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Echos der Geschichte – William Kentridge in Dresden

Zum 70. Geburtstag widmen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden William Kentridge ein großes Ausstellungsfestival

veröffentlicht am 07.01.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Ludwig Märthesheimer

William Kentridge, Still aus „More Sweetly Play The Dance, 2014

William Kentridge, Still aus „More Sweetly Play The Dance, 2014, Foto © William Kentridge

Mit „William Kentridge. Listen to the Echo“ feiern die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) gemeinsam mit dem Museum Folkwang in Essen und dem von Kentridge gegründeten Centre for the Less Good Idea ein künstlerisches Ereignis von seltener Dichte. Drei Dresdner Museen – das Albertinum, das Kupferstich-Kabinett und die Puppentheatersammlung im Kraftwerk Mitte – präsentieren ein facettenreiches Ausstellungsfestival, das Kentridges bildnerisches Werk, seine filmischen Installationen und seine kollaborative Praxis in einem großen Resonanzraum erfahrbar macht.

Politik, Poesie und die Macht der Erinnerung

Der 1955 in Johannesburg geborene Künstler zählt zu den bedeutendsten Stimmen der Gegenwartskunst. Seine Arbeiten kreisen um Themen wie Erinnerung, Schuld, Macht und Menschlichkeit. Ausgehend von den Erfahrungen im Apartheidregime Südafrikas reflektieren sie die Mechanismen von Unterdrückung, Gewalt und sozialer Spaltung – und entfalten zugleich universelle Fragen nach Verantwortung und Versöhnung. In ihnen verbinden sich politische Wachheit, historische Tiefe und eine poetische Bildsprache, die sich in Zeichnung, Animation, Theater, Musik und Performance zugleich ausdrückt.

Ein zentrales Motiv in Kentridges Schaffen ist die Prozession – Sinnbild des kollektiven Weges, der zwischen Triumph und Trauer, Macht und Ohnmacht oszilliert. Dresden als Stadt der Aufmärsche, Revolutionen und Demonstrationen bietet hierfür einen vielschichtigen Resonanzraum: vom barocken Glanz Augusts des Starken über die Friedliche Revolution von 1989 bis zu den heutigen Protestmärschen.

Dialoge zwischen Geschichte und Gegenwart

Im Albertinum werden Kentridges monumentale Filminstallationen „More Sweetly Play the Dance“ (2015) und „Oh To Believe in Another World“ (2022) den restaurierten Entwürfen Wilhelm Walthers zum Dresdner Fürstenzug gegenübergestellt. Hier treffen die Wettiner in all ihrer Herrschaftsgeste auf Kentridges fragile Figuren: Tanzende, Strauchelnde, Besiegte. Der Dialog dieser Bilderwelten zeigt, dass der Triumph der einen stets die Klage der anderen einschließt. Zeichnungen, Bildteppiche, Skulpturen und Collagen ergänzen die Schau und machen die Vielfalt von Kentridges künstlerischer Sprache sichtbar.

Im Kupferstich-Kabinett wird der Fokus auf sein druckgrafisches Œuvre gelegt – 45 Jahre Schaffenszeit verdichtet zu einer beeindruckenden Werkübersicht. Die Präsentation zeigt Kentridge im Dialog mit Meistern wie Dürer, Callot, Goya und Mantegna, deren Darstellungen von Prozessionen und Machtinszenierungen kunsthistorische Parallelen aufzeigen. Besonders eindrucksvoll fügt sich hier die Bronzestatuette des Marc Aurel von Filarete als Leihgabe der Skulpturensammlung ein, die die Verbindung zwischen Antike, Humanismus und Gegenwart symbolisiert.

Im Studiolo des Residenzschlosses werden zwei Filme aus der Serie „Drawings for Projection“ gezeigt – „Monument“ (1990) und „Weighing… and Wanting“ (1998). Diese animierten Kohlezeichnungen bilden ein zeichnerisches Tagebuch der südafrikanischen Geschichte, in dem Kentridge seine Figuren Soho Eckstein und Felix Teitlebaum durch Themen wie Schuld, Erinnerung und politische Verantwortung führt.

Einen ganz eigenen Akzent setzt die Puppentheatersammlung im Kraftwerk Mitte, wo Künstlerinnen und Künstler des Centre for the Less Good Idea die Jahresausstellung 2025/26 kuratieren. Dort begegnen historische Objekte der Puppenspielkunst den performativen und experimentellen Arbeiten des Centres. Fünf neue Schaukästen nutzen die historische Bühnentechnik „Pepper’s Ghost“, um mit Spiegelungen, Schatten und Projektionen Geister aufscheinen zu lassen – ein Spiel zwischen Sichtbarkeit und Illusion, Leben und Erinnerung.

Kunst als kollektisches Echo

Das Ausstellungsfestival wurde am 5. September 2025 mit einer großen performativen Prozession eröffnet: „Foot Power“, entwickelt vom Centre for the Less Good Idea in Kooperation mit Kentridge, zog durch die Dresdner Innenstadt – ein sinnlich-politisches Spektakel aus Bewegung, Musik und Gemeinschaft. Unterstützt von der Banda Comunale, dem Singasylum-Chor und Studierenden der Hochschule für Bildende Künste Dresden, feierte die Prozession die kollektive Kraft der Kunst.

Im Februar 2026 erhält das Festival einen weiteren Höhepunkt: Die Dresdner Philharmonie bringt unter Michael Sanderling Schostakowitschs 10. Sinfonie gemeinsam mit Kentridges Film „Oh To Believe in Another World“ zur Aufführung – ein Dialog zwischen Klang und Bild über den Zwiespalt von Kunst und Macht.

„William Kentridge. Listen to the Echo“ ist ein vielstimmiges Plädoyer für das Denken in Widersprüchen, für Erinnerung als Gegenwart und für Kunst als Resonanzraum der Geschichte. In Dresden, wo sich Macht und Ohnmacht, Glanz und Zerstörung so unmittelbar begegnen, entfalten seine Werke eine besondere Intensität. Sie zeigen, dass jedes Bild ein Echo trägt – und dass in jedem Echo ein Stück Zukunft mitschwingt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Februar 2026 in den genannten Ausstellungsräumen zu sehen. Weitere Informationen findet man unter www.skd.museum.

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