Worte, Drucke, Welten
Wie neue Dauer- und Wechselausstellung einen Blick auf Kunst, Literatur und gesellschaftliche Entwicklungen ermöglichen
veröffentlicht am 18.01.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Das Museum Otto Schäfer in Schweinfurt zählt zu den bedeutendsten Sammlungsstätten für Buch- und Druckkunst in Deutschland. Mit der Neuaufstellung seiner Dauerausstellung bietet das Haus einen facettenreichen Rundgang durch 600 Jahre europäische Geistesgeschichte – von den Anfängen des Buchdrucks bis zur Moderne. Ergänzt wird dies durch eine aktuelle Wechselausstellung zu Friedrich Rückert, deren integrativer Ansatz historisches Material mit zeitgenössischen Fragen verbindet.
Von Dürer über die Grimm-Zeit bis Picasso – neue Dauerausstellung im Blick
Das Fundament der Sammlung stammt von Dr. h. c. Otto Schäfer (1912–2000), einem Industriellen, der bereits als Jugendlicher von der Leidenschaft für Druckkunst und Bücher ergriffen wurde. Mit dem Ankauf der „Schedelschen Weltchronik“ im Jahr 1951 legte Schäfer den Grundstein für eine der umfassendsten privaten Kollektionen im europäischen Raum. Heute repräsentiert das Museum eine Schatzkammer, in der Originale aus dem 15. bis ins 20. Jahrhundert die Entwicklung der Schriftkultur, der Kunst und des Wissens vergleichbar werden lassen.
Zu den Höhepunkten des neuen Rundgangs zählt das Blockbuch „Der Antichrist“ aus der Zeit um 1450. Es steht exemplarisch für die Revolution, die Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks einleitete, durch die Wissen erstmals einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich wurde. In der Ausstellung wird anhand von Exponaten wie Molitors Hexen-Traktat aber auch deutlich, dass die technischen Fortschritte des Buchdrucks immer zugleich einer Ambivalenz unterlagen: Während sie Aufklärung förderten, boten sie auch ein Medium für Fehlinformation und Hetze – ein Thema, das heute wieder besondere Aktualität besitzt.
Einen weiteren Schwerpunkt setzt das Museum auf das grafische und künstlerische Werk Albrecht Dürers. Seine Radierungen und Kupferstiche markieren einen Innovationssprung nicht nur im Bereich der Drucktechnik, sondern auch in der Kommunikationsgeschichte. Dürer nutzte den Buchdruck, um seine Ideen und Motive weitreichend zu verbreiten – Entwicklungen, die direkt in den ersten großen Medienumbruch der Neuzeit, die Reformation, mündeten. Ohne den technischen Fortschritt des Drucks wären die weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen, die durch Martin Luther ausgelöst wurden, nicht denkbar gewesen.
Im Weiteren führt die Ausstellung die Besucherinnen und Besucher über die Epochen der Aufklärung, Romantik und Moderne. Ein Zeitstrahl verbindet die Exponate mit parallelen historischen Ereignissen: So fällt etwa die Fertigstellung des Taj Mahal zeitlich mit dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs zusammen, während Goethes literarisches Hauptwerk in dieselbe Epoche fällt wie die Forschungsreisen Alexander von Humboldts. Der Rundgang verdeutlicht eindrücklich die Wechselwirkungen zwischen wissenschaftlichen, künstlerischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Namen wie Gutenberg, Luther, Kant, Humboldt, Einstein oder Picasso werden zu Marksteinen einer gemeinsamen Geschichte.
Friedrich for Future – Was hat uns Rückert heute noch zu sagen?
Mit der Sonderausstellung „Friedrich for Future“ rückt das Museum einen der wichtigsten deutschen Dichter der Romantik und des 19. Jahrhunderts in den Fokus. Friedrich Rückert (1788–1866) wird in vier Abteilungen vorgestellt, die existenzielle Themen wie Liebe, Heimat, Trauer und Natur aufgreifen. Durch die Präsentation von Originalhandschriften und Briefen sowie durch interaktive Formate werden Rückerts Werke in einen aktuellen gesellschaftlichen Kontext gestellt. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, eigene Bezüge zu entdecken und Rückerts Sprachkunst aus heutiger Perspektive zu reflektieren. Ein interaktives Quiz zum „Liebesfrühling“ zeigt, dass auch historische Poesie im Dialog mit Populärkultur stehen kann.
Das Museum Otto Schäfer verfolgt mit seinen Präsentationen das Ziel, Kulturgeschichte als lebendige Erfahrungswelt zu vermitteln. Die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, die kritische Reflexion medialer Entwicklungen und die konsequente Einbettung der Exponate in größere Zusammenhänge machen das Haus zu einem Ort des Austauschs und der Inspiration. Die Ausstellung „Friedrich for Future“ ist als Kooperation mit der Rückert-Stelle des Kulturamts Schweinfurt und der Rückert-Gesellschaft e. V. entstanden und läuft noch bis 30. März 2026.
Mit der Gegenüberstellung von Kunst, Literatur und gesellschaftlichem Wandel öffnet das Museum Otto Schäfer einen Raum, in dem historische Dokumente und Werke nicht zur bloßen Anschauung erstarren, sondern als Impuls für heutige Debatten dienen. Museumsbesuch wird so zur aktiven Auseinandersetzung mit den Kräften, die unsere Vergangenheit formten und bis heute nachwirken.
Die Ausstellung „Friedrich for Future“ ist noch bis zum 30. März 2026 im Museum Otto Schäfer in Schweinfurt zu sehen. Alle relevanten Informationen findet man online unter www.museumottoschaefer.de.