Nürnberg Global 1300 bis 1600
Das Germanische Nationalmuseum zeigt die Anfänge der Vernetzung
veröffentlicht am 12.01.2026 | Lesezeit: ca. 6 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Konstruktionsmodell der Rialtobrücke in Venedig, Venedig, spätes 16. Jahrhundert Stromer’sche Kulturgut-, Denkmal und Naturstiftung Kat. Nr. 54, Foto © GNM, Felix Röser
Mit der großen Jahresausstellung „Nürnberg GLOBAL 1300–1600“ richtet das Germanische Nationalmuseum noch bis 22. März 2026 den Blick auf ein entscheidendes Kapitel europäischer Geschichte: die frühe Phase der Globalisierung. Im Mittelpunkt steht die Reichsstadt Nürnberg, die sich zwischen 1300 und 1600 zu einem bedeutenden Knotenpunkt des internationalen Handels, der Wissenszirkulation und des kulturellen Austauschs entwickelte. Kostbare Waren, neue Ideen und Bilder aus Asien, Afrika und Amerika trafen hier auf das technische und wirtschaftliche Know-how Mitteleuropas.
Handel, Macht und Reichtum in der Reichsstadt
Über die großen Häfen Venedigs, Spaniens und Portugals erreichten Luxusgüter und exotische Objekte die Stadt: Goldpokale aus Meeresschnecken, Gewürze aus Süd- und Ostasien, Elfenbein, Seide oder feinste Stoffe. Diese Dinge waren nicht nur Handelsware, sondern Ausdruck eines neuen Weltbewusstseins, das sich in der Kunst, im Alltagsleben und in der Wissenschaft widerspiegelte. Der berühmte Behaim-Globus von 1492 steht sinnbildlich für diese neue Sicht auf die Welt. Er dokumentiert ein Europa im Aufbruch – geprägt von Fernhandel, Wissensdurst und einem expandierenden Horizont.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel globaler Verflechtungen zeigt eine Schale aus Gujarat (Indien). Das Objekt wurde im 16. Jahrhundert mit Perlmutterplättchen gefertigt, nach Europa verschifft und in Nürnberg vom Goldschmied Nicolaus Schmidt zu einer kunstvollen Kanne mit Figuren und Drachenhenkel umgestaltet. Diese Verbindung von Weltregionen in einem einzigen Kunstwerk macht die Ausstellung sinnlich erfahrbar. Nürnberg war zu dieser Zeit ein Zentrum hochspezialisierter Metallverarbeitung, berühmt für Gold- und Silberschmiedekunst, für feinste Waffen und Prunkgeräte.
Die Stadt spielte als Reichsstadt im Heiligen Römischen Reich eine herausragende politische und wirtschaftliche Rolle. Mit den Reichstagen ab 1356, den hier verwahrten Reichskleinodien und einer aufstrebenden Bürgerschicht wurde Nürnberg zu einem Machtzentrum. Händler profitierten vom Bergbau in Böhmen, vom Gewürzhandel und von Textilien aus Flandern. Der wachsende Wohlstand schlug sich im Stadtbild und in der Kunst nieder.
Wohlhabende Patrizierfamilien nutzten ihren Reichtum gezielt zur Repräsentation. Die Familie Imhoff stiftete der Elisabethkirche in Breslau ein prachtvolles Marienretabel – ein Werk, das ihren Einfluss weit über Nürnberg hinaus sichtbar machte. Auch der berühmte Holzschuher-Teppich belegt diese globale Dimension. Die Familie Holzschuher erwarb das rund drei Meter hohe, kostbare Stück in Brüssel, einem der führenden Textilzentren Europas. Bestimmt für die Familiengrablege in der Lorenzkirche, verband es Reichtum, Humanismus und Weltläufigkeit. Ein vergleichbares Stück befindet sich heute in der königlichen Sammlung in Madrid.
Zwischen Pilgerreisen und Wissensdurst
Die Ausstellung zeigt außerdem, wie eng Nürnberg mit Venedig verbunden war. Nürnberger Kaufleute unterhielten dort Lagerhäuser am Fondaco dei Tedeschi – mitten im Zentrum des internationalen Seehandels. Architektonische Einflüsse wie die Bauformen der Rialtobrücke fanden ihren Weg zurück nach Nürnberg und prägten das Stadtbild.
Neben Handel und Architektur spielte Religion eine wichtige Rolle. Pilgerreisen ins Heilige Land waren Prestigebemühungen der Oberschicht. Viele Menschen sahen Jerusalem nie mit eigenen Augen, doch Heilig-Grab-Kapellen und Kreuzwegstationen brachten den fernen Ort nach Europa. Religiöse Bilder und Vorstellungen verbanden sich mit Einflüssen aus dem Osmanischen Reich – etwa in Ornamenten, die Künstler wie Albrecht Dürer in ihren berühmten Knoten-Holzschnitten aufgriffen.
Die Handelsrouten Nürnbergs führten über Venedig bis nach Indien und Amerika. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der kolorierte Plan von Tenochtitlán, der Hauptstadt des Aztekenreichs. In Nürnberg gedruckt und mit Ultramarin aus Afghanistan eingefärbt, ist er ein Zeugnis globaler Wissensnetzwerke. Hier kreuzten sich die Wege von Händlern, Humanisten, Gelehrten und Abenteurern.
Albrecht Dürer steht exemplarisch für die künstlerische Reaktion auf diese neue Welt. Sein berühmter Holzschnitt „Rhinocerus (1515) basiert auf der Beschreibung eines Tiers, das als diplomatisches Geschenk von Indien nach Europa gelangte. Obwohl das Nashorn den Transport nicht überlebte, prägte Dürers Darstellung über Jahrhunderte das europäische Bild dieses exotischen Tiers – ein Paradebeispiel für die Macht der Bilder in globalen Austauschprozessen.
Faszination und Ambivalenz der frühen Globalisierung
Doch die Ausstellung zeigt auch die Schattenseiten dieser frühen Globalisierung. Nürnberger Kaufleute profitierten von kolonialen Ausbeutungssystemen, vom Silberhandel und von wirtschaftlichen Machtverschiebungen, die oft auf Gewalt und Unterdrückung beruhten. Die neuen Handelsnetze waren nicht nur kulturelle Brücken, sondern auch Kanäle der Ausbeutung. Diese Ambivalenz wird in der Schau bewusst thematisiert.
Die Präsentation vereint hochkarätige Leihgaben aus internationalen Sammlungen mit Objekten aus dem eigenen Bestand. Durch präzise historische Kontexte, aufwendig gestaltete Räume und multimediale Vermittlung entsteht ein vielschichtiges Bild Nürnbergs als zentralem Knotenpunkt einer sich globalisierenden Welt. Dabei rückt nicht nur die Faszination für das Fremde in den Vordergrund, sondern auch die Frage nach den langfristigen Folgen dieser Entwicklungen.
„Nürnberg GLOBAL“ ist keine klassische kunsthistorische Ausstellung. Sie erzählt von den Netzwerken, Dynamiken und Widersprüchen, die Globalisierung von Anfang an prägten: Austausch und Aneignung, Bewunderung und Ausbeutung, Wissenstransfer und Machtinteressen. Nürnberg erscheint hier als Mikrokosmos einer frühen, vielschichtigen Weltvernetzung – ein Ort, an dem Waren, Menschen und Ideen zirkulierten.
Die Ausstellung „Nürnberg GLOBAL 1300 - 1600“ ist noch bis zum 22. März 2026 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu sehen. Weitere Informationen findet man unter www.gnm.de.