Kulturkampf ohne Superhelden
Kulturkampf 2.0 - zur Rückkehr eines alten Begriffs in einer scheinbar erschöpften Gegenwart
veröffentlicht am 28.01.2026 | Lesezeit: ca. 8 Min. | von Oliver Will
Eugène Delacroix, „Die Freiheit führt das Volk“, 1830, Öl auf Leinwand, 260 x 325 cm, Foto © Shonagon
Es gibt Begriffe, die nicht zurückkehren, weil sie besonders präzise wären, sondern weil sie ein Unbehagen bündeln. „Kulturkampf“ ist ein solcher Begriff. Lange Zeit galt er als historisch erledigt, fest verankert im 19. Jahrhundert, als das Deutsche Kaiserreich und die katholische Kirche einander mit Gesetzen, Kanzelparagrafen und Loyalitätsforderungen bekämpften. Heute jedoch taucht das Wort wieder auf, erstaunlich selbstverständlich, in politischen Reden, Talkshows, Essays. Meist dient es als Chiffre für eine Gesellschaft, die sich selbst als gespalten erlebt – oder zumindest so beschreibt. Auffällig ist dabei, neben der inflationären Häufigkeit des Begriffs, vor allem seine Unschärfe. Der neue Kulturkampf scheint überall und nirgends zugleich stattzufinden: in Debatten über Gendern und Migration, über Klimapolitik und Kunstfreiheit, über Erinnerungskultur, Meinungsfreiheit und die Frage, wer eigentlich noch für wen sprechen darf und wie laut. „Kulturkampf“ ist dabei selten analytischer Begriff, sondern fast immer voreilige Diagnose, Anklage oder gar Drohung. Er verkörpert offensichtlich die Unvereinbarkeit verschiedener Perspektiven. Und zeitigt keine Sieger. Dass dieser Befund Konjunktur hat, sagt viel über den Zustand der Gegenwart – und wenig über ihre historischen Vorbilder.
Ein Blick zurück nach vorne
Der historische Kulturkampf war nicht nur diffuser, schlichter Streit um Werte oder Lebensstile. Er war einst ein machtpolitisches Projekt. Als Otto von Bismarck in den 1870er Jahren begann, den Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen, ging es um staatliche Souveränität, um Schulaufsicht, um Ehe- und Bildungsfragen, um die Loyalität einer religiösen Minderheit im neu gegründeten Nationalstaat. Der Kulturkampf war staatlich gelenkt, juristisch präzise und offen repressiv zugunsten der politischen Klasse. Vor allem aber war er vertikal organisiert: Staat gegen Kirche, Gesetz gegen Institution, Machtzentrum gegen gesellschaftliche Autorität. Die Kulturkampfdebatte hat sich also auf zwei unterschiedlichen Ebenen gewandelt und gegenwärtig erneuert. Als Kampf um politische Autoritäten, aber auch als gesellschaftspolitisches Schlachtfeld. Die Achsen der Machtzentren allerdings verschieben sich zunehmend. Politik und Kirche werden zu Nebenschauplätzen oder durch Unterwanderung der verschiedensten Art ihrer stabilisierenden Rolle beraubt. Der Kultur allein fehlt die Widerstandskraft. Die großen (Kultur-)Schlachten werden heute von Diktatoren und Superreichen geschlagen. Und zielen auf den bedingungslosen Sieg. Geht es nach ihnen, führt nicht mehr die Freiheit das Volk an, endet der lange, progressive Kampf für Demokratie, deren Untergang sie sich lauthals in ihre Statuten schreiben. Die Konzentration auf die erste machtpolitische Ebene erklärt die zweite zum ideologischen Schmuckwerk demokratischer Nationen und droht, sie zu ersticken. Der neue Kulturkampf ist nicht verordnet, sondern emergent. Er entsteht aus Kommunikation – und aus deren Überforderung. Aus gezielter Provokation. Ist gleichermaßen Ablenkungsmanöver und multiples Narrativ zur Stütze der Interessen der Mächtigen.
