen ergänzen das Programm.

Die Ausstellung im Jubiläumsjahr 2025 öffnet den Blick auf ein Jahrhundert, in dem Zeichnung weit mehr war als bloßes Mittel zum Zweck. Sie war künstlerischer Ausdruck, Werkzeug der Beobachtung und Mittel gesellschaftlicher Reflexion. Zwischen Akt und Karikatur, zwischen botanischer Präzision und politischem Spott entfaltet sich ein Panorama, das ebenso kunsthistorisch bedeutsam wie zeitlos lebendig ist.

Die Ausstellung „Meisterwerke deutscher Zeichenkunst im 19. Jahrhundert“ ist noch bis zum 11. Januar 2026 im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt zu sehen. Weitere Informationen findet man im Netz unter www.museumgeorgschaefer.de.

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