Die überraschende Rückkehr von links und rechts
Über Jahre hinweg schien es, als habe sich die klassische Links-Rechts-Unterscheidung erschöpft. Globalisierung, Individualisierung und eine lange Phase politischer Alternativlosigkeit hatten die ideologischen Lager porös gemacht. Man stritt über Sachfragen, nicht über Weltanschauungen, über Effizienz, nicht über Prinzipien. Politik erschien als Verwaltung des Unvermeidlichen. Umso bemerkenswerter ist die neue (Un-)Klarheit, mit der sich politische und kulturelle Lager wieder formieren. Links und rechts sind zurück – nicht als bloße Orientierungspunkte, sondern als moralische, teils radikale Selbstverortungen. Die Ränder werden deutlicher, die Sprachen schärfer, die Abgrenzungen kompromissloser. Wer heute Position bezieht, tut dies oft nicht mehr argumentativ, sondern existenziell. Dabei handelt es sich nicht um eine simple Wiederkehr alter Ideologien. Der neue Antagonismus speist sich weniger aus ökonomischen Theorien als aus Machtgier und moralischen Halbwahrheiten. Fragen von Identität, Anerkennung, Zugehörigkeit und Verletzbarkeit haben jene Rolle übernommen, die einst Klassenfragen innehatten. Politik wird zur Frage des richtigen Lebens – und damit zur Frage, wer falsch ist. Unangenehm.
Kultur als Austragungsort, nicht als Ursache
Dass ausgerechnet der Begriff „Kulturkampf“ diese Gemengelage bezeichnet, ist kein Zufall. Kultur ist jener Bereich, in dem gesellschaftliche Selbstbilder sichtbar werden und in dem Konflikte symbolisch verdichtet auftreten. Wo Wirklichkeit manifestiert und Wahrheit unterlegt wird. Kunst, Sprache, Rituale und Erinnerungen fungieren als Stellvertreterkämpfe für größere Auseinandersetzungen. Gestritten wird dann über Bücher, die nicht mehr gelesen werden sollen, über Wörter, die nicht mehr gesagt werden dürfen, über Bilder, die kontextualisiert oder entfernt werden müssen. Es geht um Bühnen und Museen, um Lehrpläne und Denkmäler – und doch selten nur um sie selbst. Kultur ist der Ort, an dem gesellschaftliche Spannungen sichtbar werden, nicht ihr Ursprung. Der eigentliche Konflikt liegt tiefer: in der Frage, wie viel Pluralität eine Gesellschaft aushält, ohne ihren normativen Duktus zu verlieren – und ob es diesen moralischen Kern überhaupt noch gibt.
Der erschöpfte Liberalismus
Der neue Kulturkampf ist auch eine Folge liberalen Erfolgs. Individuelle Freiheit, Gleichberechtigung, Minderheitenschutz und Selbstbestimmung sind heute weithin akzeptierte Normen. Noch. Doch dieser normative Konsens bringt neue Probleme hervor. Wenn alle Freiheit wollen, stellt sich die Frage, wessen Freiheit im Konfliktfall zählt. Wenn alle Anerkennung verlangen, wird sie zur knappen Ressource. Der Liberalismus, einst eine politische Befreiungserzählung, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Er muss erklären, wie mit kollidierenden Ansprüchen umzugehen ist, ohne selbst autoritär zu werden. In dieser Spannung wächst die Ungeduld. Wo früher Kompromisse gesucht wurden, werden heute Haltungen eingefordert. Zweifel gilt schnell als Schwäche, Ambivalenz als Verrat. Das Andere der Vernunft ist zurück und trägt viele Gesichter. Die Aufklärung als Mission ist längst nicht mehr Common Sense. Ihre Umkehrung greift einmal mehr schauderhaft tief. Trotz der Erinnerung, die noch vorhanden, aber bereits in Gefahr ist.
Medien, Erregung, Beschleunigung
Hinzu kommt eine mediale Öffentlichkeit, die Differenzierung systematisch erschwert. Soziale Netzwerke belohnen Zuspitzung, Empörung und moralische Eindeutigkeit. Der Kulturkampf wird dort nicht analysiert, sondern performt. Auch klassische Medien sind davon nicht unberührt. Die Logik der Aufmerksamkeit begünstigt den Konflikt, nicht seine Auflösung. So entsteht eine paradoxe Situation: Noch nie wurde so viel über Werte gesprochen – und noch nie fiel es schwerer, über sie ruhig zu streiten. Ihnen ihre progressive Linie zurückzugeben.
Und nun?
Vielleicht liegt das Problem weniger in der Existenz gesellschaftlicher Konflikte als in der Art, wie wir sie beschreiben. Der Begriff „Kulturkampf“ suggeriert Fronten, Sieger und Besiegte. Er unterstreicht die gelebte Intoleranz gegenüber anderen Perspektiven. Er verengt das Denken, wo Offenheit nötig wäre. Er macht aus Streit eine Schlacht – und aus Meinungsverschiedenheiten moralische Endstationen. Eine demokratische Kultur lebt jedoch nicht vom Kampf, sondern von der Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, ohne sie zu totalisieren. Sie braucht Räume, in denen Widerspruch möglich ist, ohne sofort zur Identitätsfrage zu werden. Der neue Kulturkampf ist kein Schicksal. Er ist ein Symptom. Die Demokratien aller Länder werden sich vereinen müssen, wenn sie sich im Haifischbecken der Macht Richtung Zukunft erhalten und entwickeln wollen. Hoffentlich können sie dabei auf die Armee der Superhelden zählen. Sie zeichnet aus, dass sie sich bei der Frage nach Gut und Böse stets auf die gute Seite schlagen. Und in letzter Minute die Welt damit retten.
Wie sieht der Auftrag der Superhelden derzeit aus?
Ihr „Auftrag“ besteht heute weniger darin, irgendeinen Bösewicht zu besiegen, sondern darin, Räume offen zu halten. Sie sollen dafür sorgen, dass gesellschaftliche Konflikte nicht sofort zu Identitätskriegen werden, dass man miteinander sprechen kann, ohne sich gegenseitig zu vernichten. In einer Zeit, in der alles schneller, lauter und moralisch aufgeladen ist, wäre ihre Aufgabe, die Demokratie widerstandsfähig zu halten: Menschen zu erinnern, dass Freiheit ohne Verantwortung hohl ist, und dass Vielfalt nur funktioniert, wenn man Ambivalenzen aushält.
Werden uns die einschlägigen Superhelden vor dem Bösen bewahren?
Kurz gesagt: Nein – zumindest nicht allein. Superhelden sind starke Metaphern. Sie verkörpern Hoffnungen: dass das Gute stark, mutig und selbstlos genug ist, um das Böse zu stoppen. Aber gerade weil sie fiktiv sind, zeigen sie auch ihre Grenzen. In den meisten Geschichten gewinnen sie nicht nur durch Kräfte, sondern durch Werte, Zusammenarbeit und oft durch ganz normale Menschen, die Verantwortung übernehmen. In der Realität gibt es keine Cape-Träger, die uns erlösen. Was uns tatsächlich „vor dem Bösen bewahrt“, sind Dinge wie: funktionierende Institutionen (Recht, Bildung, Presse), gesellschaftlicher Zusammenhalt, Zivilcourage im Kleinen, und die Bereitschaft, Macht zu begrenzen und zu kontrollieren. Vielleicht liegt die unbequeme Wahrheit darin: Wenn wir auf Superhelden warten, haben wir das Entscheidende schon abgegeben. Die Geschichten erinnern uns weniger daran, dass jemand kommt – sondern wie wir handeln sollten, wenn niemand kommt. Oder poetischer gesagt: Superhelden retten die Welt nicht. Sie erinnern uns nur daran, dass sie rettungsbedürftig ist.